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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-09-13 · 37 (13.9.1912) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
37 (13.9.1912)
Date
1912-09-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 37 Dr. Blochs Wochenschrift Sette 825 gelesen zu werden, da, wie ich erfuhr, etwa 500 solcher Werke stets Vorlagen, dem Direktor Berger zu überreichen, was mir, freilich auch nur in einer Probenpause nach schwerer Mühe, auch gelungen ist. Dabei sprach B. von seiner Sehnsucht nach einer Zeit, in der der nackte Realismus der neuen Bühnenkunst überwunden sein werde durch den von ihm zu erkämpfenden gesunden Real-Idealismus, sowohl der dramatischen Poesie wie auch der künstlerischen Darstellung. Ob diese Sehnsucht je in seinem Lehen gestillt wurde, darüber wage ich nicht zu urteilen. Mir schien die Neuinszenierung der Hebbelschen Dramen durch B. ein Novum, das dem geäußerten Ideale in keiner Weise entsprach, ja es galt mir oft als ein Gegensatz zu den alten klassischen Traditionen der Hofburg-Musterbühne, die in dem Heim von Lessings Dramaturgie unter Maurice, Pollini und Bachur ihre Interpreten gefunden. Zur Zeit, als Rudolf Schildkraut mit seinem „S h y l o ck" die Hamburger und später die Berliner in Staunen versetzte, schrieb Berger, einer der gelehrtesten und gewandtesten unter den philosophischen Feuilletonisten, der „Neuen Freien Presse" eine Abhandlung über „S Hy lock", hinweisend auf die exzellente Leistung des lediglich seine Interventionen verkörpernden Charäkterhelden die Worte: „SHy lock ist der Vater Nath ans." Der Professor der Aesthetik, der jedesmal in Wort und Schrift mit Ueberraschungen auftrat, drang mit psychologischer Tiefe und logischer Schärfe in sein Problem ein und protestierte gegen die allgemeine Auffassung: ff Shakespeares Shylock, diese Hyäne in Menschengestalt, " bilde einen gewaltigen Kontrast zum Lessingschen Humanitätsdrama. Berger macht Shylock zum Vorläufer Nathans und lehrt Schildkraul in seiner Realistik, diese idealistischen Theorien zu Fleisch und Blut werden zu lassen. Schildkrauts Lorbeer wuchs auf Vergerscher Flur: wohl aber auch dem Empfinden des Publikums, das diesen Lorbeer darreichhe,'wurde an Stelle des brutalen Tiermenschen im Shylock ein Mensch nähergebracht, und das war vielleicht etwas von dem erstrebten Real- Idealismus der Bergerschen Muse. Als es hieß, Berger wolle Hamburg verlassen, wo er nutzer seiner Tätigkeit als genialer Bühnenleiter auch alljährlich mehrere Male in öffentlichen Vorträgen brillierte, fand ich mich auch in seinem Hause. Papenhuderstratze, ein, um ihn für unsere „Gabriel Rietzer-Vereinigung zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" zu einem Vortrage zu gewinnen. Ich erinnere mich, von meinem seligen Freunde Ludwig August Frankl, dem Berger manchen Artikel in verschiedenen Zeitschriften, insbesondere der „Neuen Freien Presse", gewidmet hat, gehört zu haben, Berger besitze außer der Kenntnis der biblischen Schriften auch bieder nach biblischen, besonders der von Herder durch Mendelssohn in die deutsche Literatur eingeführten Poesie der Rabbinen. des agadischen Teiles des Talmud Und Midrasch. Auch hieran arbeitete seine Phantasie und schuf Neues, Modernes aus alten Legenden und Märchen in zahlreichen Aufsätzen, und auch im Dialog mit Gelehrten sprach er mit Vorliebe über diese herrlichen Blüten des Hebräergeistes, und wie willkommen war ihm die Kunde, datz die ihm unzugängliche sechsbändige Sammlung neuer Midraschim „Bet ha-Midrasch" von Ad. Iellinek u. Prof. Wünsche in Dresden ins Deutsche übertragen wird. Auf meinen Wunsch, er, der Neubeleber Hebbels in Deutschland möchte unserem Vereine einen Vortrag halten über das apokryphische Buch „Judith" und die gleichnamige Hebbeltragödie", erhielt ich sofort eine Zusage. Blitzartig zuckte es aus feinem leuchtenden Auge, er erwiderte: „Darauf hin ich besonders präpariert, ich will Ihnen Neues sagen." Es war der ereignisreichste Abend, den unser Verein am 24. Oktober 1908 in der Aula des Wilhelmgymnasiums erlebt hat. Kopf an Kopf satz die lauschende Zuhörerschaft aus den besten Kreisen der Gesellschaft, was Religion, Wissenschaft, Kunst, Handel und Industrie an hervorragenden Vertretern aufwies, alles war da. 