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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-08-16 · 33 (16.8.1912) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
33 (16.8.1912)
Date
1912-08-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Dr. Vkochs Wochenschrift Seite 548 Nr. 33 Vorgesetzten das Bewuhtsein. dah die Religionsgemeinschaft, der er angehört, ein gleichwertiges Glied bildet in der Kette der Vorschriften des militärischen Dienstreglements. Manch ein Schuh, der junges, blühendes Leben zerstört und über Familien namenloses Weh gebracht hat, wäre vielleicht solcherart in der Vergangenheit nicht gefallen und würde in Zukunft gewih zu verhindern sein. Man sollte meinen, dah die seit langem erhobene Forderung nach voller Gleichberechtigung des jüdischen Elementes im Heer nicht länger ein pium desiderium bleiben könne. Das Intervenieren und Antichambrieren bei den hohen Militärbehörden behufs Geltendmachung unserer Gerechtsame in der Armee yaht denn doch nicht mehr in unsere heutige Zeit, dawo „die Atmosphäre Westeuropas voll ist von Gleichstellung und Demokratie". Der jüdische Soldat hat als Staatsbürger auch zur Zeit, da er seine Blntsteuer entrichtet, das nämliche Recht auf Berücksichtigung seiner religiös-ethischen Individualität, wie sein Kamerad, der zwar einer anderen Kirche angehört, aber den Rock desselben Kaisers trägt. Wenn schon nicht anders, so haben seine Vorfahren auf den Schlachtfeldern ihm dieses Recht mit ihrem Blut erkämpft, wie auf jedem Blatt der österreichischen Kriegsgeschichte zu lesen ist. Dazu kann ihm aber in vollem Matz nur der aktive jüdische Militär s eelso r g er verhelfen, mit dem sich der jüdische Mann eins fühlt durch Bande des Bluts und Verwandtschaft der Religion, als Freund und Kamerad im Dienen und Leiden. Die Schaffung eines aktiven jüdischen Militärseelsorgestandes ist demnach nicht bloß ein berechtigtes jüdisch-religiöses Postulat, sondern auch eine sozial-ethische Notwendigkeit, ein Amt, das einen ganzen Mann erfordert und im Nebenamt nie und nimmer voll und ganz versehen werden kann. Dazu ist der Raum zu groh, den uns die Väter hinterlassen, dah wir ihn umzäunen und jene Zeit herbeiführen helfen, dawo auch im Heere unser und unserer hohen Festtage nicht so leicht, wie bisher, vergessen wird. Wenn aber das Verlangen nach Ernennung aktiver jüdischer Militärseelsorger seitens der Militärverwaltung immer damit abgetan wird, dah dieses Amt von dem betreffenden Ortsrabbiner versehen werden kann, so bin ich auf Grund 12jähriger Erfahrung in der Lage, die Herren eines Bessern zu belehren und mich dabei auf Rudolf Eucken zu berufen, der da sagt: Wo Nebensachen als Hauptsachen. werden Hauptsachen leicht als Nebensachen behandelt. — Die nördliche Wichtung der alljndischen Kechnnser in GaMiia. Die Gebetsrichtung der altjüdischen Synagogen in Galiläa weist nicht nach Jerusalem, sondern nach Norden. Eine Tatsache, auf die bereits Ernst Renan vor vielen Dezennien hrngewiesen hat. Die Erklärung dieser „befremdenden" Erscheinung, welche Prof. Kraus gibt, will nicht einleuchten. Die Eebetsrichtung der Synagogen gen Norden. Wie das sonderbar in dem Kulturkreis des spätjüdischen und christlichen Volksglaubens klingt. Sonderbar aber nur für uns. aber nicht historisch beurteilt, nicht an und für sich. „Wer den Dichter will verstehen, muh in Dichters Lande gehen." Wer eine kulturgeschichtliche Erscheinung auch der geringfügigsten Art richtig begreifen will, darf sich mit rationalistischer Umschau nicht begnügen, der muh den Mutterboden, den Kulturkreis, aus dem diese Erscheinung herausgewachsen, die