Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 37 (13.9.1912)
- Date
- 1912-09-13
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021981-3022019--21463-3046558- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
. Nr. 37 Sette 626 Dt. Blochs Wochenschrift der Umarmung Holofernes der Zweck und die heroischpatriotische Tat nur das Mittel, um dieser Umarmung teilhaftig zu werden. Erst .wenn man dies erkannt hat, kommt in alle Reden und Szenen' der Judith grelles Licht. Ihr Patriotismus und ihre Religiosität sind nur, obzwar an «ich vorhanden, Hiüllen, die ihr selbst ihre wahrhaften . Beweggründe und Triebe verbergen. Sie befindet sich in einer gewaltigen Selbsttäuschung, deren Schleier erst in dem Moment zerreist, da sie von Holofernes die äußerste Schmach des Weibes erlitten und ihm dafiür aus Rache den Hopf abgeschlagen hat. Da hebt sich der wahre Charakter ihrer Tat mit all ihren lichtscheuen Beweggründen aus der Finsternis der bewußtlosen Region ihres Selbst in die Klarheit ihres Bewußtseins empor, und sie fühlt sich vernichtet durch diese Erkenntnis. - Daß sie ihre Schmach, während sie ihr widerfuhr, wie eine vergewaltigte Serailsklavin mit Verzückung genoß, das enthüllt ihr, daß hinter all ihren heroischen Impulsen. und Öpferposen als wahre Triebkraft nur der Schrei nach dem Manne gesteckt hatte. Von ihrem Gott hatte sie sich als höchstes, ihm zu bringendes Opfer soufflieren lassen, was nur der brünstigste -Wunsch ihrer aufgewühlten Sinne gewesen war. Der Jubel des Volkes, das sie als Heilige und Heldin feiert, ist die Strafe ihres Tuns und ihr. ist, als hätte sie auch zuvor daran gedacht. Also auch Eitelkeit war dabei. . Trotzdem hat Hebbel die Tat der Judith, wenn es sie auch -als; eine subjektive Schuld der Judith ansah, des Charakters einer im Sinne des jüdischen Volkes patriotischen; und. religiösen Tat nicht 'ganz entkleiden wollen. Er faßt sie auf als die Tat des Gottes Israels, durch •welche diesersein auserwähltes Volk vor seinen Drängern - errettet hat.- .Als Werkzeug zu dieser rettenden Tat bediente er sich eben der Judith, welches Werkzeug freilich dabei zugrunde geht. Der Gott Israels hat sich in dieser Judith das geeignete Werkzeug, die Waffe, möchte man -sagen, selbst geschaffen. Durch seine Einwirkung wurde Judith -zur unberührten Witwe. Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis der Brautnacht den Judith, in welcher Manasse nicht zu ihrem Besitz gelangen kann. Denn Gott spart sie auf für Holofernes, der dadurch, daß er sie entehrt, sich selbst den Tod züfügen wird. Das erotisch; erregte Weib ist ein Werkzeug in Gottes großem Rettungsplän für sein außerwähltes Volk. \ Und hier gelangte der Redner, nach, seinen eigenen Bemerkungen, zum. Mehligsten, Punkt. seiner AusfHhxuügeh, - denn er glaube etwas-gefunden , zu haben, , was 'bisher ,ün- -bekannt war, wenigstens habe er es in. keiner Besprechung der Judith, die ihm zu Gesicht gekommen sei, gelesen. - Der - Redner. hat nämlich die Stelle der Bibel entdeckt, von welcher Hebbel die Anregung zur Manasse-Episode gekommen ist. Im Büch „Judith“ ist keine Zeile zu finden, die darauf hin wiese, daß ihre Ehe mit Manasse nicht eine völlig normale gewesen wäre. „Und ihr Mann hatte geheißen Manasse; der war in der Gerstenernte gestorben. Denn als jer auf dem Feld war: bei den Arbeitern, ward er krank von der Hitze und starb in seiner Stadt Bethulien und ward zu seinen Vätern begraben.“ - Das ist alles, was das Buch Judith von Manasse sagt. Dagegen aber enthält das Buch Tobias eine Episode, von welcher der Redner nicht bezweifelt, daß sie das Samenkorn war, welches in Hebbels erotisch heißer Phantasie zur Geschichte der Ehe .Judiths aufging. Das ist die Geschichte -der Sara, der Tochter Raguels zu Ekbatana. Von dieser wird erzählt, daß sie sieben Männer zu Gatten gehabt habe, ohne daß einer vermocht hätte, ihr den jungfräulichen Gürtel zu lösen. Denn ein böser Geist, Asmodi geheißen, tötete sie, als sie sich zu ihr tun wollten. Der Engel, welcher den jungen Tobias auf seiner Reise geleitete, hieß ihn diese Sara zum Weibe zu nehmen, versprach ihm seinen Schutz und deutete an, daß deshalb kein anderer Mann ihr Gatte zu werden vermochte, weil Gott sie von; Ewigkeit an für den jungen Tobias bestimmt hatte. In dieser Geschichte fand Hebbel, der nach einer plastischen und dabei im Geist der Bibel empfundenen 5 Verkörperung