Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 35 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 582 Dr. Blochs Wochenschrfft Nr. 35 Gott, und keiner ist, der ihn vertauschte und an einen anderen Platz stellte, weil er nicht die Macht dazu hat. Denn dein Heiligtum hast du bestimmt, bevor du die Plätze machtest. Der ältere soll nicht vertauscht werden, von denen, die jünger sind als er (K. 4, 3). Die Vorstellung, daß der Platz, wo das Heiligtum stand, älter sei als alle Plätze der Welt, ist eine rabbinische und wird öfters erwähnt1 2 3). Dieser Platz ist vorweltlich. Freudental hielt die Begriffe von den vorweltlichen Dingen oder mit dem technischen Ausdruck von der Präexistenz der Dinge für hellenistisch (Hellenistische Studien p. 78), jedoch wir dürfen uns gewiß in dieser Frage Harnacks Ansicht, daß die hellenistische Lehre von der Präexistenz von der jüdischen toto caelo verschieden ist, anschließen, da die eine religiösen, die andere kosmologisch-psychologischen Ursprungs ist. (Dogmengeschichte, Bd. 1, p. 756). Hier bedient sich also der Sänger der Präexistenzlehre, wie sie im Judentume häufig gelehrt wurde. Die Stelle ist aber auch sonst sehr wichtig! Man will augenscheinlich die Stätte des alten Tempels verändern. Die bisherigen Erklärer der Oden wollen eine Polemik gegen das Heiligtum der Samaritaner am Gerizim (Harris) oder der alerandrinischen Juden in Leontopolis (Harnack) sehen. Vielleicht protestiert der Sänger gegen die Botschaft Jesu; wahrlich ich sage euch, es wird hier nicht Stein auf Stein gelassen werden, der nicht wird losgerissen werden. (Ev. Matth. 42, 2)2). Nein, sagt der Sänger, niemand kann Gottes Heiligtum vertauschen, niemand den Platz, den er seit Urbeginn erwählt hat, verändern, denn keiner hat die Macht hierzu. Noch an einer anderen Stelle gedenkt der Säuger des Heiligtums! Der Dichter schildert iu einem Bilde die Verbreitung der Gotteserkenntnis. „Ausgegangen ist ein Bach und ist zu einem großen und breiten Strome geworden, denn er hat alles überschwemmt und niedergerissen und zum Tempel gebracht". (6, 7 ff.) Der Tempel, oder besser gesagt, die in ihm verkörperte Idee, wird als *Gipfel der Gotteserkenntnis angesehen. So war es gewiß, so lange der Tempel stand! Wie hoch der Sänger auch das Heiligtum bewertete, für die blutigen Opfer scheint er doch nicht besondere Sympathien empfunden zu haben. Er wiederholt das von Propheten und Schriftgelehrten so oft verkündete Wort: Das Opfer des Herrn ist Gerechtigkeit und Reinheit des Herzens und der Lippen (20/3). Aehulich erging es doch dem großen Reformator. R. Jochanau ben Zakkai, der seinem um das Heiligtum bitter klagenden und weinenden Zeitgenossen R. Josua den Vers Hosea 6. 6 ins Gedächtnis ruft: An Barmherzigkeit habe ich Wohlgefallen, nicht an Schlachtopfer, Gotteserkenntnis ist besser, als Ganzopfer! Diese Auffassung wird im rabbinischen Schrifttum unzählige Mal wiederholt?) Der Sänger war keineswegs ein Gegner des Gesetzes! Er würde es sich gewiß energisch verbieten, wenn man ihn zu den gesetzesfeindlichen Juden zählen wollte. Ein Mann, der sich gekrönt fühlt von seinem Gotte, weil er ihm den Weg seiner Satzungen gegeben hat, dadurch die Türen geöffnet, die ihm vor der Beobachtung der Satzungen verschlossen waren (17/8). Warum hier nicht das mosaische Gesetz gemeint sein kann, wie Harnack behauptet (s. 47 Anm.) ist unbegreiflich (vgl. Friedländer l. c. p. 6). 0 S. Gen. Rabba. K. 1, 4. mim mmb löip v'irn i n© . . . flnpan ira ... brn©’ . . . nirs n /nroa nson kw' nimm b m© nan man vgl. Midr. Psalmen K. 93; K. 90, V. 12. b. Nedarim 39 b; b. Perachim 54 a; Pirke d. R. Eliezer. K. 3- Seder Elia rabba K. 31, 1. Theodors, Genesis rabbi 126. 