Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 37 (13.9.1912)
- Date
- 1912-09-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 620 Dr. Blvchs Wochenfchrfft Nr. 37 „Sagen Sie mir, ich bitte, ich Meiß, daß ich es mit einem Alumne von freiem Geiste und hoher Bildung zu tun habe. Wie kommt es nun, daß Sie selbst zugeben, daß der Mann, von dem hier die Rede ist, Christ und Mitglied einer alten adeligen Familie ist, und dennoch machen Sie bei der ersten besten Gelegenheit beinahe unbewußt und aus purer Gewohnheit einen Unterschied zwischen ihm und den übrigen Portugiesen, indem Sie einfach erklären, daß der Betreffende Jude sei. Ich möchte doch gerne wissen, worin dieser Unterschied eigentlich besteht?" Der Gefragte war durch diese Frage sichtlich in Verlegenheit und antwortete dann: „Ich hatte niemals die Absicht, die Neuchristen zu beleidigen. Mich würde es auch nicht stören, wenn sie offiziell wieder Juden würden. Wir hier in Portugal haben die Zeiten der schrecklichen Jnquisitionsmorde bereits überwunden. Wir bieten alles auf, um die Erinnerung an diesen Schandfleck zu verwischen. Aber Tatsache ist es doch, daß wir unter uns zahlreiche neuchristliche Familien haben, die in manchen Städten die Mehrzahl der Bewohner ausmachen und ich weih es aus eigener Erfahrung, dah sie in manchen Städten noch vor dreißig Jahren manche jüdische Sitten hielten und jüdische Gebete verrichteten. Sie verschwägern sich auch nur miteinander. Manchmal wollen sie sich nicht mit den Christen verschwägern und ein andermal wieder wollen die reichen christlichen Familien ihre Tochter nicht einem „Juden" geben. Aber im allgemeinen sind die Portugiesen wie wir selbst tüchtige, fähige Menschen, die sich bereits assimiliert haben, sich für Christen halten, aber .dabei genau wissen, dah sie von Juden abstammen." Bei dieser Gelegenheit bestätigte Herr B. S. auch, dah es ganze portugiesische Inseln gibt, deren sämtliche europäische Einwohner von Marannen abstammen. Diese sind sich auch dessen bewußt und ergreifen gerne jede Gelegenheit, arme Juden, die auf die Insel kommen, tatkräftig zu unterstützen. Diese Unterredung gab mir viel zu denken, und ich beschloß, einen bekannten Gelehrten und Kolonialpolitiker, der auch in dem itoistischen Angolaprojekt eine wichtige, öffentlich noch nicht bekannte Rolle gespielt hat, zu besuchen und mit ihm über diese Frage zu sprechen. Dieser Mann empfing mich mit einer bitteren Klage über die Juden, die es nicht verstehen wollen, mit welcher Anhänglichkeit er an dem Zustandekommen des Angolagesetzes mitgearbeitet hat. Er warf den Juden Unverständnis vor, die das Gute nicht akzeptieren wollen. Seiner Meinung nach ist Angola für eine jüdische, sowie für eine allgemeine Kolonisation sehr geeignet. Ich konnte mich nun nicht langer zurückhalten und warf die Frage ein: „Ich möchte doch gerne wissen, weshalb Sie sich so sehr für das Projekt einsetzen und immer von den Vorteilen sprechen, welche eine Angolakolonisation für die Juden hätte, deren Wesen Sie ja gar nicht kennen und nicht verstehen." Der Gelehrte erhob sich von seinem Sitze und antwortete heftig: „Wie können Sie sagen, daß ich die Juden nicht kenne und nicht verstehe. Sie wissen ganz gut, daß ich, wenn ich auch in erster Reihe Portugiese bin, aber doch selbst auch Jude bin. Wohl kein Religionsjude, aber immerhin Rassenjude. Ich stamme von den Marannen ab. Meine Familie hatte in einer amerikanischen Kolonie viel zu leiden und wurde dem Judentums entfremdet. Ich