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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-09-06 · 36 (6.9.1912) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
36 (6.9.1912)
Date
1912-09-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 36 Dr. Blochs Wochmschrift Sette 597 Einen Kämpfer für die Sonderstellung des Pacsifal, der freilich schon manchen harten Strauß mit Bayreuth ausgefochten hat, dürfte das Haus Wahnfried wahrscheinlich nur mit einem heiteren und einem nassen Auge als Waffengefährten „begrüßen": Felir Weingartner. Der frühere Direktor der Wieners Hofoper berührt nämliche in seinem Plädoyer für das Parsifalmonopol („Neue Freie Presse" 18. 8) einen wunden Punkt, den bekannten Erwerbssinn des Hauses Wahnfried:*) „Auf Wagner mutz es auch zurückgeführt werden, datz heule eine Parsifalfrage überhaupt eristiert. Es gab ein Mittel, und sogar ein unfehlbares, Parsifal für Bayreuth zu bewahren: Die Orchesterpartitur dieses Werkes durste nicht veröffentlicht werden." Weingartner räumt bei dieser Gelegenheit auch mit einer geflissentlich von Bayreuth genährten Legende aus: „. , . . Es handelt sich zunächst auch nicht so sehr um den von Wagner ausgesprochenen Willen, seinen Parsifal Bayreuth zu erhalten, worauf stets mit großem Wortschwall und gewichtigen Mienen hingewiesen wird. Es *) Er hat sich wieder im vorigen Jahre herrlich offenbart bei der Herausgabe einer englischen Ausgabe der Selbstbiographie R. Wagners, Die Arbeit wurde von dem Verlage — um nur recht schnell den Mammon hereinzuholen — so beschleunigt, datz sie von Fehlern und Jrrtümern wim melle. Der Wagnerforscher David Jroine wies nicht weniger als 800 Jrrtümer öffentlich nach, von den willkürlichen Zusätzen und Auslassungen zu schweigen. Das Haus Wagner hat, wie man (Voss. Zig. 21. 11. 1911) behauptet, die vorliegende U e b e rsetzung sanktioniert. Wenn dem so ist. trüge es die Schuld an diesem englischen Unfug. In diese geschäftliche Smartnetz würde sich auch recht kleidsam einsügen die sittliche Entrüstung, mit der sich Siegfried Wagner in der oben erwähnten Polemik gegen Richard Strauß gegen die Eeschäftskomponisten wandte: „Wir ln Bayreuth halten fest am Ideal — Gott seLs gedankt. Wir bringen dabei freilich keine Schätze in die blasse. Der Musiker mutz auch leben, gewiß, aber wehe, wenn er zum Börsenspekulanten wirdl" Im zweiten Bande der Autobiographie R. Wagners, der bekanntlich das anmatzende Wort gesprochen hat. „die Welt sei ihm den nötigen Unterhalt schuldig", kommt eine Stelle vor, die an die Duldsamkeit der Leser die allerstärksten Anforderungen stellt. Wagner erzählt dort, datz in Petersburg der Kapellmeister Schuberth, der „bisher mit ziemlichen Anstand" bei seinen Konzerten ihm behilflich gewesen war. ihn bat, bei seinem eigenen Benefizkonzerl milzuwirken. Verdrießlich und erst auf den Rat seiner anderen Freunde sagte Wagner zu, denn er glaubte zu erkennen, datz es dem Schuberth nur darauf ankomme, eine zu erwartende glänzende Einnahme aus Wagners Tasche in seine zu „eskamolieren". Wenn wir den Ausdruck eskamotieren als ungehörig ausscheiden, hatte Wagner natürlich recht, aber was lag schließlich näher, als datz etn Musiker, der ihm geholfen hatte, seine Geschäfte zu betreiben, auch eine Gefälligkeit von ihm verlangte? Liszt, Bülow und viele andere haben ohne Gegenleistung oft genug das Gleiche getan! Wagner wiederholte denn auch in Schuberths Konzert die gefälligsten Stücke seines Programms, „nur daß diesmal", wie er hinzuzusetzen sich nicht enthalten kann, „die schöbe Einnahme von 3000 Rubel für die Bedürfnisse eines schwächlichen Menschen berechnet waren, welcher zur unerwarteten Rache für diese an mir begangene Schmälerung noch in diesem Jahre durch den Tod von der Welt abberufen wurd e." Professor Karl Krebs, der bekannte Musikkritiker des „Tag" gwt seiner flammenden Empörung über diese Gemütsroheit und Raffgier Wagners folgenden Ausdruck (8. 9. 