Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-09-06 · 36 (6.9.1912) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
36 (6.9.1912)
Date
1912-09-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021981-3022018--21430-3046524
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 694 Dl. BLochs Wochenschrift Nr. 36 teuerten, verbrannt. Als König Sigismund August davon erfuhr, sagte er, dah er nicht glaube, dah man aus einer Hostie Blut zapfen könne, und machte dem Nuntius Vorwürfe. Es scheint, datz dessen baldige Abberufung von Polen damit zusammenhing.*) -Man könnte wohl zur Ehre des Nuntius glauben, er habe keinen „Rjtuälmord" fingiert, weil er Lein Christenkind töten lasten wollte,- aber es steckte etwas anderes dahinter. Er war vielleicht gar kein Judenfeind. Er ist nach Polen geschickt worden, um den sich, dort immer mehr ausbreitenden Protestantismus zu bekämpfen, und wollte mit der Verbrennung der Juden die Ketzer in Angst versetzen, ihnen zeigen, datz man in Polen, wie in Spanien, ohne sich uw die Staatsregierung zu kümmern, Menschen verbrennen könne. Es war eigentlich ein Experiment in eorxore vile. Es bleibt nur die Frage, warum die Juden, als sie das Wunder des Blutfliehens aus der Oblate sahen, sich nicht bekehrten. Harmloser klingt ein mittelalterliches, von Papst Jnnocenz III. erzähltes Geschichtchen von einem.Juden, der eine Hostie sfahl und in 'seinen Geldbeutel hinemlegte, worauf sich alle darin befindlichen Geldstücke in Hostien verwandelten. Ich komme nun zum zweiten Teil meiner Berechtigung, hier vom Kongreh zu sprechen, nämlich zum Nachiweis, dah die Äbendmiahlsfeier, wie viele andere christliche Feste, Bräuche und Zeremonien, aus dem Judentum! stammt. Wie Dr. G. Hoennicke sagt, waren die Juden für die Entwicklung des Christentums, für die Zukunft der christlichen Religion, von der gröhten Bedeutung. »Im Alten Testament hatte man von Anfang an ein Buch, das über Gott und Offenbarung belehrt. Auf diese Weise war dem Christentum zugleich eine feste Basis gegeben . . . Ohne das Alte Testament wäre es schwerlich so schnell zur Verbreitung des Evangeliums gekommen... An den Judenchri'sten hatten die Heidenchristen von Anfang an Lehrer der Sittlichkeit, gleichsam Führer und Wegweiser, wie man den göttlichen Willen zu erfüllen habe . . . Die Judenchristen in der Diaspora waren nicht allein die Prediger des Evangeliums, sondern auch die Prediger der Moral. Das Alte Testament galt als Quelle religiöser Erkenntnis, als Mittel der Erbauung, als Weissagungsbnch. Dabei fand (nach unserer Anschauung: glaubte man zu finden) man in ihm den Hinweis auf Christus.«1) Die vielgerühmte Bergpredigt?) sowie viele andere Sprüche und Gleichnisse in den Evangelien sind teils jüdischen Schriften (Talmud und Midrasch), teils mündlicher jüdischer Ueberlieferung entnommen. Wie Glaubens- und Morallchren, hat das Christentum auch viele Gebote, Zeremonien und Feste aus dem Judentum übernommen und seinen Zwecken angepaht. Da interessiert uns jetzt vor allem das Pessachfest, wjsil es mit dem eucharistischen Abendmahl zusammenhängt. Jesus hat, wie wir aus den synoptischen Evangelien ersehen, dieses Fest ganz so wie die Juden seiner Zeit gefeiert. Er setzte sich mit seinen Jüngern abends zu Tische, wie noch jetzt ein jüdischer Hausvater mit seiner Familie aM Seder-Abend, das gebratene Lamm wird verzehrt, das Brot nicht geschnitten, sondern gebrochen. Jesus spricht den Segen/ trinkt Wein und reicht den Kelch auch den Jüngern und befiehlt diesen, auch nach seinem Tode zur Erinnerung leis anamnesin) an ihn Brot und Wein zu geniehen, denn diese sind fein Körpier und sein Blut. Lange nach. Jesus Tode haben die Christen Ostern gleichzeitig mit den Juden gefeiert, sich dabei nach dem jüdischen Kalender gerichtet. Erst als sie sich von den *) Nach Stanislaus Lubieniecki, Geschichte der Reformation in Polen, zitiert in P. Bayle's Dictionaire, art. Lippoman. a) Gustav Hoennike, Das Judenchristentum im ersten und zweiten Jahrhundert, Berlin 1908. 