Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 35 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. 85 Dr. Vlochs Wochenschrift Seite 589 Am nächsten Tage ganz zeitlich früh unternahm ich einen Ritt durch die Besitzungen der Schule. Dieselben betragen ca. 3000 Hektar, wovon bis jetzt ca. 475 weitgehendst bebaut sind, ca. 200 Hektar entfallen auf die jüdische Kolonie, von der ich später noch sprechen werde, 375 Hektar sind nach landesüblicher Weise mit halbem Ertragsanteil in Pacht (Metayers), der Rest verteilt sich auf noch unbebautes Land, gute Weide für die Viehzucht und Hügel. Als ich so den Feldweg entlang ritt, waren alle Schüler bereits trotz der frühen Morgenstunde bei der Arbeit. Die einen arbeiteten in den Tabaksfeldern, den Baumwollplantagen, den Rosinen- und Obstgärten, den Gurken- und Paradeisfeldern. Andere halfen bei der Bereitung des bereits eingeholten Getreides, wieder andere lenkten den mechanischen Pflug usw.. Das ganze bebaute Land wird, so weit als nötig, durch eine gelungene Anlage künstlich bewässert, die gleichfalls mit Unterstützung der Schüler erhalten wird. Den Schülern wird nämlich die Arbeit auf der Farm sämtlicher Gebiete, auf praktischem Wege von tüchtigen Feldarbeitern beigebracht, deren Zahl sich zu Erntezeiten bis auf 200 beläuft, wobei deren theoretische Ausbildung in der Landwirtschaft und Viehzucht, wie auch in den Gegenständen der allgemeinen Bildung in der Schule besorgt wird. Ein Absolvent also, der die Schule, nach gewöhnlich vierjährigem: bei schlechtem Studienfortgang fünfjährigem Aufenthalt verläßt, ist somit in der Lage, eine Farm selbständig zu leiten, er erhält dadurch eine Menge Fortkommensmöglichkeiten. Leider wendet sich der größte Teil der Absolventen nach Verlassen der Schule nicht den landwirtschaftlichen Berufen, wie es eigentlich zu erwarten wäre, zu, sondern widmet sich den kaufmännischen. Die Gründe hiefür liegen größtenteils in den Familienverhältnissen des einzelnen. Es stehen auch eine Menge der neuesten landwirtschaftlichen Maschinen in rationellster Verwendung, mit deren Handhabung jeder Schüler vertraut wird. Die Arbeitseinteilung ist in der Weise getroffen, daß jeder Schüler während fünfzehn Tagen auf einem bestimmten Gebiete, z. B. in den Rosinengärten, arbeitet und dann während weiterer fünfzehn Tage auf einem anderen, z. B. hinter dem Pflüge. Die Arbeitszeit, die um fünf Uhr früh beginnt und abends um fünf Uhr endet, ist derartig, daß jeder Schüler einen Nachmittag und den darauf folgenden Vormittag im Fe'.de und dann wieder während der gleichen Zeit in der Schule beschäftigt ist, so daß Theorie und Praris sich schon rein äußerlich ergänzen. An Samstagen und jüdischen Feiertagen ruht selbstverständlich jedwede Arbeit. Die Anstalt beherbergt gegenwärtig 45 Schüler aus Rumänien, Rußland, Galizien, Palästina und der Türkei im Alter von 16—20 Jahren, schön gebaute Burschen, denen die Arbeit im Felde den Stempel kerniger Kraft und Gesundheit aufgedrückt hat. Mein Ritt durch die weiten Landstrecken führte mich auch auf die Weide, wo gerade eine Kuhherde von einem Schüler getrieben wurde. Wer jemals die Herden der einheimischen Bauern gesehen hat, und dabei das jämmerliche und erbärmliche Aussehen der Tiere wahrgenommen, wird es zweifellos für unmöglich halten, daß solches Vieh, wie ich es sah, in Kleinasien gezüchtet werden kann. Freilich gehört dazu viel Fleiß und Aufmerksamkeit. In „Or Iehuda" sieht man überall die Zeichen einer rastlosen und gediegenen Tätigkeit, daher denn auch die Produkte der jüdischen Farm und Kolonie am Markte in Smyrna wegen ihrer bedeutend besseren Qualität geschätzt und besser gezahlt werden. Auf einem Feldstrich, von dem mir der Vorstand des Bahnhofes sagte, daß es noch vor 7 Jahren vollkommen brach