Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 34 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 674 Dr. Blochs Wochenschrfft w*m L«5 Nr. 34 „Nun, so will ich's Ihnen sagen: Die Prostituierten von Petersburg haben gelbe Karten, verstehen Sie?" „Um Eotteswillen . . . und Ihre Schwester?" „Soll sie besessen haben, die gelbe Karte, ja, hier steht es. Es ist infam. Der Judenhaß läßt es nicht zu, daß eine Jüdin als tüchtige Aerztin stirbt in Rußland. Darum warfen sie ihr noch eine gemeine Verleumdung ins Grab hinein." „Was werden Sie tun?" „Was ich tun werde? Abreisen werde ich. Heute noch. Die Larve werde ich den Verleumdern vom Gesicht herunterreißen. Diese Hunde. . ." Seine Augen blitzten. So hatte ich Dimitri noch nie gesehen. .Ich gab ihm die Hand. „Auf ein besseres Wiedersehen, Dimitri." i Drei Wochen war er fort. J Auf einmal stand er wieder da in meinem Zimmer,^ im Reiseanzug, und sagte: jjj „Da bin ich wieder. Ich habe dem Zeitungsschrei-zj ber damals unrecht getan. Tr hat recht, Sonja hatteH eine gelbe Karte." ** Er sah mich mit einem dunklen Blick an. Mir ward unheimlich. terwerfen. Drei Jahre lang. Und am Ende hat ihr der Bezirksarzt — ich habe ihn gesprochen — kopfschüttelnd ein Zeugnis geschrieben, ein Zeugnis, das bestätigte, daß Sonja, daß Sonja... je nun, daß sie ein Mädchen geblieben war. . . Und dann war sie Aerztin, hatte den Beruf, den sie erstrebte, für den sie alles hingegeben hatte. Und die gelbe Karte gab sie nicht zurück, die nahm sie mit. Die bewahrte sie auf, so wie ein anderer seine Ehrenzeichen aufhebt. Und eben diese gelbe Karte fand sich vor nach ihrem Tode. Ein.böses Auge sah sie, und den Rest verstehen Sie, nicht wahr?" Er schwieg. Und ich sagte: - „Ja, Dimitri, Ihre Sonja war eine Heldin." * Er nickte. Rach einer Weile fuhr er leiser fort, Lindem er auf seine linke Brustseite klopfte: g „Hier habe ich ihr Ehrenzeichen. Ich habe es mir kausbedungen aus der Erbmasse. Alles andere ließ ich länderen. Aber die Karte, verstehen Sie, die Karte ^brauche ich. Ihr war sie ein Ehrenzeichen. Mir soll ssie ein steter Mahner sein, ein Mahner, der mich nicht mehr ruhen und rasten lassen wird, um das Land, das solche..." „Armer Dimitri..." „Nichts da. Ich bin nicht arm. Sonja auch nicht. | Arm ist der Staat, der miserable Staat, der. . ."? Es würgte ihn. Aber dann gewann er seine Fassung wieder. „Sonja ist eine Heldin. Verstehen Sie?" „Nein, ich verstehe nicht. Aber setzen Sie sich, Dimitri. Hier ist heißer Tee. So. Und nun müssen Sie erzählen, gelt?" „Erzählen? Es ist rasch erzählt: Sonja war eine Jüdin, das ist alles!" Er war wieder aufgesprungen. „Kommen Sie, Dimitri, kommen Sie. Sie müssen es mir sagen. So — sehen Sie — jetzt sind Sie schon ruhiger." Er hatte sich wieder gesetzt. Und dann erzählte er mir's. Schlicht und ohne Beiwerk. Trocken, fast wie ein Berichterstatter, der seinen eigenen Anteil an der Geschichte scheinbar überwunden hat. „Habe ich Ihnen nicht gesagt, es wäre mir ein Rätsel, wie die Sonja zum Studium zugelassen worden ist in Petersburg? Nun, jetzt ist es mir kein Rätsel mehr. Die Sache ist einfach genug. Die Juden bekommen keinen Niederlassungsschein in Petersburg, auch die Jüdinnen nicht. Nur in einem Falle drückt die Polizei ein Auge zu vor dem Glaubensbekenntnis. Dann