Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 35 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021981-3022017--21419-3046512- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 584 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 35 in Esperanto, abgehalten. Um 9 Uhr fand ein solcher in der prunkvollen katholischen Marienkirche statt, um 10 Uhr, also zu gleicher Zeit wie im Tempel, ein solcher in der protestantischen. Die Befürchtung, daß diese Anordnung den Besuch des jüdischen Gottesdienstes beeinträchtigen könnte, erfüllte sich glücklicherweise nicht, denn mit dem „Meister", der pünktlich um die festgesetzte'Zeit erschien, strömte eine große Schar von Esperantisten in das Gotteshaus, dasselbe in allen Teilen anfüllend, sogar die Gänge waren dicht gedrängt voll. Trotz der überaus großen Zahl von Besuchern herrschte eine musterhafte Ordnung und Ruhe, dank der trefflichen Anordnungen der Tempelkommisfion. Der Gottesdienst begann mit einem Präludium auf dem Harmonium, auf welches ein vom Kantor und Chor wundervoll gesungenes Ha towu folgte. Der Erste Kantor, Herr Fischer, ist trotz seiner 71 Jahre eine jugendfrische Erscheinung und verfügt über ein herrliches Organ. Hierauf folgte, ebenfalls herrlich gesungen, der 111. Psalm. Dann bestieg Herr Rektor Saphra aus Annaberg die Kanzel und hielt die Esperantopredigt über '*»;*p. Er schloß mit dem Priestersegen und der Herr Rabbiner Dr. Thon sprach das Gebet für das Kaiserhaus in musterhaftem Esperanto. Darauf sang der Chor „Adaun olamu. Der Eindruck, welchen die Rede auf die mehr als 1200 Zuhörer machte, war ein tiefer, denn nach beendetem Gottesdienst stürzte alles auf den Redner zu, um ihm die Hand zu drücken. Auch Dr. Zameukoff hielt mit seiner Anerkennung nicht zurück. Beim Berlaffen des Gotteshauses wurde dem Redner noch eine besondere Ovation zuteil. Die breite Straße war von zwei schwarzen Meuschenmauern eingesäumt, welche dem hindurchschreitenden Rektor mit Vivurufen, Hut- und Tücherschwenken zujubelte. Es war ein voller Erfolg und alle Besucher des Gottesdienstes waren darin einig, daß dieser eine der glänzendsten und eindrucksvollsten Veranstaltungen des so gelungenen Kongreffes gewesen ist. Für die Krakauer Gemeinde und deren hochgesinnten Rabbinen und Vorsteher bedeutet die Veranstaltung vor Vertretern von 30 Nationen ein Xiddn8ed basebem. Prerau. (Der Verband der Rabbiner Mährensund Schlesiens) halt am 3. September 1912 in Prerau im Saale des Restaurant Zlobicki (Palackystraße) seine ordentliche Generalversammlung ab. Tagesordnung: Vormittag: Beginn 9 Uhr. 1. Tätigkeitsbericht; 2. Kaffabericht; 3. Wahl des Ausschuffes und zweier Revisoren; 4. Stellungnahme zur Schaffung eines Gemeindebundes in Mähren und Schlesien (Prof. Dr. Reach); 5. Freie Anträge. Nachmittag: Beginn 3 Uhr. Oeffentliche Sitzung. 1. Landesorganisation der Agudath Jisroel für die traditionell-gesetzestreuen Juden in Mähren und Schlesien; 2. Halachischer Vortrag: Die Begriffsbestimmung „orthodoxes, thoratreues und traditionell-gesetzestreues Judentum" in talmudischer Beleuchtung; 3. Ursprung und Werdegang der jüdischen Gemeinde in Prerau (Dr. Freimann). Bei Beschlußunfähigkeit der I. Generalversammlung findet eine halbe Stunde später eine zweite statt, die unter allen Umständen beschlußfähig ist. Die ehrw. Herren Kollegen werden dringend ersucht, an der Generalversammlung teilzunehmen und ihre Teilnahme dem Herrn Dr. Tauber, Prerau, baldigst anzuzeigen, damit etwaige Vorbereitungen zur Bewirtung rechtzeitig getroffen werden können. Für den Verbandsausschuß: Profeffor Dr. Reach m. p., Dr. Freimann w. p., Dr. Oppenheim in. p. Die rumänische Presse über die Judenfragc. Die rumänische Presse beschäftigt sich seit einiger Zeit auffallend viel mit der Iudenfrage. Die antisemitischen Blätter tischen die alten unbegründeten Angaben gegen die Juden auf und fordern die Aufrechterhaltung des heutigen Zustandes, manche sogar verschärfte