2) Mark. 13, 1. Luk. 21, 5 ff. 3) S. die Aussprüche zusammengestcllt in meinen Religionsgeschichtlichen Studien. Heft I. p. 30. Philo sagt: (Das Leben Mofis p. 151) Den Altar unter freiem Himmel pflegte Moses Opferaltar zu nennen, als ob derselbe die Opfer bewahre und bewache, nämlich andeutend die Verwendung derselben, glicht in Bezug auf die Teile und Glieder der Opfertiere, welche ja das Feuer verzehren sollte, sondern in Bezug auf die Gesinnung der Opfernden! Wenn daher jemand nichtswürdig und ungerecht ist, so find seine Schlachtopfer vergebens, seine Spenden unheilig, seine Gelübde kehren sich zum Gegenteile und bringen ihm nur Verderben. Vielleicht meinte Harnack, weil sich der Sänger der Worte bedient: Von da an hat er mir den Weg der Satzung gegeben, und ich habe die Türen aufgeschlossen, die mir verschlossen waren. Vielleicht hielt der Sänger bis zu seiner Erleuchtung durch den Geist Gottes das Gesetz überhaupt nicht, oder er schildert hier seine Entwicklungsgeschichte und erzählt, wie er zum Weg der Satzungen gelangt ist! Dieser Weg kann jedoch nur der des mosaischen Gesetzes sein! Diesen Weg nennt er den richtigen schönen, den entgegengesetzten, den der Torheit, der Jrrtümer und des Verderbens. Der Nomismus des Verfassers bekundet sich noch in anderen Aeußerungen! Diejenigen, welche sich von der Bosheit abwenden und gute Werke ausüben, sind die trefflichen Arbeiter Gottes (11/17). Allerdings verlangt der Sänger, die Werke Gottes rein zu bewahren, und die das vermögen, werden in eine Reihe gestellt mit den Dolmetschern der göttlichen Schönheit, den Erzählern des göttlichen Ruhmes, den Verkündern seines Ratschlusses und den Herolden seines Gedankens. Gute Werke sind o’aiü Dns>yöi nix», also nichts anderes als die Vorschriften der Thora! Wir haben bisher die Ehrfurcht des Sängers vor dem Heiligtum und seine gesetzesfreundliche Richtung gesehen. Sein jüdisches Bewußtsein äußert sich aber noch deutlicher in seinem national-jüdischen Empfinden, von dem wir an mehreren Stellen uns recht gut überzeugen können. Er gedenkt pietätvoll der Erzväter, er betont die Außerwähltheit Israels und nimmt den Abtrünnigen gegenüber eine feindliche Stellung ein. Nur einer, der sich voll und ganz als Jude fühlt, konnte sagen: ich ertrug ihre Bitterkeit aus Demut, um mein Volk zu retten und als Erbe zu besitzen, und um nicht ungültig zu machen die Verheißungen an die Erzväter, zur Errettung ihres Samens (31/11). Dem Verfasser schwebt hier die Lehre vom Verdienste der Erzväter vor nias nwi, die als spezifisch jüdisch gelten kann, da gegen diese Lehre in den Evangelien polemisiert wird?) Eng verbunden mit dieser Auffassung von dem Verdienste der Väter ist die Lehre von der Auserwähltheit Israels, als des Gottesvolkes. Allein im Kampfe zwischen Judentum und Christentum wurde oft verlautet, daß die Juden gar nicht mehr die wahren Israeliten seien, die Auserwählten sind Christen und so die Erzväter Abraham, Jsak und Jakob die Väter der Ecclesia! (S. meine: Religionsgeschichtlichen Studien, 1, p. 10 ff.) Die Frage ist daher berechtigt, selbst die Erwähnung der Erzväter und die Betonung der Auserwähltheit Israels liefern doch gar nicht den zwingenden Beweis, daß der Sänger ein Jude gewesen sei? Betrachten wir doch die in Frage stehenden Stellen etwas näher! Der Psalm 8 wendet sich an solche, die ein heiliges Leben führen, die von Gottesliebe erfüllt sind, die einst verfolgt und verachtet waren, jetzt aber der Gefahr entgangen sind! Da kann man ebensogut an Juden, wie an die ersten verfolgten Christen denken? Lesen wir doch nur einige Zeilen weiter! Ich habe Wohlgefallen an ihnen gefunden und ich schäme mich ihrer nicht, denn sie sind mein Werk und die Kraft meiner Gedanken. Wer also wird auftreten gegen mein Werk, oder ihnen ungehorsam sein? Ich habe Verstand und Herz gewollt und geschaffen, und sie sind mein, und zu meiner Rechten habe ich meine Auserwählten gestellt. Und sie fojjen nicht meines Namens beraubet werden, denn er ist mit ihnen. Man will also den Auserwählten den Namen Gottes rauben, den sie seit altersher tragen. Hierbei kommen doch nur Juden in Betracht. Jedoch es legten sich auch solche den israelitischen Namen bei und hielten sich für die Auserwählten, die gar keine Berechtigung hierzu hatten! Die Gnade gehört den Auserwählten — sagt der Sänger — und wer wird sie nehmen, außer denen, die auf sie trauten von Anfang an? Die Ljebe gehört den Auserwählten und wer wird sie anziehen, außer denen, die sie besessen haben von Anfang an? Von Anfang an — aber nicht diejenigen, welche sich als die 4) S. Matth. 3. 8 ff. vgl. mein Talmud und Neues Testament p. 18 f.