Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-08-30 · 35 (30.8.1912) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
35 (30.8.1912)
Date
1912-08-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021981-3022017--21412-3046505
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 35 Dr. Bloch’s Jahrgang ran STentralorgatt für die gesamten Interessen des Audentuins. -n~' i □- Wien, 30. August 1912 Lrscbeint jeden Freitag. Brief-Adreffe: Wien, IX/i, Hahugaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wie«. Inhalt: Leitartikel: Wie man heute als Burgtheaterdirektor kandidiert. — Christlichsoziale Fruchte. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Die Exhorten für Mittelschüler. Inden als Pioniere im heutigen Rußland. Freunde des Papstes. Weltmeister in der Fechtkunst. Die erste Pilotm Oesterreich-Ungarns. Auszeichnungen in Frankreich. Der Pariser Philosoph Bergson. Ein jüdischer Eugenist des 13 Jahrhunderts. Die Gebetrichtung in den altjüdischen Synagogen. — Die neuentdeckten Oden Salamos. — Korrespondenzen: Jüdische Virilstimmen. Krakau. Prerau. Die rumänische Presse über die Judenfrage. Sofia. Antisemitismus unter den Pariser Universilätshörern. Maffenausweisungen von Juden. Ein neuer »Tischa-be-Ab«. Kaiserliche Auszeichnung für Pogromhelden in Kischinew. Ein improvisierter Pogrom in einer jüdischen Kolonie. Ein wichtiger Erlaß des amerikanischen Handelsministers. Der Polizeiskandal. Ankauf jüdischer Zeitschriften für die amerikanischen Bibliotheken. Die hebräische Sprache den klasirschen Sprachen gleichgestellt. Ein interessantes Gesuch um Namensänderung. Pogromhelden find straffrei. Wahl eines Chachams bei den ruffischen Karaiten. — Vermischtes. — Feuilleton: Ein Besuch in der Farmerschule „Or Jehuda" in Kleinafien. — Literatur. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. O0~ ■ --? Scpigatrtxfa für Srfterreirh: C Halbjährig 3 Kronen: lginzeleremvlare 50 Helle». Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 3 nal gespal» -) tene Pelitzeile Heller. G o P —Q : * A. ft. Pofisparksgenarnl Q Sleurtng-Verkebr Vit. 810.976. Redaktion und Administration: Wien IX,i, Hahngaffe Nr. 15. ») Telefon Nr. 14.847. <1 nP -On Mir «tu« heute als Kurgtheaterdirelrior kandidiert. (Auch eine Golusblüte.) Der Direktor des Burgtheaters Alfred Freiherr von Berger ist in der Nacht von Freitag auf Samstag einem frühzeitigen Tode erlegen. Ueberraschend für die Oeffentlichkeit, die nichts von seiner schweren Krankheit wußte und an demselben Tag, an dem sein leidender Zustand bekannt wird, schon seinen Tod erfährt. Nichtsdestoweniger haben es „liberale" Zeitungen in Wien fertig gebracht, noch am selben Tage geeignete „Nachfolger" zu lanzieren und zwar in einer Form und mit einbegleitenden Bemerkungen, die, ein trauriger Beitrag zur Zeitgeschichte, Charakter von Personen und Berhältniffe scharf illustrieren und darum schon in nähere Beleuchtung gerückt und für den künftigen Historiker festgehalten zu werden verdienen. In dem einen „liberalen" Blatt liest man ein Telegramm aus „Berlin vom 24. August" mit folgendem Wortlaut: »In hie8igen Theaterkreisen wird die Möglichkeit einer Kandidatur Otto Brahm’s diskutiert. Die konfessionellen Schwierigkeiten, die der Berufung etwa entgegenstehen würden, hat bekanntlich Otto Brahm vor einigen Monaten beseitigt.« In einem zweiten, ebenfalls „liberalen" Blatt hat die gleiche Meldung, vermutlich aus derselben Quelle, folgende Form: »Aus Berlin geht uns eine Meldung zu, die sich schon mit der Frage der Nachfolgerschaft des toten .Burgtheaterdirektors beschäftigt. Unser Korrespondent meldet: Der Tod des Baron Berger hat hier die schon im Vorjahre aufgetauchte Version wieder geweckt, daß Otto Brahm der Nachfolger Bergers sein werde. Brahm hat bekanntlich vor einiger Zeit seinen Glauben gewechselt und auch seinen plötzlichen Entschluß, vom Jahre 1914 ab das Lessing-Theater nicht mehr weiter zu führen, hat man damit zu erklären gesucht, daß er auf die Nachfolgerschaft Baron Bergers rechnet.« Bei den letzten Wahlen in den Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde hat Herr Brahm noch Kandidaten zur Wahl empfohlen und mit seiner Unterschrift ihnen gleichsam die gutjüdische Gesinnung und das warme jüdische Interesse attestiert. Seitdem hat er sich also eines anderen besonnen und dermalen wird ihm als Kandidaten für das Burgtheater seine Christlichkeit bescheinigt. Allerdings will es uns bedenken, daß die Honorierung eines Glaubenswechsels hier etwas gar zu ungeniert und vordringlich reklamiert wird. Gewiß hat Brahm mit voller Ueberzeugung und aus tiefer Erkenntnis die dogmatischen Lehren der Kirche vor dem Priester beeidet, er hat sich dadurch die himmlische Seligkeit gesichert und man sollte nicht auch weltliche Vorteile für solchen Glaubensübertritt so vorlaut fordern. Man kann es den Antisemiten nicht verübeln, wenn sie über die plötzliche „Bekehrung" des Herrn Brahm und über den sonderbaren „Freisinn" der Wiener „liberalen" Blätter ihre Gloffen machen. Es wird sich bald zeigen, ob Herr Brahm nach der Taufe burgtheaterfähiger geworden als vorher. Solche Neu-Christen nennen nur die Juden Täuflinge, dem Arier bleiben sie Juden minderer Ordnung. An die wesensändernde Gewalt des heil. Taufsakramentes glauben dermalen offenbar nur noch einige „judenliberale" Journalisten der Wiener „freisinnigen" Presse! In Wien erzählt man sich eine lustige Geschichte, die durch den Schriftsteller Roda-Roda in die Münchener „Jugend" Eingang gefunden. Es war bei einer Judentaufe, bei welcher eine fromme Gräfin als Taufpathin fungierte. Der Geistliche hielt eine wunderschöne Rede — Matth. 26,61: „Ich kann den Tempel Gottes abbrecheu und wieder aufbauen." Man gratulierte dem Neophyten, und die Frau Gräfin sagte: nun sei die Vergangenheit ausgelöscht, ein neues Leben fange an im Schoß der Kirche. Alle gingen gerührt. Da fragte der Pfarrer den Meßner: „Hat Dir der Jud auch Trinkgeld gegeben?" Die „Oesterreichische Wochenschrift", Nr. 12 d. I., enthielt folgende verbürgte Mitteilung: Ein Jurist jüdischer Konfeffion entschloß sich, um eine rasche Karriere zu machen, die Taufe zu nehmen. Als er nun deffenungeachtet jahrelang übergangen wurde, schüttete er ratlos an den für die Beförderung zum Auskultanten maßgebenden Stellen sein Herz aus. Dort wurde ihm jedoch übereinstimmend der Rat erteilt, eine andere Karriere einzuschlagen, weil man einerseits den Justizdienst nicht mit Juden zu sehr durchsetzen könne, andererseits jene Stellen, auf welche die Juden gerechten Anspruch haben, den Angehörigen jüdischer Konfeffion reservieren muffe, nicht aber jenen überlaffen könne, welche nur in den Augen der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.