nämlich, wenn die Jüdin eine gelbe Karte nimmt. Als Prostituierte bekommen sie den Niederlassungsschein. Verstehen Sie?" „Um Gottes willen. Und da hat Ihre Schwester. . .?" „Ja, was blieb ihr übrig? Aerztin wollte sie werden um jeden Preis. Sie hatte alles an das Studium gehängt. Auch ihre Ehre, ihre sogenannte Ehre. Der Staat ließ ihr keine andere Wahl. Auf Grund der gelben Karte bekam sie einen Wohnungsschein. Und auf Grund des Wohnungsscheines wurde sie immatrikuliert, studierte sie drei harte Jahre, wo sie Stunden geben mußte nebenbei und mit der Not des Lebens in allen Formen rang. Wo sie zu Füßen der Katheder saß neben Kameraden, die scheu vor ihr geflohen wären, hätten sie gewußt, daß in der Wohnung Sonjas zwischen Geburtsschein und Schulzeugnissen eine Karte lag, eine gelbe Karte." „Aber da ist ja eine ärztliche Kontrolle für die Mädchen, die. . ." „Ganz richtig. Jeden Dienstag und Freitag müßte sich Sonja der vorgeschriebenen ärztlichen Kontrolle un- Er war verstummt. Mitten im Satze verstummt. sAber aus seinen Augen sprühte ein unheimliches Feuer. So schauen Leute aus, die in einem letzten Kampfe von Liebenden zu Rächern werden. Und feine Geliebte war sein Vaterland. Ich höre schon: Drei spitze Fragen steigen auf. Erstens: Eine gut erfundene Geschichte, nicht wahr? Aber es tut mir leid: Es ist keine gut erfundene Geschite, sondern es ist eine wahre Geschichte. Zweitens: Dann aber wenigstens, nicht wahr, gab es nur früher solche Dinge in Rußland? Cs tut mir wieder leid: Die Geschichte ist vor gar nicht langer Zeit passiert und die Niederlassungsgesetze im 'heiligen Petersburg sind noch dieselben. Drittens: Aber es ist doch wenigstens nur ein Einzelfall geblieben, nicht wahr? Es tut mir zum drittenmal leid: Es gibt manche Sonja, die eine gelbe Karte nehmen mußte, um ihr Studium in Rußland zu vollenden. („Frankf. Zeitung".) Literatur. Eine neue jüdische Zeitschrift in Tunis. In Tunis begann am 1. August d. I. eine neue illustrierte Zeitschrift in französischer Sprache zu erscheinen. Die Zeitschrift führt den Titel »Le Judaisme Tunisien« und beschäftigt sich mit Wissenschaft, Geschichte, Ethnographie rc. Die Zeitschrift, welche von einer Gruppe jüdischer Gelehrter in Tunis redigiert wird, hat nicht r ur vom Standpunkte der kulturellen Entwicklung der tunesischen Juden, sondern auch vom Gesichtspunkte der jüdischen Wissenschaft große Bedeutung, da man wichtiger ethnographischer Arbeiten gewärtig sein kann, die über manches noch unbekannte Kapitel der Geschichte der Juden im Orient Aufschluß geben werden. I*. J. Tonger, Lebensfreude. S p r-ü c li e und Gedichte. 17. Auflage (101—170. Tausend). Verlag von P. J. Tonger, Köln, Am Hof 30—36, Preis (160 Seiten) in Leinenband M. 1.—. Eine ausgezeichnete Schrift, die allen Literaturfreunde]] wärmstens zu empfehlen ist. Die Zitate sind mi vielem Takt gewählt, offenbar feinstes Verständnis. Es möchte verbannen die Sorg’ und das Leid, und jegliche trübe Stunde, daß heimlich werde die Fröhlichkeit auf dieser Erdenrunde. II Vessillo Israclitico — „Die isr. Fahne“ — 60. Jahrgang, für die Geschichte, die "Wissenschaft und den Geist des Judentums, erscheint alle 14 Tage in Turin unter der Leitung des Rabbiners Dr. F. Servi, Abonnement 15 Lire per Jahr f. d. Ausland. _