Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite €06 Dr. VLaHs WochMchrfft Nr. 36 In voller Stärke war auch fast die gesamte Karlsbader Feuerwehr unter dem Oberkommando des Herrn Heinrich v. Mattoni ausgerückt, nahm am Friedhose Aufstellung und, nachdem Herr Rabbiner Dr. Ziegler dem Dahingeschiedenen einen erhebenden Nachruf gewidmet hatte, wurde der Sarg unter den Klängen eines von der Feuerwehrkapelle gespielten Totenmarsches für alle Zeiten in die Erde versenkt. Mistelbach (Goldene Hochzeitsfeier.) Aus Anlaß der 80jahrigen Wiederkehr des Hochzeit» festes des verdienstollen Mitgliedes der Tempelverwaltung und des verstärkten Kultusausschustes unserer Gemeinde Herrn Leopold Plaschkes fand am 17. August l. I. in Anwesenheit des Bürgermeisters der Stadt Mistelbach Herrn Baumeister Josef Duull, der Kultusgemeindevertretung und überaus zahlreicher Festgäste ein erlesener Gottesdienst im Tempel zu Mistelbach statt. Die Festvredigt dielt in Verhinderung des Herrn Bezirksrabbiners Dr. GeVharrs über Ersuchen der Kultusgemeir.de Herr k. u. k. Feldprediger Rabbiner Dr. Heinrich Schwenker aus Lundenburg. Der Jubilant wurde als Maftir zur Tdora aufgerufen und durch den Kantor Herrn Leopold Regner ein für diesen Anlaß verfaßter Mischeberach wirkungsvoll vorgetragen. Nach Beendigung des Gottesdienstes wurde dem Jubilar, welcher seit mehr als 30 Jahren als Tempelvorsteher in Mistelbach fungiert, das Ehrengeschenk der Kultusgemeinde, bestehend aus einem goldenen mit entsprechender Widmung versehenen Ehreubecher in Abwesenheit des Kultusvorstehers Abeles und des Beirates Dr. Schmitz von dem Kultusausschußmitglted Hermann Löffler und BethauSvorstande Heinrich Kohu überreicht. Da« Jubelpaar erhielt zahlreiche telegraphische und schriftliche Gratulationen von Nah und Fern. Krakau. Die Wach- und Schließgesellschaft in Krakau ersucht mit Bezug auf die Mitteilungen in Nr. 34 zu konstatieren, daß die Leitung jeder antisemitischen Tendenz fernstehe und daß es nicht richtig sei, wenn behauptet wird, daß diese Gesellschaft keine jüdischen Beamten anstelle. Luudeabnrg. (Verlobung.) Herr Rabbiner Doktor Heinrich Schwengel hat sich mit Fräulein Kamilla W e i s l, Tochter des Herrn Sigmund W e i s l, Vizebürgermeister in Trebitsch, verlobt. Arad. Herr Oberkantorstellvertreter Sandor Weiß wurde nach Ablauf eines Probejahres unter sehr günstigen Bedingungen für definitiv und mit einer Gehaltserhöhung angestellt. „Salmalm-Troubadour". (Dramatisierung der Newyorker Polizeiskandale.) Das Newyorker jüdische Novellytheater hat,/wie die Newyorker „Times" berichten, für feine Bühne eine Novität erworben, welche sicherlich das beste Kassastück der kommenden Saison in Newyork sein wird. Es ist dies das Drama „Salmann-Troubadour", verfaßt vom Redakteur der Newyorker „Iewish DaillpNews", Leon Solotkow. In dem Drama werden die Newyorker Polizeiskandale, welche gegenwärtig die Gemüter, in Amerika in so großer Erregung halten, sowie das Leben und Treiben in den Spielhäusern behandelt. Die Hauptrollen haben Rudolf Schildkraut und die Direktorin des Theaters, Mrs. Sarah Adler, übernommen. Im Novelty-Theater, das jetzt vergrößert wurde, wird ausschließlich jiddisch gespielt. Ableben eines jüdischen Malers. In Warschau starb vor kurzem einer der bekanntesten akademischen Maler in Rußland, Jakob Katzenelenbogen, im Alter von 43 Jahren. Der Verstorbene wurde in Minsk geboren und zeigte schon als Kind große Neigung für Malerei. Er absolvierte die Petersburger Kunstakademie mit Auszeichnung und erhielt in verschiedenen Ausstellungen erste Preise. Vor siebzehn Jahren gründete er in Lodz eine Kunstmalschule, deren Direktor er bis an sein Lebensende blieb. Groß ist die Zahl seiner