Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 34 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. U Dr. Vlochs Wochenschrift Leite 573 Ung.'Ostra. Am 15. d. M. wurde die vom H:rrn S. Sonneufeld gespendete Thorarolle aus Jerusalem samt Ausstattung unter zahlreicher Beteiligung der hiesigen Gemeinde-Mitglieder und Umgebung feierlich eingeweiht. Herr Rabbiner Dr. Friedmann aus Troppau hielt eine zu diesem Anlasse passende sehr schöne Festrede. Den gesanglickiea Teil versah in prachtvoller Weise unser allgemein beliebter Oberkantor M. Eibenschütz mit einem von ibm gut geübten Chor, unter gefälliger Mitwirkung des Herrn D. Grünbaum, Oberkantor in Meran. Mit dem Mincha-Gebete wurde dieses seltene Fest geschlossen. Grads. Samstag den 10. August fand hier unter Leitung der derzeitigen Vereinsinspektion ein zu Gunst,en des Österreichischen Kaiser Franz Joseph - Seehospizes veranstalteter Abend statt. Derselbe wurde durch eine eindrucksvolle Begrüßungsansprache des Herrn Dr. Rosenmann aus Wien eingeleitet, welcher dem Vereine neue Gönner und Freunde gewann. — Die Damen Dr. Mannheim, Massarek-Ulmann, Marinaz und Leiterin der Ferienkolonie Frl. Koranyi stellten ihre Kunst unter lebhafter Anerkennung in den Dienst der guten Sache, ebenso der jugendliche Heldentenor Herr Friedrich Braun aus Wien, welcher durch Wiedergabe von Piecen aus „Lohengrin" rauschenden Beifall erntete. — Unter dem distinguierten Publikum bemerkte man: Frau Reiner. Frau Steffi Garten berg, Frau Dr. Rosenmann und deren Schwester Frau Bertha Rosner, Frau Dr. I ei inet, Herrn und Frau Dr. Marinaz, Herrn und Frau Dh. Mannheim. Dr. Loew, Herrn u. Frau Dr. Koch, Herrn u. Frau Dr. Hakpern, Herrn u. Frau Drj Roth, Frau Lourio, Fabrikanten Lote sch n. v. a. Der glänzend eingeschulte Chor der Ferienkolonisten entzückte durch exakten Vortrag stimmungsvoller Lieder. Marmaros Sziget. Am 5. d. M. ist die Ortschaft Falußlatina (Komitat Marmaros) völlig niedergebrannt. 50 jüdische Familien mit mehr als 300 Seelen sind obdachlos geworden. Diese gehören der allerärmsten Klasse an. Es find zumeist Taglöhner. Die Erwachsenen waren fern vom Hause, als das verheerende Feuer am hellichten Tage ausbrach, und so konnte nicht einmal das Allernötigste gerettet werden. Die Häuschen, die aus Holz gebaut waren, find samt der armseligen Einrichtung völlig eingeäschert. In Marmaros-Sziget hat fich ein Hilfskomitee gebildet mit dem Oberrabbiner Dr. Samuel Danzig an der Spitze, der Spenden entgegennimmt. Eine Verlobung im englischen Rothschildhausr. In London wurde dieser Tage die Verlobung des Mr. Lyonek de Rothschild mit Fräulein Marie Luise Beer aus Paris bekannt gegeben. Lyonel de Rothschild ist der älteste Sohn des Leopold de Rothschild, der, wie bekannt, auch der Schatzmeister der geographischen Kommission der Ito ist. Lyonel de Rothschild, der erst im 30. Lebensjahre steht, hat feine Studien in Cambridge absolviert und ist Mitglied des englischen Unterhauses, wo er seit 1910 den Wahlbezirk Aylesbury verkrilt. Lyonel de Rothschild genießt in London große Popularität, da er sein ganzes Interesse der sozialen Fürsorge der arbeitenden Jugend widmet und auf diesem Gebiete sowohl theoretisch als auch praktisch so manches Hervorragende geleistet hat. Fräulein Marie Luise Beer steht im 20. Lebensjahre und ist die Tochter des vor einem Jahre in Paris verstorbenen Ed'mond Beer. Ihre Mutter, die noch am Leben