Maßregeln gegen die Juden. Gegen diese Anwürfe richtet sich ein Artikel eines rumänischen Publizisten im „Adeverul", der diese Politik ein Unglück für das Land nennt, das sich früher oder später in sehr empfindlicher Weise fühlbar machen mutz. Er plädiert nicht nur für die Zulaslassung der Naturalisierung der tatsächlich fremden Juden, sondern vertritt auch die Meinung, daß niemand das Recht habe, 'jenen Juden, die in Rumänien geboren, erzogen und zum Militärdienste herangezogen wurden, das Bürgerrecht streitig '-'zu machen. Diesen gegenüber sei der heutige -Standpunkt ein Verbrechen, da man diese Juden zu 'Fremden stempelt, während sie in Wirklich-, keit Rumänen sind' bessere Rumänen, als mancher Deputierte oder Senator, der unsere Gesetze schafft. Sofia. Am 19. August empfing Zar Ferdinand die jüdische Deputation, die ihm die Glückwünsche der bulgarischen Juden und das Jubiläumsgeschenk der Kultusgemeinden überbrachte. Das Geschenk bestand aus einer eigens hergestellten Thorarolle mit den dazu gehörigen kunstvoll ausgestatteten Silbergeräten. Die Deputation bestand aus Herrn Großrabbiner Dr. Ehrenpreis, und als Vertreter der spaniolischen Gemeinde fungierten die Herren Eli Arie und M. B. D a v i d, während die deutsch-israelitische Kultusgemeinde ihren Präsidenten Herrn M. Adler als Vertreter entsendete. Herr Dr. Ehrenpreis hielt eine formvollendete Rede, in der er die Dankbarkeitsgefühle der bulgarischen Juden gegenüber dem König. der ein Vater aller Söhne des Landes ohne Unterschied des Glaubens und der Nation ist, ausdrückte und den Sinn des Geschenkes erklärte. Hierauf dankte König Ferdinand mit großer Wärme für die dargebrachten Glückwünsche der Juden Bulgariens und „für das herrliche symbolische Geschenk", das er mit besonderem Vergnügen entgegen nehme. Der König sagte u. a.: „Ich bitte Sie, seien Sie bei Ihren Glaubensgenossen der Dolmetsch meiner besonderen Erkenntlichkeit für diese zarte Aufmerksamkeit, die mich tief rührt, und meiner stets unwandelbaren aufrichtigen Sympathien für meine jüdischen Untertanen. Ich habe schon oft die Gelegenheit ergriffen, zu sagten, wie sehr ich das jüdische Volk hochschätze, und daß ich stets in meinen jüdischen Bürgern ein Element der Ordnung und des Fortschritts sehe, sagen Sie Ihren jüdischen Mitbürgern, daß sie allezeit auf mein Wohlwollen rechnen dürfen." Hierauf sprach der König mit den Mitgliedern der Deputation und zog den Vertreter der deutschen Kultusgemeinde, Herrn Adler, in ein längeres Gespräch. Er fragte über das Verjhältnis zwischen beiden Gemeinden und ließ sich über die verschiedenen Gebräuche Aufklärung geben. Auch über den stets wachsenden Export des Landes sprach der König mit Herrn Adler, worin er viel Sachkenntnis und Interesse bekundete. AWisemitisnMs unter den Pariser Unwersttätshörern. Aus Paris wird uns geschrieben: Die Wühlarbeit der ultra-reaktionären Nationalisten und Royalisten beginnt nunmehr auch unter der Studentenschaft, welche bis in die letzte Zeit hinein vom Antisemitismus freigeblieben ist, bedenkliche Früchte zu zeitigen. Vorigen Donnerstag fand im Quartier latin eine große Versammlung von Universitätshörern und ehemaligen Akademikern mit dem Zwecke, gegen die angebliche Ueberflutung der Pariser Hochschulen durch „Fremde" zu protestieren, statt. Die Versammlungsredner mochten wohl selbst empfunden haben, daß ihre antisemitische Propaganda ihrer unwürdig sei und gaben nun dem Kinde einen anderen Namen. Ihre Redner erklärtenmämlich, daß sie durchaus objektiv sein wollen, und ihnen jeder Chauvinismus ferne liege, sie erachten es bloß als ihre Pflicht, die französischen Hochschulen vor fremden Barbaren zu schützen, welche nach Absolvierung ihrer Studien in Frankreich bleiben und die wirklich gebildeten Franzosen verdrängen wollen. Wie wenig objektiv jedoch die. Herren waren, zeigte sich bald, als mehrere Redner, unter ihnen auch einige Nichtjuden, sich zum Worte meldeten, um nachzuweifen, daß