Umwelt im zeitlichen und räumlichen Nach- und Nebeneinander aufsuchen und das sonderbar Anmutende und Befremdende aus verklungenen zeitgenössischen Werten und zusammenhängenden verschollenen Vorstellungen Fier^ aus erklären. Der parsische, christliche und spätsüdische Volksglaube sieht den Norden als dämonisch an. Nicht so die Alten. Im Kulturkreis der antiken Welt galt der Norden, die Gegend des Polarsterns, dez einzigen ruhenden Punktes in der Astralwslt ewiger Flucht als Sitz der Götter. Die Babylonier versetzten nach Norden die Residenz Anus, des Göttervaters. Die späteren Nachfahren der Babylonier, die Mandäer, waren derselben Ansicht. Ein zäher Glaube, der nicht nur Semiten eigen war. Auch die indischen Arier fabelten von einem Götterberg Meru im Norden. Bei den Hellenen thronten die Götter auf einem nördlichen Berg, dem Olymp. Bei den Römern, Etruskern und 'Germanen war es Sitte, gen Norden gewendet zu opfern. Eine Unzahl von Völkern träumte von einem am hohen Norden gelegenen Paradies. Warrant in seinem interessanten Buche ,.Thf> paradise tonnd at tlie Nm-thpol“ bringt diesbezüglich merkwürdige Notizen. Vor einigen Iahren publizierte ein merkwürdiger indischer Gelehrter Tilak eine wissenschaftliche Arbeit, worin er zu beweisen sich bemüht, dah die Urhindus eiiTt in vorglacinler Zeit in einem Schlaraffenlands am Nordpol sahen. Die Folklore kennt weder Rain noch Grenzmark. Volksvorstellungen lassen sich hinter Grenzpfähle nicht einpserchen. Trotz aller Exklusivität drang die Anschauung der antiken Welt auch bei Iuden durch. Der Norden galt auch bei dem merkwürdigen Völkchen am Iordan als hochheilig und bevorzugt. Auch der Iude opferte gen Norden (Leviticus I. 11, Sebachim 47 a. 53 a, 54 bl, die Schaubrode im Tempel muhten nordwärts gelegt werden (Erodus Xl. 32), denn von Nor den her erscheint in seiner Pracht und Herrlichkeit der Wagen Gottes (Ezechiel I. 40). Die Feste Israels, der Berg Zion, trug den Ehrentitel „Winkel des Nordens" (Psalmen XLVIII 2). Niemand in Israel muckerte gegen diese Vorstellung. niemand wetterte gegen den Geruch folkloristl scheu Heidentums, obwohl es meist auch in Iudäa bekannt war, dah die Heiden im Norden den Thron ihrer Götter sahen (Isajas XIV, 13) und die Klageweiber den Eottmärtyrer Thammuz gen Norden gerichtet beweinen (Ezech. VIII, 14 >. Dihra Thora bilsdion hm* Adam. Auch in späterer Zeit hielt das Judentum zäb an der Bevorzugung des Nordens. Die nördliche Seite galt im Tempel zu Ierusalem als besonders beehrend (Succa 56 b Raschi dort). Die nördliche Weltgegend ist glückverheißend für Kindererzeugung (Brachotb 25 a) und Reichtum (Baba Bathra 25 a). Viele dachte i selbst den Sitz der göttlichen Glorie der Schechina im Norden (Midrasch Suta zu Hohelied II. 9>. Auch das Paradies wurde von Mystikern (Henochbuch 25 a) wie von spätern thossaphistischen Gelehrten nach den Norden versetzt (Kiduschin 71 a). Manche Schwärmer späterer Zeit lokalisierten das Paradies am Nordost (Sepher Rasiel). Soviel für unsere Erörterung. Ausführlicher habe ich dies Thema schon an einer anderen Stelle behandelt. Nun. wenn das Altertum ohne Rücksicht der Konfession dasselbe orientalisch-astralische Weltbild hatte und den Norden als Sitz der göttlichen Majestät mono- oder polytheistischer Natur hochhielt, ist es nicht zu verwundern, dah ein an alter Volkstradiiion festhaltender Stamm, wie es der galiläische Am-Haarec war, seine Synagogen gen Norden baute. Die Bewohner der Galiläa der Heiden, die sich von Gesetzeslehrern nicht im Tau schleppen liehen, durften es wagen, ohne

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