Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 37 (13.9.1912)
- Date
- 1912-09-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 37 Dr. Brochs Wochenschrift Seite 619 schüft und Literatur einen hervorragenden Vertreter, sondern auch das Judentum beklagt in seinem scheiden den Verlust pnt&s warmen Freundes, der ihm: in seinem Var Kochba ein unsterbliches Denkmal setzte und regen Anteil an feinem Kultur- und Geistesleben überhaupt nahm. Dieser Mann, der soviel Verständnis für unsere Geschichte ausbrachte, war ursprünglich für den geistlichen Stand bestimmt, entsagte aber früh der theologischen Laufbahn und wurde Hörer der philosophischen Fakultät in Prag. Auf seinen Reisen als Erzieher im Haufe Montecuccoli lernte er Italien kennen, später auch Deutschland, Frankreich, Dänemark und Belgien, und schöpfte aus diesen Reisen eine Fülle von Anregung und von Kenntnissen, die dem Dichter von unschätzbarem Werte waren. Er war ein ebenso hervorragender lyrischer, epischer, als auch dramatischer Dichter, ein glänzender Uebersetzer, der die fremden Kulturen trotz seiner ausgesprochen nationalen Färbung voll aufzunehmen verstand. Seit 1901 war er Mitglied des Herrenhauses und wirkte überdies an der Prager tschechischen Universität als Professor für Geschichte der Modernen Literatur. Wir werden in nächster Nummer eine eingehende Würdigung des Dichters bringen. B.-M. Das Weste jüdische Dokument in Ungarn. Aus Budapest wird berichtet: In den letzten Tagen kam aus einem Privatarchiv ein für bas ungarische Judentum nicht unwichtiges Dokument zum Vorschein. Dem Inhalt des Schriftstückes — das wir bisnun nur aus einer späteren Abschrift kannten — folgend, erscheint der jüdische Kammergraf leomes eameiaa douiiui nostri — das heißt des Königs — L a d i s l a i, wie er sich selbst tituliert) Fredman am 7. Februar 1280 mit Fulcus, dem Sohne des Nikolaus aus der Familie Ludan, vor dem Grauer Kapitel und gibt hier vor, er habe dem König seinerzeit 300 Mark Feinsilber geliehen, wofür dieser ihm zwei Dörfer zum Geschenk machte. Das eine Dorf, Zsigard, wolle er nun dem erschienenen Fulcus für zweihundertneunundneunzig Silbermart verkaufen und bestätigt den richtigen Empfang dieser Summe vor dem Kapitel. Das Dokument selbst — als einfacher Kaufkontrakt — besitzt natürlich nicht mehr Interesse als solche Schriftstücke überhaupt aus der Zeit Ladislaus IV., des Kumanen. Es ist aber — abgesehen von den Dekreten der ersten ungarischen Könige — eines der frühesten Akten der ungarischen Iudenschaft, und außer einem gewissen Tetanus und einem Henel ist dieser Fredman, soll heißen Friedmann, der einzige Kammergraf, von dem die ungarische Geschichte zu erzählen weiß. Maimonides im der spanischen Literatur. In Madrid ist dieser Tage ein sehr interessantes Buch des berühmten spanischen Schriftstellers Gomez Carilla erschienen. Es ist die farbenreiche Beschreibung einer Reise, die der Dichter durch den Orient gemacht hat. Vielleicht die schönste Stelle dieses Buches ist die Schilderung der Gefühle, die den Dichter an dem Grabe seines berühmten Landsmannes Rabbi Moses ben Maimon in Jerusalem erfüllt haben. Bitter beklagt sich Carilla darüber, daß die spanische Literaturgeschichte all die großen Geister, welche die spanischen Juden vor ihrer Vertreibung hervorgebracht haben, vollständig vergessen hat. Aber von all den zahllosen spanisch-jüdi-, scheu Gelehrten und Dichtern hat wohl keiner es verdient, gerade als Spanier deklariert zu werden und sich seiner bis in alle Ewigkeit zu rühmen, als gerade