des Gedankens suchte, daß Gott Judith als Werkzeug zum Verderben des Holofernes sich erzogen hatte, das was er brauchte. Er machte,aus den sieben Männern natürlich einen. Im übrigen war diese Geschichte ganz dazu angetan, Hebbel, der .die. Mischung des Erotischen mit dem Mystischen liebte, zu reizen. Da in den Uebersetzungen der Bibel das Buch Judith vom Buch Tobias nur durch wenige Blätter getrennt ist, lag es nahe, daß er, nach einem geeigneten Motiv grübelnd, auch im : Buch Tobias blätterte, wo ihm die Gestalt der „unberührten Witwe“ Sara aufstieß. Wie fern Hebbels Auffassung der Bibel liegt, geht? daraus hervor» -daß die. biblische Judith, von Holofernes zwar begeht, aber keineswegs vermehrt wird. Wenigstens bleibt dies im Dunkel. Der metaphysische Inhalt der „Judith“ ist der . Kampf zwischen der sich . selbst vergötternden Menschheit, im Heiden Holofernes verkörpert, und, der durch ein Volk wirkenden Gottheit. Wunderbar ist es dem Dichter gelungen, den persönlichen Gott Israels als unsichtbar allgegenwärtig, durch die Menschen seine Taten verrichtend empfinden zu lassen. Wie Gott dem Stummen reden macht, so reizt er die 'Sinne Judiths,, damit sie im Wahn patriotischen und religiösen Dranges zum Holofernes gehe, um sich ihm zu ergeben und ihn zu töten. Für die naive wilde Größe der biblischen Judith fehlt Hebbel das Organ. Daher ist seine Tragödie ganz und gar nicht als die dichterische Gestaltung des Buches Judith aufzufassen. Die interessanten Ausführungen des Redners fanden bei dem zahlreich versammelten Publikum, unter dem wir auch Frau Adele Doree, die „Judith“ des Schauspielhauses, bemerkten, den lebhaftesten, begeisterten Beifall. m. Noch bem Vortrag stellte mir Baron Berger die Tragödin Jfrau Dore vor, die ich als „Judith" gesehen hatte. Auf die Frage nach meinem Urteile über diese ihre Darstellung, die mit den Ergebnissen der Bergerschen Forschung „über die Apokryphen Tobias und Judith" in der Tat übereinstimmte, antwortete ich etwas zögernd: „Charlotte Wolter, die ich etwa 14mal als Judith bewunderte, spielte anders." Sie: „Was wollen Sie damit sagen?" Ich: „Jene war die Hebbelsche Judith." Sie: „Und ich?" Ich: „Sie die Bergersche." Ich 'wurde verstanden, denn ihre „Judith" war eine über die Matzen von den Apokryphen — selbst von der Hebbelschen — poetischen Interpretation, zu der die Apokryphen nur den Namen herliehen, weit, weit sich entfernende, mehr als sinnliche Judith. Als Baron Berger sich hierauf, noch erschöpft von der Entgegennahme der Beifallssalven, zu mir wandte und mich fragte, was ich zu seiner Forschung sage, antwortete ich nach längerer Verlegenheitspause: „Talmud isch." Hierauf er: „Talmudisch? In der Tat. Die Heranziehung von Tobias zur Erklärung der jungfräulichen Witwe Judith mag wie talmudifche Exegese erscheinen, aber ich stehe ihr nicht so ferne, wie Sie glauben. Wissen Sie: Ich bin ein Reis ootif alten Stamme, und meine Erotzmutter war eine fromme „Talmudistin"." Nach innigem Abschied begleitete ihn mein Wunsch nach Wien. Vor etlichen Wochen lud ich ihn namens unseres Vorstandes wieder ein, nach Hamburg zu kommen und uns einen Vortrag zu halten über: Einflüsse der orientalischen Legende auf das deutsche Drama. Er antwortete mir: „Das Thema reizt mich mächtig, aber ich kann keine sicheren Daten angeben. Ich bin ein Theatermann, auf den ist kein Verl atz." Auf mein nochmaliges Schreiben erhielt ich. keine Antwort mehr. Baron Berger ging den Wog' alles Fleischlos. Am letzten Dienstag haben sie ihn, den 60jährigen grotzen Theatermann, zur ewigen Ruhe gebeitet. Oesterreich und Deutschland trauern um eine bedeutende Persönlichkeit, die im Reiche des Geistes viel gegolten. Ich aber las in der Stunde seiner Bestattung seinen letzten Brief und dessen Schlutz „kein Verlatz", und ich zitierte wie unbewutzt Vers 3—6 in Psalm 146: „Kein Verlatz, ihr Menschen, auf die Edelsten, fürwahr kein Verlatz auf Adelige, Baron,e und unabhängige Freiherren, kein Verlatz auf den Menschensyhn, bei dem keine Hilfe und kein Heil. Es geht ihm der Odem aus, er kehrt zurück zu seiner Mutter Erde; an diesem Tage gehen zunichte seine Gedanken, seine Strebungen und seiner Hoffnung e n Z i e l e!" Ist dies Zitat ein würdiger Schlutz für ein Erinnerungsblatt an einen so hochstehenden Kenner und Freund des Buches aller Bücher, der Bibel, der Lieder aller Lfeder, der Psalmen? Nicht doch! Der