Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Seite 603 Sh. 36 Dt. Mnchs Wochenschrift wieder an der Klagemauer aufzustellen. Nun hat die Polizei sich in die Angelegenheit gemischt und lieh durch eines ihrer Organe sowohl Bänke und Stühle entfernen, als auch die kleinen Lämpchen rings der Mauer sistieren. Das Polizeiorgan ging sogar so weit, einem Juden das Psalmbuch aus der Hand zu reihen und es mit Fühen zu treten. Diesen letzteren Umstand benützten nun die jüdischen Vorsteher von Jerusalem zur Klage gegen die Polizei und zur neuerlichen Aufrollung der ganzen Angelegenheit, da bekanntlich die Psalmen den Mohammedanern genau so heilig sind, wie den Juden. Dies scheint auch den Pascha von Jerusalem dazu bestimmt zu haben, nicht nur eine 'Untersuchung gegen das Polizeiorgan einzuleiten, sondern auch alle diejenigen, welche die unflätige Beschmutzung der Klagemauer am letzten Tisch'ah b'ab in Szene fetzten, in Haft zu nehmen. Die Juden aus der Msch-ni-Nowgoroder Messe!. Einen sehr bezeichnenden Verlauf nahm, wie aus Petersburg.gemeldet wird, die letzte Sitzung der freigewählten MarktkomMission in der berühmten russischen Handelsstadt Nischni-Nowgorod. Auf der Tagesordnung stand bloh die Mitteilung des Generalgouverneurs, durch welche bekannt gegeben wurde, dah die im Gesetze vorgeschriebene Wahl der kaufmännischen Delegierten für die Messe nur zum Teile bestätigt wurde, während die Wahl der jüdischen Bevollmächtigten annulliert wurde. Dieser Erlaß verursachte um so größere Erregung, als er gegen das Gesetz verstößt und überdies solche Juden getroffen hat, die infolge ihres Bildungs- und Vermögenszensus schon im Sinne des Gesetzes in ganz Rußland das Wohnrecht besitzen. Der Vorsitzende, Großkaufmann Salaskin, ein Russe, führte unter anderem aus: Wenn wir zu dieser Frage Stellung nehmen, handelt/es^fich uns. nicht um. die Rechte der Juden, sondern um unsere eigenen Rechte und die Rechte der russischen Bürger überhaupt. Die Frage besitzt gerade jetzt eine besondere Bedeutung, weil im allgemeinen die Beobachtung gemacht werden kann, daß die Behörde sich überhaupt nicht um das Gesetz kümmert, sondern nur nach eigenem Willen handelt. Die Judenfrage bezüglich der Nischni-Nowgoroder Messe bedarf, abgesehen von der Unegesetzlichkeit der Annullierung der Wahl unserer Bevollmächtigten, einer öffentlichen Beleuchtung und darf nicht mehr von der Tagesordnung schwinden, bis sie nicht im Sinne des .Gesetzes erledigt ist. Genau so, wie dies in Sibirien der Fall war, so würde auch die weltberühmte Nischni-Nowgoroder Messe zur Bedeutungslosigkeit herabsinken, würden wir es ruhig zugeben, daß die Juden willkürlich von der Messe ausgeschlossen werden. Die Versammlung beschloß hierauf mit erdrückender Majorität, den Erlaß des Gouverneurs nicht zur Kenntnis zu nehmen, sondern gegen den Gouverneur wegen Mißbrauch der Amtsgewalt die Klage zu erheben. Em Pogrom in Petrikau. .? Das Warschauer fortschrittliche Blatt „Nowa Gazeta" meldet aus Petrikau: Am 28. August abends kam es in Petrikau zu einem Pogrom gegen die Juden. Ein zwölfjähriges Mädchen, welches bei dem Kaufmann Gerber in der Bujnowskagasse einen Einkauf zu machen hatte, wurde von Frau Gerber aufgefordert, ihr in den Keller zu folgen, da die verlangte Ware im Geschäfte nicht vorrätig sei. Das Mädchen folgte der Frau und erzählte später ihrer Mutter, Frau Gerber habe im Keller einen Ritualmordversuch an ihr verübt. Dieses Gerücht verbreitete sich Mit solcher Schnelligkeit in der ganzen Umgebung, und innerhalb einer Viertelstunde hatten sich vor dem Geschäfte Gerbers Tausende