Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 34 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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te 562 Str. 34 Grade darf der Winkel haben, in den ihm die Augen schielen? Welches Maximalmaß von Häßlichkeit verträgt sich noch mit der Autorität, dre man bei dem Offizier nicht vermissen will? Die Versammlung der Berufsoffiziere, die das Per'önlichkcilsmaß des Aspiranten aus deffen äußeren Erscheinung ableiten muß, wird da vor eine schwere Aufgabe gestellt sein. Man wird dem Bewer'.'er nicht nach seinem Charakter, noch nach seinem geistigen Wert, auch nicht nach seiner militärischen Eignung zu beurteilen haben, sondern nach dem Eindruck, den sein Aeußeres auf die Mannschaft macht. Viel schlimmer noch wird es sich um das Fahnden nach dem Milieu gestalten. Was soll denn das überhaupt sein mit diesem Milieukriterium? Aus welchen Gesichtspuicklen soll das Milieu geprüft, an welchen Maßstäben soll es gemessen werden? Das Kriegsministerium hätte sich hüten sollen, diese Zynosur in so gefährlicher Allgemeinheit und Unklarheit aufzustellen, denn es wird dadurch allerlei sozialen, vielleicht auch konfiffionellen Vorurteilen Eingang in das Offizierskorps verschafft, dessen vortrefflicher Geist sich diese Verirrungen bisher stets fernzuhalten gewußt hat. Was in aller Welt hat denn überhaupt der militärische Wert des Reserveoffiziers mit deffen Sippschaft zu tun? Kann der Sohn des Taglöhners oder des Hausierers nicht ein glänzender Offizier fern? Deutet nicht schon die nackte Tatsache, daß ein Kind sozial tiefstehender Eltern sich die zum Emjährig-Freiwilligendienst qualifizierende Bildung angeeignet und dann auch noch die Offiziersprüfung mit Erfolg bestanden hat, gerade auf jenen Persönlichkeitswert hin, von deffen gründlicher Verkennung dieser Erlaß ein so betrübendes Zeugnis gibt? Hat nicht just darin, daß Leute aus solchem Ursprungsmilieu sich zu Reserveofflziersaspiranten emporgearbeitet haben, bereits die natürliche Auslese gewirkt? Und ist die Selektion durch em Naturgesetz nicht um vieles zuverlässiger als die Selektion durch Beschluß einer KöiPerschaft?" „Die Institution der Reserveoffiziere hat seit ihrem Bestände ein einziges Mal konkreten Anlaß gehabt, sich auf ihren militärischen Wert erproben zu lassen: im Okkupationsfeldzuge. Damals, es sind funfunddreißig Jahre her, hat man mit dieser Einrichtung die allerbesten Erfahrungen gemacht. Die Reserveoffiziere haben sich im Felde als Soldaten von größter Tüchtigkeit bewährt, haben die furchtbaren Mühseligkeiten des Krieges bravourös getragen, haben vor dem Feind eine aufopferungsvolle Tapferkeit betätigt, die eii hcllige Anerkennung errang. Dabei war um jene Zeit die ganze Institution kaum zehn Jahre alt; sie hatte also noch gar nicht die Muße gehabt, sich völlig in den Armeegeist einzuleben, all das, was an militärischen Werten als Möglichkeit in ihr schlummerte, durch die Routine aus sich selbst herauszuentwickeln. Seither ist solche Entwicklung rastlos vor wärt-- gegangen. Schlüge morgen die Stunde, die die Reserveoffiziere vor den Feind ruft, sie würden in noch weit ergiebigerem Maße in Ehren bestehen. Das alles ist erreicht worden ohne die jüngstverordneten Kriterien des Persönlichkeitswert.s, ohne Prüfung der Vlsage und des Ursprungsmilieus, ja vielleicht gerade weil man an den Reserveoffizier andere, verläßlichere Maßstäbe angelegt hatte. Auf die Art, wie sie von diesem Erlasse vorgeschrieben wird, lasten sich elegantere und vornehmere Reserveoffiziere erzielen als die bisherigen waren, ob aber auch gediegenere und tüchtigere, mag dahingestellt bleiben. Diese ganze Reform ist entweder geistlos, oder, und das ist der weitaus schlimmere Fall, sie ist von einem Geiste eingegeben, der mit dem modernen Fortschrtttsgedanken und dem demokratischen Ku turideal nichts gemein hat. Man wird die Empfindung nicht los, daß da jener Geist des altpreußischen exklusiven Offiziersdünkels auf unsere Heeresleitung abgefärbt hat, der auch da, wo er bodenständig ist, als ein lästiges Ueberbleibsel des Feudalismus betrachtet wird. Unserer Armee ist die Tendenz, die Offiziere nicht aus den Besten und Tüchtigsten, sondern aus den Schmucksten und Vornehmsten auszuwählen, bisher stets wesensfremd gewesen. Den großartigen und glänzend erprobten Qualitäten der preußischen Armee nachzueifern, ist ein Streben, das man unserer Kriegsverwaltung gewiß nicht verübeln soll. Aber wenn unserer Wehrmacht, um der preußischen gleichwertig zu werden, bloß noch