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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-09-13 · 37 (13.9.1912) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
37 (13.9.1912)
Date
1912-09-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 37 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 617 Im Kampfe ums Recht verfolgen die einen ihr Ziel auf allen Wegen, die da zum Ausbau der Weltordnung nach ihren Lebens- und Rechtsanschauungen führen. Me sie der allrömische Spruch kündet: „Fiat justitia, pereat mundus“, oder vielleicht zutreffender: koreat justüia, üat muvdnL, d. h. roie sie sich die Welt denken und haben Will. : . Den anderen hingegen dürften einige Grundsätze und Sprüche aus dem biblisch-rabbinischen Schrifttum vor Augen schweben: 3. B. M. 18—5: „Wahret meine Gesetze und Rechte, die der Mensch übe, um zu leben durch sie. Aber nicht — wie R. Jsmael (im ersten Jahrhundert n.) erklärend betont — um durch sie zu sterben." Sanh. 74 a. »Aboth 1—18: „Auf drei Dingen beruht die Welt: auf der Wahrheit, aus dem Rechte und auf dem Frieden, wie es heißt: Wahrheit redet einer mit dem anderen, wahrhaft und zum Frieden sprechet Recht in eueren Toren!" Zacharia 8—16. Ieruschalmi Schekalim Ende: „Auf drei Dingen beruht die Welt: auf Recht, Wahrheit und Frieden. Wird das Recht gewahrt und geübt, werden auch Wahrheit und Frieden geschaffen und begründet" . . . Wahrheit und Friede sind die eigentlichen Korrektive des Rechtes, der Rechtsfindung, der Rechtsprechung, der Rechtspflege: durch beide kann das subjektive Recht zum objektiven, das abstrakte Recht zum materiellen oder praktischen Rechte, das relative, nach Ort und Zeit, nach Parteirichtung und Gesinnung, nach Interessen und Strebereien unendlich wandelbare Recht zum absoluten Rechte werden und durch Wahrhaftigkeit zum Frieden im Einzelgewissen führen und — wenn Ostwald von einem „Gehirne der Welt" spricht, so darf man auch sagen — zu einem Frieden im G ew i fsen der Welt, zum Völkerfrieden. — Ob und wann, das weiß nur Gott, „dessen Sache das Recht ist". 5. V. M. 1—7. Von der menschlichen Gerichtsbarkeit gilt ja noch! immer, wer weiß wie lange noch, das prächtige Wortspiel und der klingende Reim Jesais 5—7: Mischpot—Misspoch, Zedakah— Zeakah. Unsere Devise laute jederzeit: Fiat justitia, ne pereat mimdus! Pl. Ein Archiv für jüdische Familienforschung. Es ist kein Zufall, daß in lein und derselben Woche in zwei weitverbreiteten jüdischen Organen, in der „A l lge me inen Zeitung des Judentums" und in „Ost und West" die Forderung nach einer wissenschaftlichen jüdischen Genealogie erhoben wird. In der „Allg. Ztg. d. Iud." schreibt ein junger christlicher Historiker: „Vor kurzer Zeit erschien ein genealogisches Handbuch, „Semi-Gotha" benannt, welches die Genealogie des jüdischen Adels behandelt, in dem fälschlicherweise eine große Anzahl christlicher Familien hineinversetzt wurde. Von der wissenschaftlichen Genealogie wurde das Buch strikt abgelehnt, wie es auch zu Angriffen der konservativen Blätter geführt hat und zum Teil zu sehr spöttischen Bemerkungen über die Genealogie der Juden selbst. Warum wird denn nicht durch die Veröffentlichung von . richtigen altjüdischen Familiengenealogien der Sinn für Familiengeschichte usw. in der Iudenschaft wieder angeregt? Ich meine nicht die Veröffentlichung der Genealogie des sogenannten jüdischen Adels, sondern des guten altjüdischen Bürgerhauses. Da kann man beweisen, daß ein Jude, der doch von konservativer und Zentrumsseite so viel Anfeindungen zu erleiden hat, stolz auf lerne Abstammung ist und sein kann, denn die Genealogie wurde bei den Juden schon in grauesten Zeiten gepflegt. Es würden sich sicher Familien finden, die schon Aufzeichnungen besitzen aus der Zeit, als in