habe wohl heute gar keine Beziehungen mehr zur jüdischen Religion. Aber ich habe ein starkes Mitgefühl mit dem großen jüdischen Volke geerbt, und das lebt stark in mir. Und ich bin nicht der einzige; ein Drittel der Portugiesen in Brasilien befindet sich in derselben Lage wie ich. Ich würde vielleicht dies noch stärker betonen, aber mehr als alles ärgert es mich, daß gerade die wahren Juden; denen ich begegne, zum Beispiel gerade Herr (er nannte einen in Lissabon lebenden russischen Juden), sprechen mit Verachtung .von uns, die wir selbst nach 400 Jahren noch uns als Kinder des jüdischen Volkes fühlen." Ich habe den Gelehrten beruhigt. Keiner unter uns Inden, der die jüdische Geschichte genau kennt, verachtet die unglücklichen Marannen, die wegen ihrer treuen Anhänglichkeit zum Judentum so viel gelitten haben und nicht wie die landläufigen Täuflinge zu behandeln sind. Ich empfahl ihm das Studium der jüdischen Geschichte, in welcher er nahezu hundert Seiten finden wird, die von den Leiden der Marannen erzählen. Und ich fügte noch hinzu: „Wenn die jüdischen Geschichtsschreiber der letzten Generation aufgehört haben, Berichte über die Marannen zu bringen, so seid Ihr daran schuld, und nicht wir. Man hört nichts mehr von Euch, noch! weniger fühlt man, daß in Euch noch jener verborgene jüdische Funke lebt, von dem Ihr sprechet. Vielleicht wird das Angolaprojekt Euer schlummerndes jüdisches Gefühl erwecken, vielleicht wird es dem jüdischen Volke viele wichtige und, wie es scheint, nicht ganz verlorene Kräfte zurückführen! . . ." Am selben Abend besuchte ich mit einem Bekannten ein Konzert. Ich sah dort viele Damen in feinen, modernen Toiletten. Ich betrachtete ihre edlen jüdischen Eesichtszüge, blickte in ihre glänzenden, fast wie leidend rührenden züchtigen Äugen und sahihre matten melancholischen Gesichter: da vergaß ich ganz, daß ich mich in Lissabon inmitten einer katholischen Gesellschaft befinde, glaubte einen Moment lang auf einem jüdischen Balle in Warschau oder noch richtiger in Smyrna zu sein. Was bedeutet das? Ich will keine Schlüsse ziehen. Ich erzähle bloß die Tatsachen. Korrespondenzen. Der deutsche Juristenitag und die! Revision des, Hilsnerproresses. Der deutsche Juristentag, welcher in den letzten Tagen in Wien getagt, gestaltete sich im Verlaufe der Verhandlung über die Beibehaltung oder Abschaffung der Todesstrafe zu einer feierlichen Manifestation für die Unschuld des in der Strafanstalt Stein schmachtenden Leopold Hilsner. Da man über die Möglichkeit rechtsirrtümlicher Verurteilungen verhandelte, so mußte naturgemäß der Name des unglücklichen Hilsner genannt werden. Schon in den Referaten über diese Materie hat der berühmte Rechtsprofessor aus Kiel auf den Prozeß Hilsner hingewiesen als auf den typischen Fall einer rechtsirrtümlichen Verurteilung. So ist auch auf dem deutschen Juristentage der Name Hilsners genannt worden. Dr. Schneeberger hat in temperamentvoller Red-r gegen die Beibehaltung der Todesstrafe darauf hingewiesen, daß selbst in Oesterreich, wo dem Obersten Gerichtshof eine Handhabe zur Materiellen Ueberprüfung hes gesamten Prozeßstoffes gegeben ist, in den letzten Jahrzehnten Fehlurteile bei Kapitalverbrechen gefällt und auch Justizmorde durch wirklich ungerechte Hinrichtungen begangen wurden. Er verweist unter anderem auf die Fälle Katharina Steiner und Leopold Hilsner, die heute in der Literatur die durch die allgemeine Meinung bestätigte Signatur von schweren Justizirrtümern empfangen haben.