Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 34 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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' Sir. 34 Dr. Blochs Wochenschrift Seile 565 der vollziehende oder nur als der einem anderen Verein, in dessen Rayon das Kind gehört, überweisende Teil funktioniert. Aber weder der hochverehrte Schulmann, noch ich konnten aus Erfahrung sprechen. Da fällt mir gerade zur rechten Zeit ein Aufsatz des in Philadelphia hochgeschätzten Philanthropen I. L. K u n n, „Esquir e", in die Hand, den meinen geneigten Lesern im Auszug mitzuteilen ich umso mehr für einen Teil der uns von Herrn Mendl gelobten Propaganda halte, als ja dieser Herr aus mehrjähriger, in der ganzen Union gesammelten Erfahrung spricht. Wie man sieht, wurden drüben dieselben Bedenken laut wie bei uns, wie man aber auch sieht, find die drüberen Vereine schon bei einem Zustand der Zentralisierung angelangt, der bei uns noch als Utopie gelten kann, daß sie nämlich gemeinsam ihre Mitgliedsbeiträge einkassieren, was namentlich für unsere Frauenvereine, in denen die Kassagebarung den Frauen doch einige Schwierigkeit macht, eine ungeheuere Ersparnis an Zeit und Mühe wäre. Ich laffe also Herrn Kunn sprechen, der seinen in der Festschrift der Pannonia, des ungarisch-jüdischen Wohltätigkeitsvereines, dessen Vorsteher er ist, erschienenen Aufsatz betitelt: Ueber den Vorteil der Vereinigung von Wohltätigkeitsvereinen. „Wie verschiedene neue Wohltätigkeitsbedürfnifse in den letzten Jahrzehnten aufgetaucht find, bildeten sich neue Organisationen zur Beschützung dieser neuen Bedürfnisse, bis zwanzig und achtzig in den einzelnen Städten. Jeder davon mußte seine wohlorganisierte Abteilung zur Sammlung der Fonds haben, seine Werber, Kassiere, Advokaten re. Auch konnten diese Vereine nicht von dem so gesammelten Gelde leben, sondern die meisten mußten verschiedene Veranstaltungen, Basars, Jours, Bälle zur Aufbringung der nötigen Fonds arrangieren. Springt nicht die ungeheure Verschwendung an Geld Zeit und Energie bei diesen verschiedenen, von einander unabhängigen Unternehmungen in die Augen? Indem sie nach verschiedenen Richtungen arbeiten, heben sich diese gegenseitigen Bemühungen oft auf. Diese Bälle rc. werden oft von den verschiedenen Unternehmungen fast gleichzeitig veranstaltet, die Gemeindemitglieder werden gleichzeitig zur Unterstützung verschiedener Wohltätigkeitsfeste herangezogen, wodurch viele sie — und mit Recht — als Belästigung empfinden. Eine sogenannte liebenswürdige Erpressung wird an denen geübt, an die kein direkter Anspruch erhoben werden kann. Durch mißverstandenen Eifer für das Wohl ihrer einzelnen Institutionen werden die Vorstände der einzelnen Vereine oft engherzig in ihren Anschauungen; sie entziehen ihre Blicke der Wohltätigkeit im Großen und Ganzen, und ein häßlicher Wettkampf tritt zwischen ihnen hervor. (Ich gestehe, daß ich mich hier selbst und für manche Wiener Kollegin getroffen fühlte.) Wie viel unfruchtbarer Eifer könnte vermieden und fruchtbar gemacht werden, wenn er in eine wohlumschriebene. Richtung gelenkt würde. Wie viel mehr Elend der Kranken undArmen könnte durchsolcheKonzentration gelindert werden! Es müßte allgemeines Denkgut allerPhilanthropen werden, daß der ganze Bund aller Wohlfahrtsvereine nur ein gemeinsames Ziel hat. Die einzelnen Vereine behalten natürlich im Verband ihre Sonderziele und Sondervorstände bei. Aber unser Bestreben ist, die einzelnen Vereine gänzlich von der Sorge um Auftreibung der nötigen Mittel zu entheben, so daß fie ihre ganze Aufmerksamkeit ihrem jeweiligen Unterstützungsziel zuwenden können. Der Verband soll mit anderen Worten als eine Art von Banquier gedacht sein zur Sammlung und proportionalen Verteilung von Fonds und Beiträgen, wie dies nicht nur der Philadelphiaer Bund, sondern die meisten der „vereinigten Jüdischen Barmherzigkeit" in den Städten der Union besorgt. Diese