Deutschland überhaupt an „Adel" im heutigen Sinne des Wortes nicht gedacht werden konnte. Da kann man sagen, „Euer Adel ist von gestern, aber meine Familie war schon geachtet und berühmt lange vor Beginn eurer Zeitrechnung, als an euch überhaupt noch niemand dachte." Auf dem alten jüdischen Friedhof in Frankfurt a. M. befinden sich Grabsteine vom Jahre 1200 zirka. Was für eine Fundgrube für den Famil|enforscher müssen die Archive der alten Synagogen bilden? Der Sinn für Familiengeschichte ist den Juden doch niemals abgegangen, und ich denke es mir sehr schön, als Beilage Ihrer geschätzten Zeitung und Ergänzung der Familiennachrichten derartige genealogische Notizen zu veröffentlichen. Und warum zurückhallen? Jeder ist stolz auf seine Väter, sie mögen gewesen sein, was sie wollen! Ich hoffe, mit diesen kurzen Ausführungen eine gute Anregung gegeben zu haben und würde mich sehr freuen, wenn ich zustimmende Antwort bekäme. Willy P u l s." In „Ost u. Wesh" wird von Felir H a l l e der „Tag" vom 16. Juni d. I. angeführt, in dem der bekannte Genealoge Dr. Kekule von Stradonitz, der jüngst so überraschende Beziehungen des preußischen Herrscherhauses entdeckt hat, den Wunsch nach einer guten Genealogie adeliger jüdischer Familien geäußert hat. Auch daß Antisemiten, wie der Genealoge Dr. Körner, erklären: „Gerade vom genealogischen Standpunkte aus wäre es freudig zu begrüßen. wenn ein genealogisches Taschenbuch jüdischer Familien (auch der bürgerlichen) einmal erscheinen würde," ist wohl zu beachten. Körner selbst schließt in seinem „Genealogischen Handbuch bürgerlicher Familien" die Juden grundsätzlich aus. Der Aufsatz Halles enthält eine Reihe wertvoller Anregungen für die Anlegung einer solchen jüdischen Genealogie. Entschieden spricht er sich für die Aufnahme getaufter Zweige jüdischer Familien aus, da der von Judenfeinden der jüdischen Rasse immer wieder entgegengehaltene Vorwurf der Minderwertigkeit dadurch entkräftet werden kann. Eine Genealogie der Juden wäre aber nicht nur von kulturhistorischem und sozialwissenschaftlichem Wert, sie wäre auch ein Zeichen der Pietät. Nebenbei hätte sie ferner für Stiftungswerber usw. eine praktische Bedeutung. Nicht gering ist schließlich die moralisch-pädagogissche Bedeutung anzuschlagen, die der Besitz eines solchen Buches auf die Heranwachsende Jugend der hetreffenden Familien ausüben muß. Die Redaktion von Ost- und West knüpft an den Aufsatz Halles gut begründete Bemerkungen und schließt mit dem Urteil: „Wir kommen zum Schlüssle, daß mit den im vorstehenden erörterten Einschränkungen die Idee einer jüdischen Genealogie alle Beachtung verdient." Nun ist, um mit dem Talmud zu reden, „schon vor der Wunde das Heilmittel gereicht". Bereits vor dem Erscheinen des „Semi-Gotha", der nun auf einmal diese Lücke in der jüdischen Geschichtsforschung.so klaffend hervortreten läßt, ist vorläufig als Beilage zu den „Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde" seit dem 1. August d. I. ein „Archiv für jüd. Familienforschung" im Erscheinen begriffen. Im Vorwort des ersten Heftes schreibt der Herausgeber, Herr Dr. Mar Grunwald, Wien, XV., Mariahilferstraße 67 r „Vor kurzem hat sich innerhalb des Kuratoriums des AViener jüdischen Museums ein kleines Komitee gebildet, das zunächst durch die Herausgabe einer Zeitschrift den Sinn für diesen bisher nur gelegentlich, u^bt planmäßig gepflegten Zweig 'der jüdischen Geschichtsschreibung zu fördern bestrebt ist. In zwanglosen Heften sollen Familiendokumente von einer gewissen historischen oder kulturgeschichtlichen Bedeutung, Testamente, Stammbäume, Privilegien, Meisterbriefe, Mohelbücher und dergleichen mehr, als Quellen historischer Forschung erschlossen werden.

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