Maimonides, der mit Recht nächst Moses dem Sohne Amrams von den Juden am meisten gefeiert und geehrt wird. Nach einer Schilderung der Glanzepoche der spanischen Juden und nach Anführung einer ganzen Reihe berühmter Namen aus jener Epoche schließt Carilla seine Betrachtung wie folgt: Man kann es noch begreifen, weshalb alle diese glänzenden Namen während der Jahrhunderte finsteren Glaubenshasses von uns vergessen wurden. Aber welchen Vorwand haben wir heute und was hindert uns heute, sie unter unsere übrigen nationalen Größen einzureihen. Obenan in unserem Parnaß an der Spitze unserer Philosophen und Dichter gebührt ein Platz Maimonides. Und im Namen ganz Spaniens beuge ich jetzt das Knie vor seinem Grabe und spreche: Du unser größter, forschender Geist vergib uns, daß wir deiner sausend Jahre lang vergaßen. Aber schon ist die Zeit gekommen, da dein Andenken in uns emporsteigt und weithin glänzt. Cordova, das deiner heute gedenkt, wird deinen Namen als des größten ihrer Söhne — und sie kann sich nicht weniger großer Söhne berühmen — von nun ab heilig halten und ihn zum Bewußtsein der Spanier bringen. Die heutigen Marannen in Portugal. Von Professor Dr. N. Slousch. In einem seiner Berichte aus Portugal beschäftigt sich Dr. Slousch mit den in Portugal noch lebenden Marannen und führt folgendes aus: Was ist aus den Marannen in Spanien und Portugal geworden? Das ist eine der Fragen, die mich bei meiner letzten Reise durch die pyrenäische Halbinsel beschäftigte. Ich konnte nicht gut glauben, daß die zahlreichen Zwangschristen selbst in einem so großen Lande wie Spanien, wo die Marannen in vielen Städten ein Drittel der Einwohner ausmachen, einfach untergegängen seien. Noch weniger wollte ich es glauben, daß das siedende jüdische Blut sich ohneweiteres mit dem phlegmatischen kühlen portugiesischen, halb arabischen Volksmassen vermischt hätte. Ich nahm vielmehr immer an, daß es wie das Oel auf dem Wasser stets auf der Oberfläche bleiben müßte. Wir dürfen nicht vergessen, daß in Portugal die Marannen ein Sechstel der Gesamtbevölkerung des Landes betrugen, daß es noch im achtzehnten Jahrhundert jüdische Märtyrer der Inquisition gegeben hat und daß viele Marannen nach Holland und der Türkei zogen, und dort wieder öffentlich zum Judentums zurücktraten. So konnte ich es niemals glauben, daß die Marannen vollständig in der Bevölkerung Portugals aufgegangen seien, und als ich> nach Lissabon kam, konnte ich mich überzeugen, daß meine Kenntnis der Geschichte der Juden und ihrer Psychologie mich nicht im Stiche gelassen habe. Es war an einem' Abend. Wir saßen am Tische des Gelehrten P. S. Ich befand mich in Gesellschaft des Hausherrn, eines jungen Diplomaten, ferner eines älteren einflußreichen Politikers, der, ein hervorragend gebildeter Mann, zu den Mitbegründern und Beschützern der jungen portugiesischen Republik gehört. Es kam die Sprache auf einen bekannten Gelehrten und Künstler namens Cardosa. Plötzlich höre ich, wie der Hausherr ganz unschuldig die Bemerkung macht: „Er ist auch Jude!" „Jude?" frage ich, „und woher stammt er?" „Woher sollte er denn stammen. Er gehört einer alten portugiesischen Adelsfamilie an." „Und worin besteht sein Judentum?" frug ich nun. . „Oh, mein Herr, er ist eigentlich Christ, oder richtiger gesagt, ein Freidenker, genau wie ich, aber er gehört einer neuchristlichen Familie an." Es war mir nun klar, daß unter den sogenannten Neuchristen die Familien der einstigen Marannen zu verstehen seien. Aber ich stellte mich unwissend und frug den Gastgeber: