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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-08-23 · 34 (23.8.1912) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
34 (23.8.1912)
Date
1912-08-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 34 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 863 Kronen als Mitgliedsbeitrag zahlte, der stand in der Organisation; wer das nicht wollte oder konnte, stand „außerhalb des Lagers", war ein Geächteter, ein Auch- Iude, ein Abfall-Jude. Von Zeit zu Zeit berief Dr. Straucher die Mitglieder des jüdisch-nationalen Vereins und ergänzte die Versammlung durch eigenmächtig von ihm ernannte Vertrauensmänner. Die Beratungen nahmen gewöhnlich den Verlauf, datz Dr. Straucher ein bis zwei Stunden von seinen Verdiensten um das Judentum sprach, datz ein Herr den Antrag stellte, es sei ihm das Vertrauen der ganzen Bukowinaer Iudenheit auszusprechen, und datz dieser Antrag einstimmig angenommen wurde. Dann ging die Versammlung auseinander. Fand einmal ausnahmsweise einer der Anwesenden dxn Mut, eine unbequeme Frage zu stellen oder eine tadelnde Bemerkung zu machen, so wurde er mit Schimpf und Schande niedergedonnert und ein für allemal von den jüdisch-nationalen Versammlungen ausgeschlossen. Alle Verhandlungen mit den Deutschen, Rumänen, Polen, alle Allianzen und Freundschaften mit den anderen Nationen, allen Verkehr mit der Regierung, der Landessowohl wie der Zentralregierung, alle jüdische Politik der letzten zehn Jahre hat Straucher allein zu verantworten; bei keinem der von ihm unternommenen Schritte hatte die Iudenheit der Bukowina auch nur eine beratende Stimme. Und als die neue Wahlordnung für die Bukowina zum Gesetz erhoben wurde und den Juden als einer eigenen Kurie neun Mandate eingeräumt wurden, war Dr. Straucher im Begriffe, eine Anzahl seiner „Vertrauensmänner", Männer vom Schläge jenes Herrn mit den nationalen Garantien, den Wählern aufzudrängen. Da sagte ich mir, datz es rein menschlich eine Schmach und vom jüdischen Standpunkt aus ein Verrat wäre, die hunderttausend Juden der Bukowina durch willenlose Werkzeuge eines skrupellosen Gewaltmenschen vertreten zu lassen, bei den Nichtjuden die Meinung zu erwecken, als hätte das Judentum der Bukowina nichts Besseres, als die Auserlesenen Dr. Strauchers in die Landstube zu entsenden. Der Mangel einer wirklichen Organisation wurde von Allen empfunden wie niemals zuvor. Damals wandte ich mich mit einem Aufruf an die Judenschaft der Bukowina, wir möchten zusammentreten, um uns als Gesamtheit zu organisieren, uns in der schweren Zeit der Wirtschaftlichen Not und der politischen Bedrängnis eine Körperschaft wählen, der es obliegen sollte, die ganze Bukowinaer Judenschaft nach innen zu betreuen, nach nutzen zu vertreten. Der Gedanl^ vom „Volksrat der Bukowinaer Juden", der alle hunderttausend Juden des Herzogtums ohne Rücksicht auf konfessionelle oder politische Schattierungen umfassen sollte, wurde im ganzen Lande mit Enthusiasmus aufgenommen; im März 1911 fand in allen Städten und Städtchen am selben Tage die Wahl statt und der „Volksrat" wurde zur Tatsache. Siebzig angesehene freigewählte Männer gingen aus der Urne hervor, kamen in Czernowitz am ersten Sonntag eines jeden Monats zur Beratung zusammen; weder Frost noch Hitze, nicht Unwetter noch die Dringlichkeit eigener Geschäfte hielt die Gewählten davon ab, regelmätzig bei den Sitzungen zu erscheinen. Es kamen die stürmischen Kämpfe um die jüdischen Landtagsmandate. Der Volksrat hatte von Hause aus nur zwei Kandidaturen aufgestellt: diese setzte er durch. Nun trat an die Iudenheit der Bukowina die Frage heran, ob die jüdischen Landtagsabgeordneten es zu einem gemeinsamen einheitlichen Vorgehen in