3) Bergl. Ev. Matthäus VI 19 § mit Talmud bab. Baba Bathra 11a und Talmud Jerus. Peah 15 h Juden ganz abgesondert Hatten, wurde von dem Konzil von Nicää i. I. 325 der Tag der Oslerfeier derart bestimmt, daß sie nicht mit der jüdischen Zusammentreffen konnte. Bis dahin Hatten die Kirchen in Syrien und Mesopotamien gleichzeitig mit den Juden gefeiert, und manche Christen taten es noch lange nachher, wurden deshalb Ketzer genannt und verfolgt. Dagegen gebrauchen die Christen fast aller Konfessionen noch jetzt ungesäuertes Brot beim heil. Abendmahl, und auf die Bereitung dieser „Hostien" wird selbstverständlich grobe Sorgfalt verwendet, ähnlich wie bei besonders frommen Juden auf die sogen. „Mazzoth schemiroth". So wurde z. B. im Mittelalter im Kloster zu.Cluny aus dem bestgereinigten Getreide Korn für Korn ausgewählt und sorgfältig gewaschen in einen eigens dazu angefertigten Sack gelegt und durch! einen bewährten Diener in die Mühle getragen. Dort wurde das Sieb vorerst gewaschen und dann das Getreide gemahlen, das Mehl in die Kirche gebracht, von vier sorgfältig gewaschenen und gekämmten, weihgekleid'eten Brüdern unter Gebeten und Psalmensingen in Hostien geformt und gebacken. Heber die Bedeutung dieses Opfers, ob «es nur Symbol und Erinnerungszeichen sei oder ob dabei ein unbegreifliches Wunder geschieht, ist der Glaube der verschiedenen christlichen Konfessionen verschieden. Für die Katholiken ist alles darauf Bezügliche über allen Zweifel erhaben. Wichtiger ist ein anderer Streitpunkt, nämlich der über den Wein, der zu einem langwierigen, grausamen Kriege geführt hat, in dem viel mehr Blut vergossen swurde, als Wein bei allen Kommunionen feit Entstehung des Christentums. Wie wir bereits erwähnt haben, hat Jesus den Jüngern beim' letzten Abendmahl Brot und Wein gereicht. Dieser Brauch wurde lange Zeit in her Kirche beobachtet. - Der die Oblate reichende Priester reichte sie nebst dem' Kelch mit Wein dem Laien. Noch Papst Gelasius hat i. I. 492 vorgeschrieben, so zu verfahren, die „Teilung des Sakraments" für ein Sakrileg erklärt. Noch aus dem elften Kanon des Konzils von Braga (675) ist ersichtlich, datz damals auchi dem Laien der Kelch mit Wein gereicht wurde. Später ist man von diesem Ritus abgegangen, aber erst das Konzil von Konstanz (1414—18) erklärte es als Glaubensartikel, dah der Wein den Laien nicht gereicht werden dürfe. Die Geistlichen genossen ihn weiter. Die , Entziehung des Kelchs (mit Wein) war eine der Hauptbeschwerden der Hussiten, und das Dekret des Konstanzer Konzils und die Verbrennung des Johann Hub (Juli 1415) haben den grohen Krieg hervorgerufen, der beinahe zwanzig Jahre dauerte. Die ganze Macht Deutschlands konnte die tapferen Hussiten nicht ganz bewältigen, man muhte ihnen beim Friedensabschluh, den Wein bewilligen. Sie konnten das Abendmahl „in beiden Gestalten" geniehen und wurden daher Utraquisten genannt. „Der Kelch bezeugt die böhm'sche Kirchenfreiheil, Wie sie gewesen zu der Väter Zeit. Die Väter im Hussitenkrieg erstritten Sich dieses schöne Vorrecht übern Papst, Der keinem Laien gönnen will den Kelch. Nichts geht dem Utraquisten übern Kelch/ Es ist sein köstlich Kleinod, hat dem' Böhmen Sein teures Blut in Mancher Schlacht gekostet." .(Schiller, Die Piccolomini) Man hat aber den BöhMen das schwer errungene Recht nicht lange gelassen. Am Meisten hetzte gegen die Utraquisten der eitle Franziskaner Johann Capistran, von dessen Charakter, Wundertaten und Vekehrungs? erfolgen Papst Pius II. eine sehr geringe Meinung Hattet

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.