Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 37 (13.9.1912)
- Date
- 1912-09-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 618 Dr. Mochs Wochenfchrfft Welche Beachtung auch »die Siegelkunde verdient, zeigte mir schon vor Jahren das Beispiel der Familie Luzzatto, ein Name, der (Lausatus!) auf die Lausitz deutet, also auf deutsche Herkunft, wie die anderer jüdischer Familien in Oberitalien, so Morpurgo (Marburger), Ottolenghi (Ettlingen, da Cologna (Köln), Treves (Trier), Todesoo u. a. Nach einer Familienüberlieferung der Luzzattos sind, sie vor etwa 450 Jahren in Italien eingewandert. Noch heute wird in der nach ihnen benannten, also wohl von ihnen errichteten Synagoge in Venedig nach deutschem Ritus gebetet. Nun zeigt das Siegel der Familie Luzzatto einen Hahn, der eine Gerstenähre im Schnabel hält, darüber einen Halbmond zwischen zwei Sternen. Dieselben Zeichen fand ich, nur in etwas anderer Gruppierung, im Wappen verschiedener deutscher Adelsgeschlechter, darunter auch eines voigtländischen, also in unmittelbarer Nachbarschaft der Lausitz, — wenn auch nicht ein bündiger Beweis, so immerhin doch ein Hinweis, der im Zusammenhang mit anderen Indizien Beachtung verdient. ' Und bekannt ist das Biegel der Bapaports (Cohen- Eapa), das für die Erklärung des Namens als „Babe“ aus Porto (Italien) einen Ausgang gebildet hat. Zur Anlegung eines „jüdischen Familienarchivs“ er^ bitten wir die lieber Weisung von Urkunden der erwähnten Art. Auch ist, falls der Vertrieb der Zeitschrift einen Ueberschuß ergeben sollte, dieser für den „Archivfond“ in Aussicht genommen. Der Abonnementspreis für den Jahrgang beträgt M. 2 — — K 2.50. Das einzelne Heft ist für M. 0:50 — K. 0.65 zu beziehen. Wir Hatten dafür, daß die leidige Zersplitterung, wie sie auf so vielen 'Gebieten geistiger, politischer und sozialer Betätigung in unserem schwer Heimgesuchten Judentum Platz gegriffen hat, diesmal sich leicht vermeiden liehe, wenn die hier ^röffnete Sammelstelle allgemeine Beachtung fände. Gerade unliebsamen Auswüchsen des jüdischen Individualismus kann eine jüdische Genealogie heilsam begegnen. M. Theodor Gomperz. Der Nachruf, den ein leitendes großes BlattimLeitartikel dem verewigten Gomperz gewidmet, enthalt den bedeutsamen Satz: Wie seinem Stamme war auch ihm „ein Zug von leiblicher und geistiger Nüchternheit" eigen. — Aber sein Herz war nicht nüchtern. Welcher tief warme Familiensinn spricht beispielsweise aus nachstehendem Briefe an Dr. B. Pl a c z e k in Brünn, der mit ihm auch in einem regen wissenschafilichen Verkehr gestanden: Wien, 4. September 1899. Hochverehr ter Herr! Heute erlaube ich mir. Sie um einige Auskünfte zu bitten, deren Beantwortung Ihnen hoffentlich keine, große Mühe bereitet. Ich habe nämlich in diesen Ferien angefangen, Lebenserinnerungen aufzuzeichnen, wobei ich auch einiges aus der Vorgeschichte meiner Familie zu berühren veranlaßt war. Nun können die Hilfsmittel, welche die Matrikel dei Ih ren unterstehenden BrünnerKultusgemeinde liefert, nicht in eine ferne Vorzeit meiner Familie zurückreichen, da sich erst mein Grißvater, und zwar im Beginne der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts daselbst niedergelaffen hat. Aber gern wüßte ich, ob sein Todesjahr 1811 ist oder welches sonst, jedenfalls, wie ich meine, von dem angegebenen nicht weit entfernt. Ferner weiß ich zwar noch aus eigener Erinnerung, daß mein Onkel Emanuel Gomperz gegen Ende des.Jahres 1844 in Brünn gestorben ist. Aber gerne würde ich sein Geburtsjahr kennen, das jedenfalls einige Jahre vor 1783, dem Geburtsjahre seines jüngern Bruders, meines Vaters, fallen muß. Drittens und letztlich: Ich wüßte gerne mit Bestimmtheit, ob mein Vater (Filipp Gomperz) in Wirklichkeit der jüngste unter seinen Geichwrstern war. Daß zwei seiner Schwestern (Eleonore und Fanny) älter als er waren,, glaube ich mit Bestimmtheit annehmen zu können. Ebenso weiß ich es von dem vorhin genannten Emanuel, nicht ganz so sicher von seinem früh verstorbenen Bruder Max. und vollends unsicher bin ich in Betreff des Altcrsverhältniffes zwischen ihm und seiner Schweller Babette oder Betty, welche die .weite Frau meines-mütterlichen Großvaters L. Ausspitz geworden ist und in der früheren Hälfte