ist, steht im Rufe einer sehr wohltätigen Dame. Es ist dies nicht der erste Fall, daß die Rothschild sich mit der Familie Beer verschwägern. Eine Schwester der Braut des Lyonel de Rothschild hat vor einigen Jahren Baron Robert de Rothschild geheiratet. Sie ist übrigens auch eine Großnichte des berühmten Komponisten Meyerbeer. jfeuilleton. Die gelbe Karle. Auf dem gleichen Flur mit mir wohnt ein Russe. Heißen wir ihn Dimitri. Er ist fleißig und gefällig. Alle haben ihn gern im Hause. Ich auch. Wie's so geht, wurden wir gut Freund mit der Zeit. Oft kam er zu mir herüber, wenn der Teekessel sang, und erzählte mir von Rußland. Er liebt sein Vaterland leidenschaftlich. Aber es ist eine unglückliche Liebe. Denn er ist ein Jude und das Vaterland hat ihn schlecht behandelt. Von Stadt zu Stadt getrieben hat es ihn und schließlich hinüber über die Grenze. Und trotzdem liebt er es. Wie man Frauen liebt, die es uns schlecht vergelten. Dimitri hat mir mitgeteilt, daß seine Schwester gestorben sei. Seine Schwester Sonja war Aerztin rm Bezirk Wologda. Er halle oft von ihr erzählt. Was das für eia hartes Leben sei für eine Aerztin auf dem Flachland und in den weiten Steppen. Wie der Aberglaube, das Mißtrauen, die Unverständigkeit der Landbewohner oft noch schwerer zu bekämpfen seien als die Krankheit. Was für Wege sie zu machen habe mitten in der Nacht. Wie sie Apotheker. Krankenschwester. Lehrer und Behörde mit ihrem eigentlichen Beruf verbinden müsse. Und wie sie abgeschnitten sei von der Kultur da draußen. Diese Sonja war jetzt tot. Und in seiner Trauer drängte es den Bruder, es mir mitzuteilen. Es ward ihm leichter nachher. Russen sind so weich. Ihr Gemüt braucht Genossen bei allen Erschütterungen im Guten und im Schlimmen. Aus der Zeitung las er mir mit Stolz Berichte vor. Sie waren voller Anerkennung und Liebe für die Verstorbene. Das tröstete ihn wieder. „Ein braves Mädel," sagte er, „ein braves Mädel. Sie rieb sich auf im Beruf. Immer hat sie helfen wollen, anderen helfen, schon von Jugend auf. Und die Schwierigkeiten, bis sie Aerztin wurde! Ich verstehe es heute noch nicht, wie sie die Erlaubnis bekam, in Petersburg zu studieren. . ." „Wieso, die Erlaubnis?" „Sie ist ja Jüdin." „Ja, aber. . ." „Juden, die in Stellung oder Rang nicht zu den obersten Schichten gehören, bekommen keinen Niederlassungsschein -in Petersburg." „Aber das kann doch nicht sein. . ." „Seien Sie versichert, ich muß das wissen. Habe es am eigenen Leibe verspürt." „Aber Ihre Schwester hat es durchgesetzt?" „Ja, mir ist es heute noch ein Rätsel. Aber wissen Sie, sie war zäh in ihrem Wollen, zäher, als wir Slaven sonst sind!" Am anderen Tage steckte aus Versehen Dimitris Zeitung in meinem Briefkasten. Ich brachte sie ihm. Am Rande war etwas angestrichen. sah ich, mit einem roten Bleistift. Und ein Ausrufungszeichen war dahinter. Dimitri dankte und warf einen Blick hinein. Plötzlich erbleichte er und schrie etwas auf russisch. Ich wollte gehen. Aber er hielt mich. „Hören Sie! Hören Sie," sagte er, „was diese Halunken wagen! Ist es nicht entsetzlich? Noch im Tode werfen sie einem Schmutz und Lüge nach." „Betrifft es Ihre Schwester?" „Ja, denken Sie, hier steht: „Beim Ordnen ihres Nachlasses hätte sich herausgestellt, daß die von allen hochgeschätzte Aerztin drei Jahre lang die gelbe Karte in Petersburg besessen habe. . ." „Die gelbe Karte?" „Sie wissen nicht, was die „gelbe Karte" ist?" „Nein."