11.): „Als ich diese Worte las, habe ich. gewiß zur Verwunderung meiner Mitfahrer im Eisenbahnabteil, laut „Pfui Teufel!" gesagt und voll Ekel das Buch zugeschlagen. Denn, wie gesagt, wer kann für seine Gefühle! Mein Verstand sagt mir, datz es wichtiger ist, wenn ein Genie der Welt erhalten wird und sich gültige Menschen jeden und sich wohl befinden; mögen sie im Kampf ums Dasein durchsetzt, als wenn lausend gleichsterben, die Gesamtheit verliert nichts an ihnen. Und mein Verstand sagt mir auch, datz jede Menschennatur ihre Fehler und Schwächen haben mutz, datz sie naturnotwendig sind wie der Schatten beim Licht, und datz sie beim Genie vielleicht noch schärfer hervortreten werden als bei Durchschnittsmenschen. Aber meine ganze Empfindung empört sich doch gegen die Brutalität in Wagners Worten und trauert darüber, datz es gerade der Schöpfer des „Parsifal" sein mutzte, der diese Worte aussprach." sind genug Anzeichen vorhanden, datz Wagners Wille auch in dieser Beziehung schwankend war, datz er bereits überlegt hat. ob er das Aufführungsrecht des Parsifal abtreten solle, ja datz er es schon einmal, und zwar in München, abgetreten hatte." Vom gesetzgeberischen Standpunkt aus nimmt der hervorragende Staatsrechtslehrer Iosef Köhler, der der Reichskommission zur Vorberatung des Urheberrechtsgesetzes von 1908 angehört hat, im „Tag" (25. 8.) scharf Stellung gegen ein Parsifal-Monopol: ..Drei Jahrzehnte nach dem Tod aber müssen genügen. um die Werke zur Geltung zu bringen und sie dem Geiste des Volkes zu assimilieren; jetzt ist die Empfänglichkeit der Menschheit geweckt, und jetzt kann aus der Fülle des Vergänglichen das Ewige und Bleibende emporschweben. Von nun an gehör: das Werk uns allen, und der Prometheus, welcher das Licht gebracht, hat kein Anrecht, es uns zu entziehen oder zu verkümmern. Eine Verfügung des K ü n st l e r s. datz bas Werk nicht oder nur unter bestimmten Beschränkungen wiedergegeben werden darf, ist von nun an null und nichtig. so nichtig, wie wenn etwa der Erfinder des Luftschiffes es verbieten wollte, datz es in dem einen oder anderen Lande aufsteige." > Zu allem Unglück für die Rassenschnüffler kommt nun auch noch das tragikomische Mißgeschick, daß auch die „Kreuzzt g." - mit Herrn Gustav Mauz zu sprechen „in dem Kamps des Idealismus gegen den Merkantilismus" sich resolut auf die Seite des letzteren stellt (18. 8.): . Ein Musikwerk und eine Dichtung sind . . . darauf angewiesen. durch den Mund des Menschen und der Instrumente erst realisiert zu werden. Bachs Matthäuspassion hat etwa hundert Jahre lang im Schrank gelegen und ist erst dann wieder entdeck! und — ausgeführt worden. Run i't es nicht gut. wenn die Verwirklichung eines Bühnenwerkes — und sei es noch so exzeptionell — einer einzigen, noch so leistungsfähigen und pietätvollen Stelle überlassen bleibt. Der Parsifal mutz durch ge knetet werden durch viele neue, zum Teil gewiß sehr minderwertige Ausführungen. Dem Werke ist seine Marschroute so deutlich vorgezeichnet, datz leistungsfähige Theater sich gar nicht arg verirren können. Tie ungenügenden Proriuzdarstellungen werden wir überstehen; sie werden bald genug rers'Uinmen. da der Parsifal, schlecht ausgeführt, wahrscheinlich sehr langweilig wirkt. Aber für Bayreuth, das seine Musterausführungen des Weihefestspiels ebenso gut weitersühren wird, wie die des Ringes und der übrigen Musikdramen Wagners, wird durch das Freiwerden des letzten Werkes die Bahn frei werden für neue, bisher immer noch aufgeschobene Pflichten." Nach dieser artigen Lektion, die das Organ des preußischen Junkertums den nationalistischen Heißspornen zuteil werden läßt, darf man wohl erwarten, daß diese Herrschaften in Zukunft etwas weniger anmaßend auftreten werden. Auf das Rassengebiet haben sie um so weniger Veranlassung, diese rein künstlerische Streitfrage hinüber zu spielen, als ja ihr großer Rassenprophet Bartels RichardMagner selber (in einem Artikel der „Deutschen Welt" l16. 4. 1911s „Kulturkonservatismus") als eine „nicht ganz klare Mischung" bezeichnet hat. Selbst die „Zeitfrag rn", die jetzt bei dem Parsifalrummel ebenfalls wieder an der Spitze der völkischen Korybanten marschieren, haben ja die Möglichkeit, daß Richard Wagner väterlicherseits von Juden stamme*), nicht ganz von der Hand gewiesen und (16. 10. 1911) sich ad hoc folgende hübsche rassenbiologische „Erklärung" zurechtgezimmert: ..Wenn Wagner wirklich Halbdeutscher war. bestätigt er zugleich als seltene und glänzendste Ausnahme die Regel, datz die Mischung zwischen hoch und tiefer stehenden Rassen auf Kosten der höheren erfolgt. In ihm hat arischgermanische Kraft so geflammt, daß von dem Brande alles Jüdische verzehrt wurde, und wir haben bei solcher Sprache des Blutes und der Tatsachen den Halbdeutschen mit ruhigem Gewissen als den ilUnsern zu nehmen . . *) Richard Wagner selber macht in seiner im vorigen Jahre erschienenen Autobiographie deutliche Anspielungen auf sehr intime Beziehungen, die Mischen seiner Mutter und seinem späteren Stiefvater Geyer schon zu Lebzeiten seines Vaters, des Polizeiaktuars Wagner, bestanden haben;

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