'Berger brachte auch Ungewöhnliches, Neues. Tag zuvor war er noch in Wien, reiste dann die Nacht vom 23. auf den 24. Oktober durch und etwa 2 Stunden vor Abhaltung des Vortrages fand ich ihn in seiner Wohnung über seinem Manuskripte hocken, das er im Coupö entworfen und skizziert hatte, fellen und korrigieren. Eine volle Stunde unterhielt er sich mit mir über die verschiedensten Themata, darunter auch über ein vvn ihm ziemlich schlecht befundenes Drama „Sabbatei Zwi" von — wenn ich nicht irre — Schalom Asch, wobei er mir seinen .Besuch in Aussicht stellte, um in meiner Bibliothek das Historische über „Zwi" kennen zu lernen. Dann kleidete er sich an, und wir fuhren unter lebhaften Gesprächen zur Vortragshalle. Was er sprach und wie er seine Aufgabe löste, darüber soll der Berichterstatter des „Hamburger Korrespondenten" die Leser unterrichten. Ich lasse sein Referat hier folgen: Die Hamburger „Gabriel-Riesser-Vereinigung für die Wissenschaft des Judentums“ eröffnete ihre dieswinterlichen Veranstaltungen mit einem Vortrag des Herrn Baron von Berger über Hebbels Judith und die Apokryphen. Der Redner warf zunächst einleitend die Frage auf, ob es ein besonderes Interesse habe, bei einem Dichter auf die i Quelle zurückzugehen und Vergleiche zwischen dieser und dem Dichterwerk anzustellen. Er müsse einesteils sagen, so betonte der Redner, daß er es nicht liebe, künstlerische Werke so zu zerlegen, es komme etwas allzu Bewußtes in das Kunstwerk hinein, aber andererseits habe ihn die Erfahrung eines anderen belehrt. Er sei bei jeder Neuinszenierung eines Dichterwerkes stets auf die Quelle zurückgegangen und habe dabei vieles in dem Kunstwerk entdeckt, was ihm sonst nicht aufgefallen wäre. Auch empfinde man doch eine gewisse Freude, wenn man sieht, wie der Dichter das Kunsthandwerk gestaltet hat. Der Vortragende weist dann eingehend darauf hin, wie Shakespeare als ein Sohn des damaligen naiven Zeitalters sich noch vielfach an seine Quelle hielt, während Goethe und Schiller schon in einem ganz anderen Verhältnis zu ihren Quellen stehen, und erinnert in dieser Beziehung einerseits an „Macbeth“, andererseits an „Egmont“ und „Die Jungfrau von Orleans“. Der Vortragende betont dann weiter, daß auch von Hebbels Werken das den Erfolg ferngehalten hat, daß nicht nur der Stoff vielen <so fremd war, sondern auch vor allen Dingen, daß er in die Stoffe seine große Subjektivität hineingelegt hat. So war Hebbel nicht im geringsten daran gelegen, die Judith der Bibel auf die Bühne zu bringen. Seine Judith hat mit der Bibel nur den Namen gemein und das Aeußere ihrer Tat. Hebbels Judith ist eine erotisch schwüle Natur. Eine jungfräuliche Witwe, deren Sinnlichkeit durch den Gatten, den ein geheimnisvolles Hindernis abhielt, sie zur Frau zu machen, auf gereizt, aber nicht befriedigt ist. Wohl ist sie dem jüdischen Gesetz getreu, sie ist fromm und gläubig, liebt ihr Volk und haßt seine Feinde. Aber der mißversteht Hebbel und ahnt die dunklen Wege nicht, die sein Dichtergeist wandelt, der sieh täuschen läßt und naiver Weise glaubt, Judith gehe zum fürchterlichen Holofernes, um durch dessen Ermordung ihr Volk zu retten und den Gott Israels an seinem Verächter zu rächen. Möglich, ja soger gewiß, daß sie selbst glaubt, Patriotismus und Religiosität seien die Beweggründe jhres Tuns; aber der Dichter weiß es besser, denn er blickt durch die durchscheinende Schale ihrer Gedanken und Reden in das dämmerige Dunkel ihres Unterbewußtseins hinab und gewahrt deutlich, was sich in diesen, ihr selbst verborgenen Regionen ihrer Persönlichkeit regt und sie unwiderstehlich hinaustreibt zu Holofernes, dem Mann der Männer, „der die Weiber mit seiner Umarmung tötet“, um ihn zu töten, wie sie meint, in Wahrheit aber, um zuvor etwas durch ihn zu erleben, was ihr ein persönliches Motiv schaffen wird, sich an ihm für die grauenhafteste Erniedrigung zu rächen. In ihren Gedanken stellt sich ihr die Schändung durch Holofernes, auf die sich gefaßt macht, als das Mittel dar, durch welches allein sie ihren Zweck, die Rettung ihres Volkes durch Tötung des Holofernes, verwirklichen kann. Für den Teil ihrer Persönlichkeit aber, der nicht Ivopf ist, kehrt sich die Sache um, da ist die Wollust

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