Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 596 Dr. Vlochs Wochenschrift Ar. 36 Wie könnte es auch anders sein, zumal ja die Vorsehung nach dem rückwärts gerichteten Prophetenblick des offiziösen Wagnerbiographen 5t. F. Glasenapp schon seit dem 15. Jahrhundert die zarten Liebestriebe der Wagnerschen Vorfahren so wunderbar verknüpfte, datz der Kulturmensch des 20. Jahrhunderts sich in Andacht neigen und bekennen mutz: -Etwas Höheres, Wunderbareres ist nicht zu entdecken, „als die geheimnisvolle Verkettung irdischer Kausalitäten zu einem Ziel, das, von verschiedenen Seiten her vorbereitet, in seinem Endergebnis so weit über das gemeine Menschliche*) hinausragt. Undeutsche Nörgler werden vielleicht ironische Zweifel in die genealogische Spürkünst des begnadeten Vayreuther Sehns oder in das geheimnisvolle Walten des Schicksals setzen. Wenn das aber alles Wahrheit — „schmucklose Wahrheit" nach den Worten des Meisters — ist, wozu bedarf es da noch des Vayreuther Weihrauchs? Schmerzliche ist es freilich für die Mit- und Nachwelt, datz diese geheimnisvolle Kraft sich mit der Erzeugung des einen musikalischen Ingeniums erschöpft hat und datz der Nachwuchs — wie im Falle Bismarck — so bescheidene Früchte trägt. Wo bleibt da die schöne Theorie von der „Höherzüchtung des Raffenjmenschen", die ja gerade im engeren Familienkreise des Hauses Wahnsried einen so beredten Verteidiger gefunden hat? („Mitt. des Berliner Abwehrorgans".) Vom Aabrmarkt des Lebens. Zur Frage der Zentralisierung der Bekleidungs- Vereine in Wien. Zu wiederholtenmalcn habe ich in Vorträgen, Zeitungsartikeln und in einer Broschüre auf die unbedingt und notwendigerweise erforderliche Zentralisierung von Wohlfahrtsvereinen gleicher Tendenz zu gemeinsamem segensreichen Wirken hingewiesen und sah mit Freude, daß manche meiner Anregungen durch die sorgsame Ausführung edler Damen und Herren zunutzen der betreffenden Armen aktiviert wurden. So wird die Tätigkeit des Hietzinger israelitischen Frauen-Vereines zugunsten der verlaffenen Kinder allgemein anerkannt, die Abdirigierung fremder Kranken aus den Wiener Spitälern gewiß beachtenswert durch das gemeinsame Wirken von drei trefflich arbeitenden Vereinen und so sind manche Einrichtungen im Wohltätigkeitsamte und bei der Zentralstelle für das jüdische Armenwesen über meine Anregung erfolgt. Vor zwei Jahren habe ich als Konsulent der Zentralstelle einen Antrag gestellt, betreffend das gemeinsame Zusammengehen in Angelegenheit der konfessionell jüdisch und interkonfesfionell wirkenden Bekleidungsvereine. Es wäre, so sagte ich, bei der Zentralstelle ein Vormerkbuch zu führen, in dem die Eintragung aller zu bekleidenden Kinder vor ihrer Bekleidung zu erfolgen hätte, ferner sollten die Vereine in dem bestehenden Zettelkataster Einficht nehmen und jedem Vereine muß es sodann überlassen bleiben, zu entscheiden, ob er sich an die ihm dadurch gebotene Auskunft hält und es mit seinem Vereinsgewiffen zu vereinbaren weiß, ein ihm als notorisch unwürdig — im Sinne der Bekleidungsbedürftigkeit — bezeichnetes Kind zu beteilen. Ich erlaubte mir auf mancherlei Vorteile aufmerksam zu machen, gab Anregung zu einer Bekleidung verschämter Armer, die sich nicht schriftlich oder formgemäß an die Vereine zu wenden hätten, machte aufmerksam auf gemeinsame Einkaufsquellen, wodurch die Anschaffung der *) An kraftgenialischem Selbstbewußtsein hat es freilich dem Vayreuther Jupiter tonans nicht gefehlt. Soll er doch — woran L. O. Erdmann in einem Artikel des „Kunstwart" (2. Machest) erinnerte — zur Zeit der Reichsgründung sich dem Fürsten Bismarck in einem offiziellen Schreiben als preußischer Kultusmini st er angeboten haben — was freilich nicht sehr glaubhaft klingt, die Legende von seiner historisch-göttlichen Sendung aber recht hübsch illustriert. Bekleidungsstücke verbilligt werden könnte, auf diskrete