Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 35 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 578 Dr. Vlochs Wochenschrfft Nr. 35 rechtsuchenden christlichenBevölkerung nicht, aber der Juden selb st als Juden gelten. Diesen Standpunkt der österreichischen Justizverwaltung kann jeder vernünftige, rechtlich denkende Bürger nur billigen! Es ist nicht anzunehmen, daß das Obersthofmeisteramt Sr. Majestät des Kaisers hierin anders urteilt. Von Berlin kam die Botschaft, Herr Otto B r a h m lasse sich empfehlen und bringe zur Kenntnis, daß er bereits vor mehreren Monaten die Taufe empfangen, somit die „Schwierigkeiten^ seiner Berufung zum Burgtheaterdirektor „beseitigt habe". Es ist nun allerdings nicht ausgeschlossen, daß er die Antwort erhält, es gäbe in Wien getaufte Juden jeglicher Sorte reichlich genug, man brauche sie nicht erst aus Berlin zu beziehen. Wenn aber Herr Otto B r a h m sich entschließt, für den bevorstehenden Eucharistischen Kongreß in Wien seine Teilnahme gehörigen Ortes anzumelden, dann dürfte er die Sympathien und Protektionen der mächtigen Männer des Wiener Stadtregimes wie Dr. Porzer und hoher geistlicher Kreise gewinnen, wodurch er zweifellos dem Ziele seiner Wünsche eine weite Strecke näher gelangt. Seine eifrigen Freunde sollen nicht verabsäumen, ihn nach dieser Richtung zu beraten. ChristUchsoriale Fruchte. Seit einiger Zeit ist in Wien eine kolossale Verrohung der Sitten wahrzunehmen, welche zuletzt zu einer auffallend großen Serie blutiger Verbrechen geführt hat. Nun sind die Behörden am Werke, um die Ursachen dieser traurigen Erscheinungen zu untersuchen, damit durch! eine systematische Bekämpfung die Zustände gebessert werden könnten. Es ist nun sehr zu fürchten, daß sich die Untersuchung nicht in der zum Ziele führenden Richtung beiwegen werde. Jedem aber, der sich durch mehr als ein Jahrzehnt in Wien aufhält, ist es ganz klar, daß die Hauptschuldigen durchaus nicht im Landesgericht sitzen, sondern zum großen Teil in Amt und Würden. Vor etwa fünfzehn Jahren verdiente Wien mit seiner wirklich vorhandenen Gemütlichkeit den Ruf, der ihm in den Tenien gemacht worden ist: „Immer ist Sonntag, es dreht immer am Herd sich der Spieß." Mochten in anderen Großstädten noch so viele Gehässigkeiten und Roheiten im öffentlichen Leben auftauchen, in Wien blieb es das gute Wort, das den Verkehr beherrschte, das gute Gemüt, welches alle dauernden Erzesie und einen bedrohe lichen Charakter des Volkslebens vollständig verhütete. Leider aber hat man es geduldet, daß die Vevölkerunlg durch eine entartete Politik vollständig verdorben wurde. Die Christlich-Sozialen waren es, welche ungestraft und öffentlich in Wort und Tat fortwährend die ärgsten Roheiten begingen. Wenn jetzt die antisemitische Presse gegen die auffallenden Ausschreitungen auftritt, so rechnet sie nur mit ihrer heuchlerischen Taktik und mit der Vergeßlichkeit des Publikums. Die Christlich-Sozialen sind die Väter der Idee, durch die Roheit und Kraft von Viehtreibern und Plattenbrüdern politisch in die Höhe zu kommen. Sie waren es, welche mit dem Ochsenziemer die Versammlungen ihrer Gegner haften sprengen lassen, welche widerspenstigen Besuchern ihrer eigenen Zusammenkünfte ihr Recht durch schwere körperliche Beschädigungen bewiesen haben. Sie waren es, welche mit einem Massenaufgebot von einigen tausend Viehtreibern zu einem Feldzug nach St. Pölten gegen Volk! ausgezogen sind. Sie waren es, welche fortwährend zu Gewalttätigkeiten gegen die ruhig arbeitenden Juden aufgehetzt und die Brutalitäten selbst angeführt haben, wie den bekannten Pogromversuch in der Leopoldstadt. Ihrer Propaganda ist es zuzuschreiben, wenn an so vielen Orten der Monarchie bisher