der Landtagsstube bringen würden. Es hatte sich ja so viel Parteihatz und Verbitterung zwischen den Mandatswerbern aufgehäuft. Der Volksrat entschied in einer langwierigen Beratung mit überwältigender Mehrheit, datz alle persönlichen Momente in den Hintergrund gedrängt werden mützten, datz die Judenheil nach autzen hin geschloffen auftreten mützte, mit anderen Worten, datz das Zustandekommen eines jüdischen Landtagsklubs eine unabweisbare Forderung sei, weil die Iudenheit der Bukowina eines von Parteizugehörigkeit unabhängigen Forums bedürfe und der Landtagsklub vorläufig — so lange der „Volksrat" nicht allgemein anerkannt sei — die geeignetste Körperschaft sei, jüdische Gesamtangelegenzu beraten. Wir wollten einen ständigen Klubsekretär anstellen, der jederzeit allen Juden ihre Beschwerden und Wünsche abnehmen sollte, um sie dann unter die einzelnen Abgeordneten zu verteilen. Ich rufe die Herren Landtagsabgeordneten aus dem Lager Strauchers, Vizebürgermeister Dr. Weisselberg er und Kammerrat H e ch t, als Zeugen dafür an, was für Hoffnungen wir alle an den jüdischen Landtagsklub knüpften. Der jüdische Landtagsklub kam zustande. Wer sollte der Obmann des Klubs werden? Die vom Volksrat in den Landtag entsandten Kandidaten, der Advokat Dr. Mar Fokschaner und ich brachten offen unsere Bedenken gegen die vorgeschlagene Obmannschaft Dr. Strauchers vor. Wir erinnerten daran, datz Dr. Straucher als Präses der Czernowitzer Kultusgemeinde eine von niemandem geleugnete Willkürherrschaft führte, datz er den freigewählten Vorstand vollständig nullifiziert habe, datz er als Obmann des jüdischen Reichsratsklubs sich und seine Klubgenossen zum Gespötte der Welt gemacht habe. Unsere Warnungen wurden nicht gehört; Dr. Straucher wurde Obmann des jüdischen Landtagsklubs. Und wie haben sich unsere Hoffnungen erfüllt? Nicht ein einzigesmal hat Dr. Straucher den Klub einberufen, nicht eine einzige Sitzung hat stattgefunden. Als aber die Regierung die Obmänner der einzelnen Klubs zusammenrief, um ihre Meinung bezüglich der Sanierung der rumänischen Raiffeisenkassen zu hören, erklärte Dr. Strauch er imNamen des jüdischen Klubs, die Juden seien gegen den vorliegenden Entwurf. Wo in der ganzen Welt ist jemals etwas ähnliches vorgekommen, wo in aller Welt behielte ein solcher Mann sein Mandat? Dr. Straucher ist weiter Obmann des jüdischen Klubs. Und nun stehen wir vor der neuen Landtagssession, die im Herbst Fragen von einschneidendster Bedeutung zu lösen hat, und sind ohne Kenntnis der Sachlage, ohne Information, ohne Marschroute, ohne Plan. Das ist die augenblickliche Lage der Juden in der Bukowina, das ist die Lage des mit so vielen Opfern gegründeten jüdischen Landlagsklubs. _ Leon Kellner. Hilfe für die „Selbsthilfe". Ein Mahnruf. Nicht in der „O esterreich ifchen Wochenschrift" allein, in allen jüdischen Kreisen zeigen sich ernste Bestrebungen, durch die unerbittlichen Mahnungen steigender Not hervorgerufen, dem kranken Teile Oesterreichs, Galizien, jüdische wirtschaftliche Organisationen zu schaffen und die ökonomische Situation der Juden halbwegs erträglich zu gestalten. Die Enquete des galizischen Landesausschusses, so seriös sie eingesetzt hatte, verlief allerdings resultatlos im ^-ande, nicht blotz aus Verschulden ihrer Veranstalter. Eine fruchtbringende Unterstützungstätigkeit für 'Galizien kann in diesem Falle überhaupt nur dann mit Erfolg begonnen werden, wenn das klingende Argument des Geldes die Anklagen eines Jahrzehnte alten wirtschaftlichen Tiefstandes übertönt. Aber so viel in dieser Enquete gesprochen wurde, manches wurde doch auch gesagt, und wie bei einer Krankheit die genaue Diagnose schon eine halbe Therapie

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