dies eine fehlte, so wäre es besser beim alten geblieben. Das Kriegsministenum hätte sich diesen Erlaß wohlweislich erlaffen können." Mas in der Kukamrua vorgehl. Unser vortrefflicher Glaubensgenosse, Herr Dr. Isak Kohn in Sereth, der vorige Woche in diesen Blättern das Zerwürfnis zwischen Straucher und Wassilko besprach, mutz die Verantwortung dafür tragen, wenn ich heute mit innerem Widerstreben, aber von den Umständen gezwungen, die grotze jüdische Welt in das Geheimnis der kleinen Bukowinaer Politik einweihe. Seit zwei Jahren dauert der Kampf um die von mir angeregte Organisation der Bukowinaer Judenschaft, und es sind allerlei entstellende Berichte darüber in die Presse gelangt; trotzdem hielt ich es für das Beste, unsere Angelegenheit innerhalb der Bukowina auszutragen und die Autzenwelt mit einem Zerwürfnis zu verschonen. Wir Juden in der Bukowina wissen, was uns brennt, aber wer kann es Fremden zumuten, sich in die verzwickten Verhältnisse unseres weltentrückten Winkels hineinzudenken? Nun aber hat Herr Dr. Kohn unseren Jammer an die grotze Glocke gehängt, leider ohne die Leser über den Sachverhalt aufzuklären. Er mißbilligt meine Politik, ohne zu sagen, was das sei, meine Politik. Da mutz ich wohl die jüdische Welt ins Vertrauen ziehen, ob ich will oder nicht. Cs soll in wenigen trockenen Worten mit möglichster Vermeidung des Persönlichen geschehen. — Als ich im Jahre 1904 nach Czernowitz kam, war Dr. straucher, so viel ich sehen konnte, der unbestrittene „Führer" der Juden in der Bukowina. Er war Präses der Kultusgemeinde, Eemeinderat, Landtags- und Reichsratsabgeordneter, Mitglied des Landesschulrats — was nicht noch alles? Er hatte schon damals die 16 Mandate inne, die er noch heute bekleidet. Was ich persönlich für einen Eindruck von diesem mächtigen, in allen jüdischen Blättern gepriesenen Mann hatte, was intelligente Juden von ihm dachten, das kann ich nicht gut mitteilen, aber das darf ich sagen: Man lächelte oder zuckte die Achseln, wenn der Name Straucher genannt wurde, traute sich aber nicht, eine Silbe gegen ihn verlauten zu lassen. Es war nicht schwer, zu sehen, daß eine Fülle von Hatz gegen ihn vorhanden war, aber eine noch größere Summe von Furcht. Die Atmosphäre war immer von Kampfgetümmel erfüllt; ich habe nirgends und zu keiner Zeit meines Lebens in ganz friedlichen Tagen so viel heiße Schlachtstimmung empfunden, wie immerfort in Czernowitz — lange, lange bevor ich die politische Arena betrat. Bald führte -er einen Kampf gegen die Rumänen, bald gegen die Deutschen, bald gegen die Polen, immerfort aber gegen einzelne Juden. Ich kannte damals nicht einen einzigen der Befehdeten, hörte aber ununterbrochen ihre.Namen; man sprach von ihnen wie von Verrätern an ihrem Volk, wie von abgestraften Verbrechern. Als ich mit den Verhältnissen etwas vertrauter wurde, erfuhr ich, daß diese Individuen hochachtbare Bürger waren, aber trotzdem nichts taugten, denn sie wären nicht jüdisch-national. Und noch später, gelegentlich einer Bewerbung um ein Mandat für den Kultusvorstand, wurde mir sä oeulos demonstriert, was man in Czernowitz unter jüdisch-national versteht, oder richtiger, damals verstand. Wir waren vier Bewerber, ein Finanzrat, ein Landesgerichtsrat, ein Vaurat und ich. Der Vaurat hatte als Professor der Gewerbeschule in, Salzburg, in dieser urkatholischen Alpenstadt, die jüdische Gemeinde begründet und den Tempel gebaut. Und kaum hatten wir in einer Persammlüng unsere Kandidaturen angemeldet, als 'sich Straucher stillschweigend entfernte; ein Herr aber, dessen Verdienste um das Judentum bis jetz't noch in tiefes Geheimnis gehüllt sind, sprach die geflügelten Worte: „Gewiß, die Herren find ausgezeichnete Juden, aber können sie uns nationale Garantien bieten?" Nein, der Vaurat konnte keine geben, denn pc wußte und weiß, bis jetzt noch nicht, was das ist, nationale Garantien. ~ Der unwissende Baurat wurde auch nicht gewählt; ich erhielt wohl das angestrebte Mandat, nahm es aber nicht an, weil ich inzwischen erfahren hatte, was für nationale Garantien von einem Mitglieds des Kultusvorstandes erwartet wurden: ' Vollständige Verzichtleistung auf die eigene Meinung und das eigene Gewissen, blinde Unterwerfung unter den Willen Dr. Strauch ers.' So war es in der Kultusgemeinde, so war es im Gemeinderat, so war es überall. Dr. Straucher hätte einen Mdisch-nationalen Verein gegründet; das nannte er die Organisation der Bukowinaer Juden. Wer sechs Dr. Vlochs Wochenschrift das sie ja doch nur als Pigmäengezänk auffassen könnte.