Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Stt. 36 Seite 8S5 Dr.M>chs „Alle feien verdammt, die nicht unter einer Gestalt kommunizieren," schrieb er (1452) dem Kardinal Cusa, „über diese müsse er' die -schrecklichsten Kirchenstrafen verhängen, solchen aber, die zu deren Ausrottung beitragen, Jndulgenzen erteilen." Capistran war auch ein grober Judenfeind und suchte das Volk gegen sie aufzuhetzen. Deshalb wohl hat man vor kurzem eine Stratze in Wien nach ihm benannt. Für den Kongreß ist bei der großen Reklame, die gemacht wird, bei den freigebigen Urlaubsbewilligungen und verschiedenen Lockmitteln ein sehr starker Besuch gewiß zu erwarten. Man denke nur: Eine Reise nach Wien zu ermäßigtem Preise oder vielleicht gar umsonst, Gratisverpflegung in Wien, allerlei Festlichkeiten üsw. Dann die Gelegenheit, sich die Gunst der Vorgesetzten und der hohen Protektoren zu erwerben, das wird gar viele anlocken, die nicht gerade fromm oder gläubig sind. Andere wieder werden kommen, welche fürchten, durch Wegbleiben ihrer Karriere zu schaden, als Mitläufer, wie man jetzt sagt. Oder weil sie zu denen gehören, die, wie der englische mystisch-satyrische Dichter Johann Bunyan in seiner „Pilgerreise" sagte, religiös werden, wenn die Religion silberne Schuhe trägt und sie gerne begleiten, wenn sie im Sonnenglanz auf den Straßen wandelt und das Volk ihr Beifall klatscht." Und die Religion hat sich jetzt wieder einen großen Platz an der Sonne errungen, ist neueste Mode und bei Großen und Vornehmen sehr beliebt. — Den Gläubigen aber wird unter sehr leicht zu erfüllenden Bedingungen ein vollkommener Sündenablaß versprochen. Alle Priester werden ermächtigt, von den sonst den Bischöfen vorbehaltenen schweren Sünden, wie Meineid, Mord, Blutschande u. dergl., die bereuenden Sünder loszusprechen. Wenn diese Lossprechung auch nicht von den Strafen der weltlichen Gerichte giltso wird sie doch für manche nicht unschuldige Leute ein weiteres Motiv zur Reise nach Wien bieten. Kurz, es dürften gar viele nicht wünschenswerte Gäste Wien mit ihrem Besuch — erfreuen. Und nun komme ich zum versprochenen dritten Motiv unseres Interesses an dem eucharistischen Kongresse: Unter den vielen Tausenden nach Wien kommenden Gästen werden sich gar viele nicht gerade auf der Höhe der Zivilisation stehende, dabei judenfeindliche Leute, wohl auch Hetzpriester .finden. Die feierlichen .Handlungen, die Prozessionen, vielleicht auch manche Predigten und reichlicher Alkoholgenuß werden ihren Eifer steigern, den Glaubensmut entflammen und den Judenhaß, wo er noch nicht da ist, entfachen. Sind doch die Kreuzzüge, um das Heilige Land den ungläubigen Sarazenen zu entreißen, gewöhnlich von Judenverfolgungen, Metzeleien und Plünderungen begleitet gewesen. Und gehört nicht zu den Hauptarrangeuren auch der große Polizeihund von Polna? Er hat einem Kunstinstitut sein Lokal genommen, angeblich um dort Kongreßbesucher zu bewirten. Wie dem auch sein mag, Gelegenheiten zur Beschuldigung und Verfolgung von Juden werden sich finden, und wenn sich keine finden wird, ioirb man die Gelegenheit schaffen. Irgend ein Unterlassen des .Hutabziehens bei einer Prozession, irgend eine sich gar nicht auf den Kongreß beziehende Aeußerung eines Juden können als Vorwand dienen, um nach russischer Manier einen „Pogrom" zu veranstalten. Da der Kongreß während der Bußtage zwischen den hohen jüdischen Feiertagen stattfindet, so wäre es den Juden zu raten, sich an dufen Tagen wenig auf den Straßen zu zeigen, besonders diejenigen zu meiden, in denen