Schüler, welche es in der Kunstwelt zu großem Ruhm gebracht haben. Nach Warschau kam er, um von einem schweren Leiden Heilung zu suchen, starb jedoch nach einer Operation. An seinem Leichenbegängnisse haben fast sämtliche russische Kunstkreise teilgenommen. Feuilleton. Die jüdischen Theater in Uem-Uorü. Wer jemals die Straßen des Newyorker Ghetto passiert hat, wird das Bild, das sich ihm zeigt, nicht vergessen. Schubkarren an Schubkarren stehen da längs der Gehwege. Ich glaube kaum, daß es einen Artikel gibt, der hier nicht feilgeboten würde. Man weiß wirklich nicht, wohin man früher schauen soll. Alles zusammen kommt einem wie ein Warenhaus unter freiem HimMel vor, und es ist zum Staunen, daß diese emsigen Verkäufer ans ihre Spesen kommen. Doch machen alle ein Geschäft. Von weit und breit kommen Leute, um einen „Bargain" zu -bekommen. Doch am Abend ändert sich das Bild. Die Wagen find verschwunden. Während die Straßenreiniger die Wege säubern, sieht Man festlich gekleidete Menschen, die in ihr Theater gehen. Newyork hat drei große jüdische Theater, die jeden Abend glänzend besucht sind. Da ist vor' allem das People-Theater in der Vowery unter Leitung des sehr beliebten Schauspielers Boris Tomaschefsky. Als vor zwei Jahren der auch in Wien bekannte Darsteller Rudolf Schildkraut als East an das Irving Place-Theater (Deutsches Theater) nach Newyork kam, mußte er, so wie vor ihm Ernst Possart, vor leeren Häusern spielen. Herr Schildkraut kehrte dem deutschen Musentempel gekränkt den Rücken und nahm den Antrag Tomaschefskys an, im jüdischen Theater zu spielen. Das Resultat war ein glänzendes. Man muß dabei gewesen sein, um zu beobachten, wie diese Leutchen den Worten dieses Künstlers lauschten. Stets, wenn der Vorhang fiel, durchbrauste ein Sturm des Beifalls den 'großen Saal. Auch das Theater unter Leitung des Schauspielers Jakob Adler ist stets ausverkauft. Dieser wackere Mime weiß seine Zuhörer zu fesseln. Ich sah letzteren als „Shylock" im Kaufmann von Venedig und einige Tage später als „König Lear" (für das jüdische Theater von I. Eordon bearbeitet). Die Kunst Adlers steht auf sehr hoher Stufe, was auch von .den deutschen wie englischen Zeitungen anerkannt wird. Vor zirka acht Monaten eröffnete der jüdische Tragöde David Keßler an der zweiten Avenue und ersten Straße ein Theater, welches einen Fassungsraum für 3000 Menschen hat. Ein äußerst modernes Gebäude mit einer Prachtentfaltung ausgestattet, die ihresgleichen sucht. Natürlich! fehlte es am Eröffnungsabend nicht an offiziellen Rednern. Auch der Mayor der Stadt Newyork, William G a y n o r, hielt eine Ansprache, die bezeichnend ist für die Beliebtheit her Juden dieser großen Stadt. Der Bürgermeister sagte unter anderem folgendes: „Ich habe, selten Gelegenheit, auf solchem Boden zu stehen, doch schätze ich es hoch, heute zu Ihnen sprechen zu können. Man nennt diese Gegend das „Ghetto", doch sind die Bewohner dieses Stadtteiles die fleißigsten und emsigsten. Wir anderen haben viel von Ihnen gelernt. Vor allem das jüdische Familienleben möchte ich als Muster empfehlen. Ich weiß, die meisten der hier Anwesenden müssen tagsüber schwer schaffen, und da sind sie dann froh, am Abend in ihr Familientheater gehen zu Können, um sich an den Worten ihrer Dichter zu laben. Es find keine leeren Worte, die ich hier gebrauche, wenn ich Sie versichere, daß, wenn mein Weg mich in das Ghetto führt, ich in Ehrfurcht an den niederen, düsteren Häusern vorübergehe, da ich weiß, daß in jedem derselben zumindest ein Gelehrter wohnt." Mit dem Wunsche, dieses Haus möge gedeihen wie die anderen jüdischen Theater, schloß der Bürgermeister seine Rede, die einen Beifall entfesselte, der nicht zu beschreiben ist.