der Dreißigerjahre gestorben sein muß. Das Letztere schließe ich ans dem Umstand, daß meine älteren Geschwister sich ihrer noch erinneit haben und erinnern, während mir jede Spur einer solchen Erinnerung fehlt. Die voraustehenden Schlußbemerkungen verfolgen den Zweck, das , Aufsuchen auch der Geburtsdaten zu erleichtern, da Wohl beim Einträgen der Todesdaten eine Rückoerweisung auf die früheren, dicslbe Person betreffenden Angaben nicht fehlen dürfte. Wenn.es Ihnen, hochgeehrter Herr, ohne besonderen Aufwand von Mühe möglich ist, die im Vora.nstth-'nden ausgesprochenen Wünsche zu erfüllen, so würden Sie sehr verpflichten Ihren in vorzüglicher Hochachtung ergebenen „Th. G." Zum 80. Geburtstage des Verklärten, hat Dr. Plaezek folgende Zeilen an ihn gerichtet: Brünn, 3l. März 1912. Hochverehrter Herr Hof rat! Eine Lawine von Blütenschnee ist über Ihrem achtzigjährigen, noch geiftesstolz getragenen Haupte zur lenzesfrohen Fner niedergegangen. Sie werden es auch einem Nachzügler, der im Jahre 1854 hier das Gymnasium absolvierte und seit 1860 in Ihrer Geburts- und Vaterstadt wirkt, vergeben, wenn er aus der Tiefe seiner Seele ein centum ad annos! heivorholt. Ich unterscheide zweierlei Schriftsteller: solche» die etwas schreiben und die über etwas schreiben. Die Letzten der Erstercn pflegen den Ersten der Letzteren voranzugehen. Sie aber schreiben immer etwas, wenn Sie über etwas schreiben und bieten darum schon lange nachwirkende Anregungen nach verschiedenen Richtungen. Sie haben sich verewifl und brauchen nicht wie andere G eise abends zur Ruhe zu gehen und morgens zu erwachen nut dem Seufzer: Wie lange noch? Für Sie bleibt das Leben eine stete „Aszendenz". Quatre-vingt sagt der Fr nzose für achtzig; sollte der glücklichste Sanguiniker unter den Nationen alle 20 Jahre einen neuen Lebensfrühling begrüßen? We sagt nur der große Hellenist Goethe? „So lange man lebt, soll man lebendig sein!" Wollen Sie die Versicherung altgewohnter tiefsinniger Verehrung entgegennehmen von Ihrem aufrichtig ergebenen Dr. Pl. Der RoosevekHche ftorobibut für bi'm NkiWyorker Gouvemeurpostm. Oskar Strauß. Die Nominalion Strauß' zum Kandidaten für den Gouverneurposten des Staates Newyork auf. dem Rooseveltticket bedeutet die größte politische Ueberraschung und stärkt die Aussichten Roosevelts im Staate Newyork außerordentlich. Die gesamte Presse ohne Unterschied der■■ Parteirichtung bezeichnet Strauß als idealen' Kandidaten. Die.Szenen, unter welchen sich seine Nomination abspielte, waren höchst eigenartig. Strauß, der selbst den Vorsitz in der Konvention führte,. war im Begriffe, die Abstimmung über die Nomination, die zwischen dem Vorsitzenden des Staatskomitees Hotchkins und Roosevelts persönlichem Favorit Prendergast schwankte, anzuordnen, als einer der Delegaten auf die Vorsitzendentribüne eilte und dringlich das Wort erbat. Strauß wollte das Wort zunächst nicht erteilen, um1 so mehr, als der fragliche Delegat ein bekannter Witzbold ist und auch in einem1 höchst theatralischen Rauhreiterkostüm angezogen kam. Als derselbe laut in die Menge rief, er wolle einen Mann Vorschlägen, dessen Namen Freudentränen in die Augen aller Bewohner treiben werde, glaubte man erst recht an einen Scherz, und als er nach einer kurzen Pause erklärte, er schlage Oskar Strauß vor, war zunächst die Verblüffung so vollkommen, daß niemand wußte, was tun. Trotz der entschiedenen 'Ablehnungsversuche seitens Strauß' packte aber die ganze Versammlung rasch eine wahrhaft stürmische Begeisterung, und atte anderen Kandidaturen wurden sofort zurückgezogen. Strauß, der vergebens versuchte, im turbulenten LärM zu Worte zu kommen, wurde einfach durch die einstimmige Nomination überrumpelt. Strauß, der bekanntlich unter Roosev.elt Handelsminister war, wurde zweifellos mit dessen Einverständnis nominiert. Er hat die größten Chancen, erwählt zu werden, wodurch zuM erstenmal ein Jude an die Spitze der Wichtigsten Staatsverwaltung treten würde. Javoslav Brchilicky gestorben. Knapp vor Redaktionsschluß kommt uns die Nachricht zu, daß cmt 9. September in Taus der tschechische Dichter Iaroslav Brchilicky, eigentlich Dr. Emil Bohus Frida, im Alter von 59 Jahren gestorben ist In Drchitticky verlieren nicht nurWisseN-