Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-08-16 · 33 (16.8.1912) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
33 (16.8.1912)
Date
1912-08-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021981-3022015--21389-3046480
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 656 Dr. Vlochs Wochenfchrfft Nr. 33 Euer Roch wohlgeboren! Oie ergebenst Lnterzeicbneten sprechen Ihnen kür die hochherzige Spende von K 1000 im Namen aller Leidenden, welchen Ihre Spende den Gebrauch der Gasteiner Thermalbäder fernerhin ermöglich^, den wärmsten Ü3nk aus und ersuchen Sie, zu gestatten, daß Ihr Name in der Reihe der St'fter genannt und auf einer in der neuen Anstalt aufzustellenden Ehrentafel verewigt werde. Der Verein des Badehospital Bad Gastein. Bad Gastein 7. August 1912. Pfarrer Josef P r o s s e r. Dr. Ludwig Wiek. Schriftführer. Obmann. Marreubad. Ein Freund unseres Blattes schreibt uns: „Eine Veranlassung führte mich dieser Tage zum Marienbader Brunnen- Jnspektor, Herrn Pater H a n i k e r (Tepler Premostr.). Auf meine Anfrage beim Portier, ob Herr Inspektor zuhause sei, wurde ich von diesem ersucht, mich ein wenig zu gedulden, da gerade eine Dame bei demselben sei. Im selben Augenblicke erschien Se. Hochwürden in der Tür und als er mich erblickte, war er sehr erfreut und meinte: „Sie kommen mir wie gewünscht, sehen Sie, diese Frau ist eine Israelitin und hat sich hierher nach Marienbad an das Hospital um Aufnahme gewandt, was ihr auch gewährt wurde. Als sie jedoch hieher kam und sah, daß sie hier nicht rituell leben kann, da war sie entsetzt und hat sie sich in ihrem Entsetzen an mich gewandt, ich möge ihr helfen. Helfen Sie mir, „koste es, was es wolle!" Seinen Bemühungen gelang es auch, diese Frau ins israelitische Hospital aufzunehmen. Proßuitz. Der Jüdische Turnverein in Proßnitz veranstaltet am Sonntag den 25. August 1912 ein öffentliches Schauturnen, verbunden mit Gartenfest und anschließendem TanzkrLnzchen, und ladet auf diesem Wege alle Freunde und Gesinnungsgenoffen hiezu ein. Selbstschäuduug des Renegatentums. Ju den „Frankfurter Nachrichten" erschien aus der Feder des Chefredakteurs Dr. Ferdinand Runkel ein langer Artikel gegen Heine. Runkel macht Heine — wie uns scheint, nicht mit Unrecht — den Vorwurf, daß er keine richtige Stellung zu Gott finden konnte, weil er von einer Religion in die andere ohne innere Ueberwindung schwankte. Nun wird jetzt in der „Allg. Zeitung d. Judentums" festgestellt, daß^der Verfasser dieser Betrachtung der Sohn eines getauften Juden ist, der stets Proselytenmacherei treibt und mit Vorliebe in den Logen Vorträge auf diesem Gebiete hält. Um die Sache noch ironischer zu gestalten, existiert sein Blatt in der Hauptsache von jüdischen Inseraten. Es ist wirklich schwer, hier keine Satyre zu schreiben. Das Renegatentum ist nicht nur eine traurige, sondern auch fast immer eine lächerliche Erscheinung. Zürich. (Der „Weltbund gegen die Vivisektion" und das Schächten.) Aus Zürich wird uns telegraphiert: Der internationale Kongreß des Weltbundes gegen die Vivisektion und für Tierschutz verwarf eine Tagesordnung auf Mißbilligung des Schächtens. AdrimwpÄ. (Auszeichnung eines Rabbiners.) Wie uns aus Konstantinopel berichtet wirb, hat der Sultan den hiesigen Grand Rabbin Haim Bejarano, den Medjidie-Orden dritter blasse verliehen. Grand Rabbin Bejarano gehört zu den gelehrtesten und einflußreichsten Mitgliedern seines Standes im Orient. Feuilleton. Die indische Gemeinde i« Kissadnn. Von Prof. N. Elonsch. Professor Sloufch setzt seine Reisebriefe aus Portugal im „Haint" fort. Der letzte Artikel ist der jüdischen Gemeinde in Lissabon gewidmet. Die Sympathien, welche die Juden gegenwärtig in Portugal