Umzüge und WocheuWkift sonstige Feierlichkeiten veranstaltet werden. .Aber auch von der k. k. Statthalterei und Polizei erwarten wirdaß sie an diesen Tagen mit besonderer Sorgfalt auf Erhaltung von Ruhe und Ordnung bedacht sein, Leben und Eigentum aller Menschen zu schützen wissen wird. M. Theodor Gornper;. „Er ist zu früh gestorben!" So sprach ein noch jüngerer Gelehrter, einer der wenigen Wiener, der wie der Verblichene einen Weltruf genießt, als wir vorigen Sonntag tief ergriffen das Grab von Gomperz verließen. Dies ist wohl der seltenste Nachruf für einen 81jührigen. mag er noch so groß gewesen sein. Und doch ist es wahr, nicht nur für die tiefgebeugte Witwe, die, wie selten eine Frau, dem Gatten Gefährtin, geistige Mitarbeiterin, Helferin bei lästiger Kleinarbeit gewesen ist und deren aufopfernder Pflege Gomperz es wohl dankt, wenn er in voller geistiger Rüstigkeit seine Lebensarbeit beschließen konnte, es ist wahr nicht nur für alle, die sich an den „Hellenika", der letzten Sammlung seiner geistigen Edelfrüchte, erfreuen konnten, es ist wahr für die österreichische Gesamtheit. Sollte Gomperz doch im künftigen Winter, eine für einen Oesterreicher noch nicht erreichte Ehre, am College de France in Paris Vorlesungen halten, die gewiß der Geschichte unserer Gelehrsamkeit ein Ruhmesblatt hinzugefügt hätten. Und nirgends wäre dieser „Liebhaber des Wortes" (Philologe) mehr gewürdigt worden, als bei den so sehr in scharfer Dialektik und Verehrung der Sprache schwelgenden Franzosen. Wer in der Jugend teXtkritische Vorlesungen von Gomperz gehört, der wird diesen einzigen Genuß bis in sein Alter bewahren. War das Thema noch so fernstehend, trocken, ungenießbar, z. B. z. B. ein botanisches Werk von Theophrast, wie wußte Gomperz jede Silbe zu beleben. „Hier ward das Wort Geist," und willig folgten wir der merkwürdigen „Zettelwirtschaft" des Gelehrten, der die Frucht jahrzehntelangen Fachstudiums auf*unglaublich kleinen, stets in Verwirrung geratenen Blättchen aufgestapelt hatte. Die dadurch entstehenden Pausen, die bei jedem anderen die Hörer auf harte Geduldsproben gestellt hätten, waren uns willkommene Ruhepunkte, so starke Anforderungen stellte die Vorlesung an uns. Nie wurde wieder so stupendes Wissen, so gründliche Gewissenhaftigkeit, so liebevolles Versenken in die widerstreitenden Meinungen der Gelehrten seit Jahrhunderten, so kühne Phantasieblitze der Kombination vor uns ausgebreitet. Wenn Gomperz in einem nicht ganz glücklichen Satz seiner Erinnerungen, seines wie mir scheint literarisch schwächsten Werkes, jeden geistigen Zusammenhang mit der Rasse, deren Glauben er bis zu seinem Tode angehört, leugnen wollte, so erschien er dem Hörer doch als Sohn eines Volkes, dem das Studium eines selbst in manchen Teilen ungenießbaren Buches durch fünfzehnhundert Jahre Inhalt, Geschichte und Wert des Daseins gewesen ist. Wenn wir entzückt aus seiner Vorlesung kamen, perstanden wir zum erstenmal, wie unseren Vorfahren auch nicht gelehrten Standes das Tertstudium des Talmuds durch Jahrhunderte die Tagesarbeit war, während die Sorge für Kind und Geschäft der holden Weiblichkeit überlassen wurde. Welche Fülle des Wissens im Staatsleben, Wissenschaft oder Aesthetik breitete aber Gomperz erst aus, wenn wir einige Kapitel von Plato lasen! Da sahen wir nicht nur den unermüdlichen deutschen Gelehrten, sondern den Sohn des Finanzhauses, den Bruder der ersten Wiener Salondame, der in steten Beziehungen zu dem Gesamtleben der Gegenwart stand, die Sprachen aller modernen Kulturnationen und ihr