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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-08-23 · 34 (23.8.1912) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
34 (23.8.1912)
Date
1912-08-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sellr 666 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 34 Vom Aabrmarkt des Lebens. Giolitti und die Juden. Aus Anlaß eines Zwischenfalles zwischen dem General Ameglio und dem Grlßrabbiner von Rhodos hatte sich der dortigen Juden die Furcht bemächtigt, daß ihre Gleichberechtigung von den neuen Herren auf der Insel nicht werde respektiert werde. Dr. Ferruzqio Servi, der Herausgeber der italienischen Zeitschrift „Vessillo Jsraelitico", die in Turin seit sechzig Jahren erscheint, wandte sich brieflich an den Ministerpräsidenten Giolitt», um sich über den Vorfall zu beschweren und eine ausdrückliche Erklärung über die Gleichberechtigung der Juden in den von Italien eroberten türkischen Gebieten von maßgebendster Stelle zu erhalten. Giolitti beantwortete diese Eingabe mit folgendem Brief: »In Ihrem Schreiben vom 14. Juli haben Sie anerkannt, daß die Juden in Italien vollständige Gleichberechtigung mit den Angehörigen anderer religiöser Bekenntnisse genießen und die höchstm Stillungen erreichen, von mir aber eine meiner Ansicht nach überflüffige Bestätigung verlangt, die sich auf die Gleichberechtigung der in den neuen italienischen Provinzen wohnenden Juden bezieht. Ich kann mick einfach auf die Grundsätze berufen, die, aus dem freisinnigen Piemont herübergenommen, die Verfassung des Königreiches Italien beseelen, auf die Anerkennung der Gleichheit und auf die vollkommene Achtung aller Religionen, wie sie seit mehr als fünfzig Jahren die gcsctzzeberische Tätigkeit und das Regierungswerk in Italien ausgezeichnet hat. Ich brauche nur auf die Behandlung, die Italien den nichtkatholischen Untertanen der erythräischen Kolonie und der Somaliküste angedeihen läßt, und auf die Zmgenschaft aller italienischen Juden hinzuweisen, von denen viele verdienterweise zu hohen Stellungen gelangt sind und das Vertrautn der Staatsgewalt genießen. Die Juden der neuen italienischen Provinzen können also sehr zufrieden sein, unter dem Schutze unserer freisinnigen Institutionen leben zu dürfen." Jüdische Feiertage und Leipziger Messe. Wir wurden von befreundeter Seite darauf aufmerksam gemacht, daß die Leipziger Michaelimesse, welche am Mittwoch, den 11. September abgehalten werden wird, mit einem hohen jüdischen Feiertag zusammenfällt, mit dem Neujahr, und da man der Befürchtung Ausdruck verlieh, daß die Beteiligung an der Messe gering werden dürfte, weil mancher Besucher des Feiertags wegen von einer Reise nach Leipzig Abstand nehmen dürfte,; so Haben wir die Angelegenheit Herrn Kommerzienrat Sutzmann, dem ersten Vorsitzenden der Ledermetz^ börse zu Leipzig, vorgetragen. Herr Kommerzienrat Sutzmann schreibt uns heute wie folgt. Der Brief gelangt zum Abdruck, weil er über die Frage Klarheit bringt: „Die von Ihnen angeregte Frage bezüglich der Verlegung der bevorstehenden Leipziger Michaelismesse, in Rücksicht auf des jüdische Neujahrsfest, ist bereits vor längerer Zeit verhandelt worden, und ist man zu dem Entschluß gekommen, die Ledermetzbörse diesmal ausnahmsweise zeitiger, und zwar von 2 bis 4- Uhr, stattfinden zu lassen, Mittwoch, 11. September. Gern hätte man den Metztag verlegt, doch ergab sich dies als untunlich infolge der zwischen den Frankfurter und Leipziger Stadtverwaltungen seinerzeit festgelegten Vereinbarungen. Die Frankfurter Messe ist am 9. und 10. September, und nun hätte man entweder 8 Tage zeitiger oder 14 Tage später den Leipziger Ledermetztag ansetzen müssen: beide Termine erachtete man als ungeeignet. Ich