genießen, oder zumindest das Nichtvorhandensein des offenen Judenhasses, wie z. B. in Spanien, zeigt sich in Lissabon in verschiedenen Richtungen. Die Juden begannen zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts nach Portugal zurückzukehren. Mitglieder von jüdischen Familien, welche seit einigen Generationen hier wohnen, erzählten mir, daß sie in der Regel von adeligen Familien, die den Marannen entstammen, gefördert und protegiert zu werden pflegten. Der Großvater eines gegenwärtig in Lissabon wohnenden Juden, der seinerzeit von Marokko nach Lissabon kam, begegnete hier großen Schwierigkeiten, bis sich ein Marquis, der Nachkomme einer Marannenfamilie, seiner annahm und ihm dazu verhals, nach den Azoreninseln weiter zu wandern und dort ein später rasch aufblühendes Unternehmen zu gründen. Reich geworden, kehrte er nach Lissabon zurück, wo seine Nachkommen heute in hochgeachteter Stellung leben. Offiziell wurde den Juden der Aufenthalt in Portugal erst im Jahre 1823 wieder gestattet. Aber ich selbst sah hier in einem Museum einen großen Grabstein aus dem Jahre 1815, der in Portugal selbst aufgestellt wurde. Um dieselbe Zeit ließen sich auch Gruppen von Juden in Porto und in der im Süden Portugals gelegenen Stadt Foro nieder, wo auch die erste Synagoge im neuen Portugal errichtet wurde. Der Antisemitismus ist in Portugal unbekannt. Das Volk hat überhaupt keine Ahnung davon, was ein Jude ist. Der Klerus Hat ihm Jahrhunderte lang solche phantastische Ammenmärchen über die „Judeos" erzählt, daß die große Volksmasse sich einen Juden nicht anders als etwa mit Hörnern oder einem langen Wedelschweif vorzustellen vermag. Sie können es kaum fassen, daß die Fremden, welche aus Marokko oder aus Gibraltar nach Portugal kommen und menschenähnliche Gestalt haben, dieselben „Judeos" sein könnten, von denen ihnen die Geistlichen so viel vorgefaselt haben. Im übrigen haben die letzteren ihre Rolle schon längst ausgespielt. Was die Marannen betrifft, so werden sie von den Portugiesen als ihre Konnationalen, die jedoch von Juden abstammen, angesehen, die vielleicht einigen jüdischen Gebräuchen treu geblieben sind, aber iw übrigen schon seit langem christianisiert und assimiliert sind. Auch heute noch sind die Marannen hier, unter dem Namen „Neue Christen" bekannt. Hingegen ist hier die Meinung allgemein verbreitet, daß, seitdem die Juden das Land verlassen haben, mit ihnen auch das Glück und der Wohlstand aus dem Lande zog, und ist man fest überzeugt, daß mit der Rückkehr der Juden im Lande alles besser werden würde. Besonders in der Mittelklasse herrschen große Sympathien für die Juden. Dies sei durch eine Tatsache bewiesen. Ich habe hier alle Zeitungen durchgelesen, die sich mit der Frage der jüdischen Kolonisation in Angola beschäftigen. Ich habe hierüber einflußreiche und kompetente Persönlichkeiten befragt und die Ueberzeugung gewonnen, daß auch keine einzige Stimme gegen die Juden als Juden laut geworden ist und eine antisemitische Stimmung sich überhaupt nicht kundgegeben hat. Im Gegenteile, der Vorschlag wurde überall — vom Volke vielleicht noch meh>r als von den Politikern — mit großer Genugtuung ausgenommen. In solcher Situation konnte die jüdische Gemeinde in Lissabon sich ruhig und sicher entwickeln. Heute besteht sie aus 500 Seelen. Einige jüdische Gelehrte und Finanziers haben eine hohe soziale Stufe erreicht, die übrigen sind Kaufleute und Gewerbetreibende und leben in verhältnismäßig guter wirtschaftlicher Position. Die Stadt Lissabon ist ausnehmend schön, vielleicht eine der schönsten Städte in Südeuropa. Die Juden wohnen hier nicht nebeneinander, sie sind über die ganze

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.