lag und das heute einem blühenden Garten gleicht. werden dem Boden nach so kurzer Zeit bereits 20.000 bis 30.000 Frs. jährlich buchstäblich abgerungen, dem allerdings ein Budget von ca. 40.000 Frs. gegenübersteht, so daß die Ica doch noch jährlich einen relativ ansehnlichen Zuschuß für die Erhaltung der Anstalt zu leisten hat. Aber auch dies wird, wie der Direktor zuversichtlich hofft, bald aufhören, denn jedes Jahr werden neue Landesstrecken urbar gemacht und verspricht insbesonders der Rosinen- und Baumwollanbau für die nächsten Jahre ein erhöhtes Ergebnis, so daß sich sogar ein jährlich steigender Gewinn erzielen lassen wird. Der Nachmittag war der Besichtigung der Schule gewidmet, wobei ich Gelegenheit hatte, die Einrichtungen derselben kennen zu lernen. Im Parterre zunächst der große Speisesaal, an den sich die Küche anschließt, dann der große Waschraum, die Wäscherei, die Arbeitsräumr für den eigenen Bedarf, die Schusterei, die Sattlerei und das Depot. So weit als möglich werden alle Artikel für die Küche und für den eigenen Gebrauch selbst erzeugt. Beispielsweise das Oel, das aus den gewonnenen Oliven, und die Seife, die aus dem gewonnenen Oel erzeugt wird, oder das Mehl aus eigenem Getreide. Naturprodukte werden fast nur aus dem Eigenbau verwendet, wodurch bedeutende Ausgaben erspart werden. Im ersten Stockwerke befindet sich vor allem die Synagoge, und Schüler sind es, die hier vorbeten. Jeder derselben hat auch feine eigenen Trfillin, seinen eigenen Talles und fein Gebetbuch. Dann kommt die Bibliothek, in der sich neben wissenschaftlichen Werken in reicher Auswahl Bücher der Unterhaltung und Lektüre in deutscher, französischer und hebräischer Sprache vorfinden. Es folgen dann die Lehrräume, die reich mit Lehrbehrlfen, wie Bildern und Präparaten, ausgestattet sind. Die hauptsächlichsten Gegenstände des Unterrichtes befassen sich mit Landwirtschaft und Viehzucht, doch wird auch, wie bereits erwähnt, allgemeine Bildung, ferner Buchhaltung und Korrespondenz gelehrt und schließlich neben Französisch auch Hebräisch. Die allgemeine Verkehrssprache in der Farm und der Kolonie Ist das Französische. So bildet die ganze Anstalt, man könnte fast sagen, eine europäische Kolonie in Kleinasien. Dies hat zur Folge, daß die Bevölkerung gleichfalls unwillkürlich lernt, den Ertrag des Bodens durch rationelle Verwendung landwirtschaftlicher Maschinen und Hilfsmittel, wie z. B. Kunstdünger, ganz so wie in der Schule zu heben versteht: ein Erfolg, der selbst von der türkischen Regierung anerkannt wird. Im zweiten Stockwerke führte mich mein Rundgang in die beiden großen Schlafsäle, deren schönster Schmuck eine auffallende Reinlichkeit ist, in die Krankenstube und schließlich über den Boden, in dem allerhand Vorrar für den Winter ausgestapelt ist, auf die Terrasse d:s Hauses. Ein herrlicher Ausblick eröffnete sich hier meinem Auge. „So weit Ihr Auge reicht, im ganzen Umkreise," sagte der Direktor zu mir, „bis zur Eisenbahnlinie einschließlich der Hügel, die Sie dort ganz im Hintergründe sehen, und noch weit darüber hinaus, gehört das Land uns, und wenn Sie in 2—3 Jahren wiederkommen, dann werden Sie alles bebaut finden." Glühend, wie ein goldener Feuerball, rüstete sich die Sonne zum Untergänge, tief und ruhig lag unter mir ein Garten, den jüdische Hände gegraben, und leise von der Ferne tönte das Lied „Auel lau ovdoh tikvosenir4 mit seinem seltsamen Klang. . . Ich besuchte dann mit dem Direttor die jüdische Kolonie, die, von der Ica gegründet, beute ca. 60 Seelen zählt, von denen der größte Teil aus Rußland stammt. Jede Familie wohnt in einem eigenen Hauße, das ihr von der Ica zur Verfügung gestellt wird, und erhält ein kleineres oder größeres Areal zum Anbaue, und zwar beides umsonst. Landwirtschaftliche Geräte und