gebe Ihnen diese Ausführungen und stelle es Ihnen frei, davon Gebrauch zu machen. Mit freundlichem Grüß Kommerzienrat Sutzmann, 1. Vorsitzender der Leder-Metzbörse zu Leipzig." Auf diese famose Erledigung hin raten wir den jüdischen Interessenten, sich vom Besuche der Messe fernzuhallen — die sie nur unter Uebertretnng eines besonders hohen Festes besuchen können — um auf diese Art den Leivziger Machthabern für die Zukunft die Lehre beizubringen, daß sie die jüdischen Feiertage ins Ealcül zu ziehen und den diesbezüglichen Wünschen zu entsprechen haben. Wichtige Konferrnzen m Berlm, Paris und London. Wie wir bereits berichteten, befindet sich der berühmte Newyorker Richter Leon Sanders, Präsident der Hebrew Sheltering and Immigrand Aid Society of Newyork auf einer Reise in Europa, welche hauptsächlich Konferenzen mit Führern der großen jüd. Emigrationsgesellschaften Europas gewidmet ist. Wie uns aus Newyork gemeldet wird, hat die erste dieser Konferenzen bereits am 25. Juli in Berlin stattgefunden. An der Besprechung nahmen außer Richter Sanders nur noch das Präsidium des Hilfsvereines der Deutschen Juden, die Herren James Simon und Dr. Paul Nathan teil. Am 18. August findet eine Konferenz in Paris statt, an welcher außer dem Präsidenten der Alliance Jsraelite Universelle und der Ica auch andere führende Persönlichkeiten teilnehmen werden. Zu dieser Konferenz wird auch der in Paris weilende Grotzrabbiner der Türkei, Rabbi Haim Nahum, zugezogen werden. Am 22. August begibt sich Richter Sanders nach London, woselbst gleichfalls Besprechungen stattfinden. Alle diese Konferenzen gelten dem brennendsten Problem der europäischen Iudenschaft, dem Aus- und Durchwanderungs-iProblem, sowie der Regulierung der jüdischen Auswanderung im allgemeinen mit besonderer Berücksichtigung dessen, daß die Zuwanderung europäischer Juden nach Newyork nach Tunlichkeit abgehalten, bezw. daß die Einwanderung der Juden nach Amerika mehr nach dem Westen dirigiert werde. Ob eine Einigung zwischen den einzelnen jüdischen Organisationen in Europa erzielt werden wird, bleibt noch abzuwarten, da bisher bei allen ähnlichen Bestrebungen jede gemeinsame Aktion an der Frage gescheitert ist, welche der Organisationen die Führung in derselben zu übernehmen hätte. Wie von eingeweihter Seite gemeldet wird, ist es nicht ausgeschlossen, daß Richter Sanders nach Beendigung seiner Konferenzen sich auch nach Galizien und Ungarn begeben wird, um auch die dortigen Verhältnisse aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Unterstaatssekretär Montagu in Indien. Aus London wird berichtet: Der Unterstaatssekretär für Indien, Edwin Montagu, tritt dieser Tage eine viermonatliche Reise nach Indien an. Obgleich diese R^ise des Unterstaatssekretärs, in dessen Begleitung sein jüngerer Bruder sich befindet, keine offizielle ist, so beschäftigen sich doch die Londoner Blätter mit derselben in größeren Artikeln, in denen darauf hingewiesen wird, daß Montagu, der seit zwei Iahren den Posten eines Unterstaatssekretärs für Indien inne hat und dem bereits so viele politisch und wirtschaftlich wichtige Anregungen und 'Maßnahmen zu danken sind, sicherlich mit den wertvollsten Ergebnissen seiner Studien in diesem großen Kolonialgebiete, deren Verwaltung in seinen bewährten Händen liegt, zurückkehren werde. Die „Times", die bekanntlich in den letzten zwei Iahren auf Iuden nicht gut zu sprechen ist, — und Unterstaatssekretär Montagu ist ein Iude — bespricht die bisherigen Verdienste dieses jüdischen Mitgliedes des englischen Kabinetts in der wohlwollendsten Weise und spricht die Meinung aus, daß Montagu nach seiner Rückkehr für einen noch höheren Posten in Aussicht genommen sei.

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