Methode hätte ihre Vorteile in der Zeitersparnis, selbst wenn sie keine anderen materiellen Vorteile brächte, gegenüber dem alten System der Geldaufbringung. Aber die Erfahrung hat gezeigt, daß die konzentrierte Anstrengung' der Sammlung viel größere Summen aufgebracht hat. So wurden im Jahre vor der Vereinigung 70.000 Dollars ohne und 90.000 mit dem großen Wohltätigkeitsball aufgebracht, während im ersten Jahre unter dem neuen System 121.000 Dollars von denselben Quellen für dieselben Zwecke erlangt wurden, ohne Wohltätigkeitsball und ähnliche Veranstaltungen. Unter dem alten System waren die meisten Wohltäter individuell an einer, höchstens 3—4 Institutionen interessiert und unterstützten fie, wodurch fie eine Spaltung in der Gemeinde in dieser Hinsicht bewerkstelligten, während der Bund eine gemeinsame Zentralisierung des Jntereffes für alle Wohlfahrtsinstitute herbeigeführt hat. Wie mancher hat unter dem alten Sy st em dem einen oder andern Verein unter dem mehr oder minder wahrhaftenVorwande einen Korb gegeben, daß er schon bei einem oder mehreren andern Vereinen Mitglied sei (eine gewiffe innere Ähnlichkeit zwischen Philadelphia und Wien. Anmerkung der Uebersktzung!) aber durch den Bund wurden Ausdehnung und Bedürftigkeit jedes Vereines den Mitgliedern ans Herz gelegt, und diese tiefere und weitere Kenntnis bringt einen weitern Wohltätigkeitssinn und ein erhöhtes sozialesVerantwortlichkeitsgefühl hervor. (Möge es auch bei uns in Wien so sein, zunächst bei der Bekleidung!) Der Bund hat die vielen akuten und chronischen Krankheiten, die dem alten Einsammlungssystem anhafteten, beseitigt, den untereinander kämpfenden Rivalitäten der Vereine ein Ende gemacht; er setzt ein edles Gefühl der Kameradschaft an die Stelle, bringt die einzelnen Vereine zu einer innigen Mitarbeiterschaft. Er ist zugleich ein Schutzmittel gegen die Errichtung unnützer Vereine, welche nur in die Arbeit schon bestehender störend eingreisen würden. Das schwierige Problem der Verteilung der Fonds auf gerechter Grundlage ist für Philadelphia gelöst." — Es folgen nun die Urteile und ziffernmäßigen Nachweise der Präsidenten Hackenberg (Jüdisches Hospital), Herzberg (Altersversorgung), die beide von den enormen seitdem erlangten materiellen Vorteilen sprechen, von Frau Lederer (Sonntagsschule), die auch einen großen moralischen Aufschwung ihrer Bestrebungen konstatiert, Miß Berg (Jungdamenverbände), die über die große Arbeitsersparung, Leo Löb (Jüd. Waisenasyl), der namentlich darüber glücklich ist, daß nun die Eintreibung säumiger Mitgliedsbeiträge wegfällt. (Eine zeit- und energielähmende Arbeit.) Diese Damen und Herren sprechen aus fünfjähriger Erfahrung, während die größten Wohltätigkeitsautoritäten von Cincinnati, St. Louis, Detroit, Kansas, Cleveland die glänzendsten Resultate schon nach einjähriger Erfahrung ausweisen können (z. B. Erhöhung der einfließenden Gelder um 100 Perzent, gänzliches Aufhören von Bällen rc., glückliche Kansa City). Der Bostoner Gewährsmann sagt, daß Dinge, die jahrzehntelang vergebens angestrebt wurden, infolge des neuen Systems zur Ausführung in einem Jahre kommen konnten. Mr. Kunn schließt seine durch die verschiedensten Staaten führenden Auseinandersetzungen mit der lauten Klage, daß dem Philadelphiaer Bund noch nicht alle Vereine angehören, „denn ein Verband, dem nicht alle einzelnen Vereine angehören, ist gar keiner". Was sollte nun erst Herr Mendel und die Zentrale über die vielen Bekleidungsvereine sagen, die dem Verband noch nicht angehören. Aber hoffen wir, daß die Erfolge der diesjährigen Bekleidung, deren Vorarbeiten unvergleichlich besser vor sich gehen wie im Vorjahre, indem es gelungen ist, die Herren Religionslehrer und Jugendbildner für die Sache immer mehr zu interessieren, die schon koalierten Vereine dauernd an die Zentrale ketten werden und daß jeder dieser Vereine wieder andere in seinen Kreis ziehen wird. C. Benedikt.