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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-09-06 · 36 (6.9.1912) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
36 (6.9.1912)
Date
1912-09-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 596 Dr. Vlochs Wochenschrrft Nr. 36 innerstes Wesen kannte. Wer den Prozeß des Sokrates mit ihm las, hatte den Eindruck eines unmittelbar Erlebten, und noch vor drei Jahren hat er über dieses Thema vor vielen hundert Zuhörern der breitesten Schichten zwei Stunden lang gesprochen, wobei er sich selbst übertraf. Er, der sonst mehr eindringlich als glänzend sprach-, brach zum Schlüsse unter der Last der aus ihn eindringenden Begeisterungsovationen fast zusammen, ein. allen Zuhörern unvergeßlicher Eindruck. Ebenso hörte ich ihn vor etwa 20 Jahren im Voltsbildungsverein über Herodot und entsinne mich noch seiner Hellen Freude, als ich ihm mitteilte, wie sehr der Vortrag dem Sohne einer Wäscherin gefallen hatte, so sehr liebte er es, seine Welt zu den Kleinen und Kleinsten zu tragen. Von dem feinen Humor, der stets seine Vorlesungen belebte, gab er noch vor einigen Monaten ein gutes Beispiel, als er einem Vortragenden, der über den vor 2500 Jahren verstorbenen Leukipp einen enthusiastischen Vortrag hielt, sagte: „Ich danke im Namen des abwesenden Autors." Doch lag in diesem Scherzwort ein tieferer Sinn, fühlte er sich doch aufs innigste mit den „griechischen Denkern" verwachsen, denen er die letzten 15 Jahre seines Lebens ganz weihte. Wenn es Ziel und Aufgabe jedes Gelehrtenlebens sein sollte, nach jahrzehntelanger, mühsamer Facharbeit, die Bausteine zum Fundament der Fachwissenschaft zusamrnenträgt, zu dem höchsten Allgemeinen und die Allgemeinheit Interessierenden auf Grund dieser Lebensarbeit aufzustsigen, so war Gomperz dieses Glück zuteil, und er gab, wie Goethe, sein Tiefstes in Jahren, die der Psalmist den Menschen schon aberkennt. Die geliebten Denker, an deren Worten er jahrzehntelang deuteln, grübeln, ergänzen und nörgeln durfte, in ihrer ganzen Größe, in ihrem Zusammenhang mit ihrer und unserer Zeit darzustellen, ward ihm vergönnt. Wieder hat ein Sohn des jüdischen Stammes der Kulturwelt die Griechen zurückgeschenkt, einer, der diesmal an der Quelle schöpfte, nicht wie im Mittelalter auf indirektem Wege. Wenn heute der gebildete Deutsche, wie schon längst der Franzose, Engländer oder Italiener, wenn auch in UebErsetzungen, wieder zu den großen zwei Sokratikern greift, über die sonst seit der Schulzeit Staub wuchs, wenn Angehörige aller Berufsschichten aus moderner Zerstücktheit wieder zu dem Urquell alles Schönen zurückkehren, so ist dies zum Teil das Verdienst von Eomperz. Noch sind die Wirkungen für unser Geist.sleben nicht abzusehen, wenn bildende Künstler, Dichter, Juristen, Mediziner sich dem Griechentum wieder nähern. Und so mag noch in Jahrzehnten mancher fruchtbare Keim von dem stillen, überbescheidenen Gelehrten ausgehen, der sich völlig von den Schlacken seines Volkstums gereinigt hatte, aber dessen Edelstes und Bestes wieder einmal der Menschheit darstellte. Die Lobreden, die er sich am Grabe verbeten, werden im Herzen derer, die ihn gekannt, noch lange forttönen, wie sein geistvoller, edler Denkerkopf kommenden Geschlechtern durch Lenbachs Meisterhand aufbewahrt wurde. Alles in allem: „Er ist zu früh gestorben!" Clotilde Benedikt. Me Parstftüfragc — eure Rassrr-frage. In dem Pasifalstreit können es sich einige deutschnationalistische Heißsporne nicht versagen, wie das Berliner Abwehrorgan ausführt, das „völkische" Moment in die Debatte hineinzuzerren. Die Bayreuther Gralshüter sind natürlich sämtlich wurzelechte Germanen, während unter den Gegnern des Parsifalmonopols „undeutsche" Elemente die Führung besitzen. Also tönt es z. B. aus zwei Zuschriften, die die deutsch-nationale „Tä g l. R u n d s ch a u" zur Parsifalfrage veröffentlicht. Der Jenaer Universitätsprofessor Hosrat Karl v. Bardeleben schreibt z. B.: ..Ich habe mich. .. dem Protest gegen die Freigebung angeschlossen, aus rein idealen Gründen — im Sinne der hervorragenden Musiker, die unterschrieben aus nationalem Beweggründe — vielleicht auch unbewußt mit deshalb, weil ich.aus der Gegenseite das sehe, was ich seit Jahrzehnten b e - kämpfe. Sapienti sat!" Und der Professor an der Berliner Technischen Hochschule, G eh. Reg. - Rat Ernst Reichel, wird noch um einige Grade deutlicher in seiner Verteidigung des Bayreuther Monopols: ..Nur Selbstsucht, Eigennutz, juristische oder dogmatische Rechthaberei, oder eine durch fremdländischen, namentlich semitischen, Einfluß bedingte Denkweise können zu einem anderen Ergebnis führen." Auch Gustav Manz, der die Aussprache in der „Tägl. Rundschau" über die Parsifalfrage herbeigeführt hat, besitzt die Geschmacklosigkeit, in seinem Schlußworte von einer Presse zu sprechen, „deren nichtchristliche oder „dissidentische" Mitarbeiter plötzlich ein so merkwürdiges Interesse gerade an diesem vollkommen auf christlichen Voraussetzungen beruhenden Kunstwerk zu bekunden scheinen," und dekretiert einfach: „Für mich selbst wie für viele unserer Freunde bedeutet eben die Parsifalfrage schließlich nur einen Prüfstein für den Grad der deutschen Gesinnung." Das ist freilich eine sehr einfache „Beweismethode", und die Herren Grafen Hülsen-Häseler, Graf Seebach und andere adelige Hoftheaterintendanken, die sich aus rein künstlerischen Motiven für die Freigabe des Parsifals ausgesprochen haben, brauchen daher nicht allzu sehr erstaunt zu sein, wenn auch sie demnächst liebevolle Aufnahme im „Semigotha" finden. Freilich würde sich, wenn man diesen' „nationalen Prüfstein" wirtlich einmal anwenden wollte, ein ergötzliches Quiproquo ergeben. Unter den begeisterten Vorkämpfern des Bayreuther Monopols befinden ßch nämlich. — es ist schrecklich! zu sagen — veritable Juden und eine Menge von Halb-, Merkel- und Achteljuden im Sinne des Herrn Adolf Bartels. Ja, dem großen Weimarer Kirchenlicht unserer modernen „Arianer" müssen ja die Haare zu Berge stehen, wenn er sieht, daß an der Spitze der journalistischen Streiter für das Parsifalmonopol Hermann Bahr steht, den er in nationaler Beziehung — freilich sehr zu Unrecht — stets als Juden abstempslt, desgleichen Hugo v. Hofmannsthal: Professor Richard Sternfeld, der bekannte Wagnerbiograph, würde vor dem strengen Gericht der Weimarer Rassenautorität die germanisch!) Ahnenprobe wahrscheinlich .ebenfalls nicht bestehen, ebensowenig wie Friedrich Dernbürg, "der vor Jahren geschrieben hat: „Richard Wagner braucht man nicht erst zu einer Ausnahme zu machen. Er ist eben eine. Die, die sich gegen das Gedächtnis eines solchen vergehen, haben das noch immer im Urteil der Geschichte gebüßt." Richard Strauß, der von dem Herausgeber des „Hammer", Theodor Fritsch, schlankweg zu den Juden gerechnet wird, hat als einer der Ersten den Aufruf für den Parsifalschutz unterschrieben, sodann in .einem temperamentvollen Brief an Ludw. Kargath vom „Hamburger Fremdenblatt" „den Respekt vor dem Willen des Genies" gefordert, und damit feurige Kohlen auf das Haupt Jung-Siegfrieds gesammelt, der vor Jahresfrist über den Komponisten der „Elektra" und des „Rosenkavalier" nach der Wochenschrift „Turm" sich also geäußert hat: „Es ist' tieftraurig, daß der Parsifal nun bald den Theatern erreichbar sein wird, die durch die u n h e i l s ch w a n g ereu Werte von Richard Strauß verunreinigt sind."

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