von Menschen angesammelt, welche das Lokal mit Steinen zu bombardieren begannen. Die rasch herbeigeeilte Wache war nicht imstande, die Menge zurückzudrangen. doch vermochte sie wenigstens die Familie Gerbers vor der Lynchjustiz zu sichern. Das Geschäftslokal Gerbers wurde total zerstört und geplündert. Als die Polizei Verstärkung durch eine Abteilung Militär erhielt, zog der Pöbel von dem Gerberschen Lokale weg und begab sich in die innere Stadt, woselbst nun in den jüdischen Geschäften und Häusern das Zerstörungswerk begann. Mehrere Abteilungen Militär stellten sich schließlich den Erzedenten entgegen. Es kam zu heftigen Zusammenstößen, wobei das Militär von der Waffe Gebrauch machte. Zahlreiche EXzedenten erlitten Verletzungen. Eine große Reihe von Verhaftungen wurde vorgenommen. Unter den Juden herrscht große Erregung, da eine Wiederholung der Exzesse befürchtet wird. Die englischen Juden und die russische Paßsrage. Wie uns aus London mitgeteilt wird, hat der Vorstand der Anglo Jewish Association im Vereine mit dem Komitee für auswärtige Angelegenheiten der Board of Deputies dem englischen Minister des Aeußern Sir Edward Grey ein umfangreiches Memorandum in Angelegenheit der russischen Paßfrage überreicht. In diesem Memorandum wird der Nachweis erbracht, daß die Behandlung der ausländischen Juden in Rußland weder den englischen Gesetzen noch den Gesetzen der Menschlichkeit entspricht. Die Vertreter der beiden genannten hervorvorragenden jüdischen Organisationen in Ungarn fordern nun in entschiedenem Tone, daß den englischen Juden in Rußland das allen englischen Bürgern zustehende Recht gesichert werde. In dem Memorandum wird auch angedeulel, daß, falls die englische Regierung sich nicht geneigt fühlen sollte, die Gesetze des Landes, zu deren Schutze die Regierung berufen sei, in allen Fällen zur Geltung zu bringen, die Judenschaft Englands wegen dieser ganz unglaublichen Ausnahmestellung andere Schritte unternehmen nrüßte. Interessantes ans dem Jahresbericht der englischen Bibelgesellschaft. Der letzte Jahresbericht der engischen Bibelgesellschaft enthält abermals einige interessante Daten über die Juden in den verschiedenen fernen Ländern. Im Bezirke Limassol auf Zypern traf ein Agent der Gesellschaft eine Kolonie von 30 jüdischen Familien, welche sich vor zehn Jahren zwischen Nicosia und Larnaca angesiedelt haben. Es find das lauter russische« Juden, die vor zehn Jahren nach einem.Pogrom aus Rußland geflüchtet find und erst in dieser Gegend eine Ruhestätte gefunden haben. In Mosul, deren Judengemeinde heute als die älteste angesehen wird, findet sich heute eine jüdische Gemeinde von 300 Familien. Hier versuchte der Agent der Ge- Gesellschaft das Neue Testament unter den Juden anzubringen, hatte aber wenig Glück, da sich bloß drei Juden fanden, die aus Neugierde das Buch kauften. Der Bericht klagt darüber, daß in verschiedenen Ortschaften zwischen den Missionären der Gesellschaft und den ansässigen Juden blutige Schlägereien entstanden und die Missionäre aus der Gemeinde gejagt wurden. Aus Marokko berichtet der dortige Agent, daß daselbst „leider nicht viel zu machen sei, da sowohl die Juden als auch die Mauren auf ihre Religion stolz seien und jeden Annäherungsversuch energisch abweisen". Cm Schaufkug zu Gunsten einer jüdischen Wohktätigkeitsgeftklschaft. Am 2. September d. I. finden in Newyork Schauflüge zu Gunsten der Hebrew Sheltering and Immigrand Society statt. Diese Veranstaltung verspricht recht intereffant und, wie die Newyorker „Times" schreiben, auch recht denkwürdig zu werden. Denn derjenige, welcher