Beteilung, wodurch das Schamgefühl vieler Kinder und deren Eltern gewahrt werden würde und fand noch manche einzelne gewiß erwägungswerte Anregung in dieser Spezialagende des Armenwesens. In einer Delegiertenversammlung der Zentralstelle erstattete Herr Dr. Schorstein ein Referat, die sich anschließende Diskussion ergab jedoch kein dcfinitives Resultat, da die Vereinsdelegierten der irrigen Ansicht waren, daß die Zentralstelle sich in ihre Autonomie mengen wolle u. dergl. Die für Viele allzufrüh verstorbene Frau Rosa Zifferer hatte in einer Kuratoriumssitzung der Zentralstelle sodann die Idee, die Bekleidungsfrage in der Weise zu ordnen, wie der multergiltig wirkende Verband zur Unterstützung jüdischer Wöchnerinnen arbeite und die Frage einer „Rayonierung" in Erwägung zu ziehen. Dieses eine Wort war zündend und nur Wenige dachten an die Schwierigkeiten einer solchen Aktion. Theoretisch ideal — praktisch schwer durchführbar — so sagte ich zu der sel. Frau Zifferer. Aber Herr Heinrich Mendl in seinem mutvollen Arbeitstriebe wollte den Versuch aufnehmen und berief Vereinsdelegierte wiederholt ein, um mit ihnen die Rayonierungsfrage der Bekleidungsvereine zu besprechen. Trotz großer Mühe, vieler Schreibarbeit und aufklärender Reden ist die Zentralstelle bis heute zu keinem befriedigenden Resultate gekommen. Es wäre zu wünschen, daß — in welcher Form immer sie ausgeführt würde — die sehr wichtige Arbeit gemeinsamen Wirkens von Wohlfahrtsvereinen gleicher Tendenz — nicht an den Eitelkeiten der Vorstände scheitere, sondern daß zugunsten der wahrhaft Bedürftigen Tüchtiges geleistet werde. Der Artikel der stets rührigen Frau Klotilde Benedikt mit dem Hinweise auf amerikanische Vereinsverhaltnisse ist sicherlich beachtenswert und sollte auch dieses bewährte System bei uns ein geführt werden, jedoch — scheint über dem großen Wasser ein harmonisches Zusammenarbeiten es zuwege gebracht zu haben, all das Gute in so mannigfacher Art zu leisten. Bei uns marschieren wir getrennt. Jeder für sein Wohl, jeder-für seinen Verein sorgsam bedacht — ja nicht gemeinsame Sache zu machen, und so kommt es, daß der im Armenfache wirkende nur schwer „praktische" Neuerungen einführen kann — es wäre denn — daß er dazu sagen würde, auch in Amerika und Deutschland ist es so. Jetzt kommt die Zeit, da die Bekleidungsvereine daran gehen, ihre Schützlinge zu bekleiden. Sie sollten sich da vor Augen halten, nicht nur eine große Z ffer zu erreichen, sondern die beachtenswertesten Kinder aus den vorliegenden Einlaufsmateriale herauszusuchen und dies in einfachster Weise durch Zuhilfenahme der von der Zentralstelle kreierten Institution für das gemeinsame Vorgehen vor der Bekleidung. Den fördernden Vereinsmitgliedern wird es sodann einerlei sein, ob das von ihnen in Vorschlag gebrachte Kind von demselben oder von einem anderen Vereine beteilt wurde, sie werden auch die ihnen objektiv gegebene Auskunft zur Kenntnis nehmen, daß ein von ihnen angegebenes Kind nur vermeintlich arm ist.. Denn nur an solchen und ähnlichen allenfalls kleinlichen Fragen krankt „die Wiener Vereinsfrage". Hoffen wir, daß die Tätigkeit der Zentralstelle bei allen Vereinen und Wohltätern, die — alle Eitelkeiten beiseite lassend — nur bedacht sind, das für Armenzwecke verausgabte Geld den wahrhaft Bedürftigen zukommen zu lassen, Beachtung finde. Gloggnitz, 26. August 1912. Rudolf Kraus Amtsleiter der W-ener Israel. Kultusgemcinde. Zur Lage der Juden in Galizien. Geehrte Redaktion! Ihr Eintreten für die galizischen Juden oder ,Me Frau Merw in sich ausdrückt, für das „jüdische Galizien", wird kaum Erfolg haben. Das „jüdische Galizien" ist krank, das ist zweifellos, und wenn das Elend anhält, wird wohl ein großer Teil auswandern müssen. Aber es ist eine ungeheure Uebertreibung, wenn man dafür die Polen verantwortlich macht. Die Unduldsamkeit der Polen ge-