unerhörte Ausschreitungen gegen die Juden begangen wurden. Sie haben es vermocht, das Ansehen der Justiz zu beugen und das Urteil der Gasse und Gosse im Falle Hilsner zur Geltung zu bringen. Das alles ist unter der Patronanz der Behörden geschehen, von deren Leitern sich wahrscheinlich niemand über die Folgen dieses politischen Auftretens der Christlich-Sozialen zu wundern braucht. Man hat die Eepw alttätigkeilen geduldet, weil sie sich gegen die Juden gerichtet haben, aber man hat in großer Kurzsichtigkeit vergessen, daß man bei den Juden nicht stehen bleiben wird. Es ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären. Das haben wir schon in einem anderen Falle von Gesetzlosigkeit gezeigt, der sich ursprünglich auch nur gegen die Juden gerichtet hat. Man hat es geduldet, daß diese geschäftlich und moralisch boykottiert und so auf das schwerste geschädigt werden. Die gesunde Logik des Volkes aber hat sich keinen Spezialfall konstruieren lassen. Sie hat nicht etwa bedacht, daß Boykott und alle Arten nationaler Hetze bloß gegen die Juden erlaubt wären, sondern sie hat bloß gesehen, daß man die Methoden der Gewalttätigkeit toleriert und hat sie angewendet, wann immer es ihr gepaßt hat. So ist es denn zu dem schweren Boykott zwischen den einzelnen Nationalitäten gekommen, den die Regierung jetzt mit allen Mitteln aus der Welt schaffen möchte, ohne es zu können. Hätte sie aber von allem Anfang an gezeigt, daß der Boykott, die Gehässigkeit und die Uebertretung der Gesetze auch dann nicht geduldet werden, wenn es sich bloß um Juden handelt, so wäre niemals der schwere Hatz und der Boykott entstanden und der nationale Ausgleich in allen Kronländern bedeutend erleichtert worden. Eine gleiche Entwicklung hat die andere Form der Gewalttätigkeit genommen, wie sie jetzt in Wien zu beobachten ist. Das Volk hat sich wieder nicht sagen lassen, daß der Knüppel nur im Kampfe gegen die Juden gebraucht werden darf, sondern es nimmt seine Waffen auch für Privatzwecke vor. Hat man etwa geglaubt, daß das schöne Wort vom Schußgeld allzu lange in der Oeffentlichkeit schweben werde, ohne schließlich auf den fruchtbaren Boden verkommener Seelen zu fallen? Hat man gedacht, daß das von den Christlich-Sozialen herangezogene Heldentum des Ochsenziemers wieder verschwinden werde, wenn seine Führer die angestrebten Würden und Pfründen bereits besitzen? Davon kann natürlich gar keine Rede sein. Die Saat, welche die Christlich-Sozialen ausgestreut haben, ist in den Ereignissen der letzten Tage erschreckend aufgegangen, und Denn die kompetenten Faktoren die Untersuchung führen, wird sie das letzte Ende ihres Ariadnefadens in das Rathaus bringen, von dem so eine logische Verbindung mit dem Landesgericht hergestellt wird. Das gegen die Liberalen und Juden gepredigte und geübte Vorgehen kommt jetzt nicht mehr nur im politischen, sondern auch im allgemeinen Leben zum Vorschein — das ist das ganze. Die gegen die Intoleranz so toleranten Behörden aber hören jetzt jein scharfes Memento: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!" Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Exhorten für Mittelschüler. „Löbl. Redaktion! Die „Neue Freie Presse" vom 24. Juli l. I., Nr. 17211, brachte folgende, für jüdische Erzieher und Eltern interessante Notiz, die meines Wissens bisher in .Ihrem vielgelesenen Organ keine Registrierung fand: Wien, 23. Juli. (Eine Kultusgemeinde gegen den Zwang zu religiösen Uebungen.) Der Vorstand der israelitische u Kultusgemeinde in Teplitz-Schönau hat sich' in einem Erlasse an den Religionslehrer der dortigen Volksschule gegen den Zwang zu religiösen Uebung-en ausgesprochen. In dem Erlasse heißt es: „Der Vorstand der israelitischen Kultus-