Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 33 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 548 Dr. Blochs Wochenschrift Meine Mahnungen blieben ungehört, und so hat sich beim Streite Zweier allerdings der Dritte gefreut und den Nutzen davongetragen. Die bezüglichen Ausführungen Wassilros anlöblich der A g na s z i e r u n g der Wahl H r u s chkas entsprachen daher den Tatsachen, so dab Straucher keinen Grund Hätte, diese Ausführungen zum cä8U8 belli zu machen. Die überwiegendste Mehrheit der jüdischen Wähler stimmt mit Wassilko darin überein, dab die Wahl Brunners kein Ruhmestitel für die Juden der Bukowina gewesen wäre. Brunner ist übrigens als jüd.-nat. Kan-' didat gar nicht aufgetreten, wie denn auch seine Kandidatur vom jüdischen Landtagsklub als der offiziellen Vertretung der Judenheit des Landes einstimmig abgelehnt wurde. . Ich bin als Parteigänger Strauchers so oft durch Dick und Dünn mit ihm gegangen, habe ihm wiederholt in Wort und Schrift so oft meine Anhänglichieit bewiesen, dah ich mich als legitimiert erachte, ihm zu sagen, dab er durch den Krieg mit Nikolai Wassilko der Judenschaft des Landes schweren Schaden bringt. Auf diesem Wege kann ich ihm nicht folgen. Ich warne ihn, den Konflikt auf die Spitze zu treiben und rate ihm im Interesse des jüdischen Volkes, schleunigst einzulenken. Wäre über diese Frage eine plebiszitäre Abstimmung des jüdischen Volkes eingeholt worden, eine erdrückende Mehrheit würde mir recht geben. Ich rufe Straucher zu: .In boe signo non vinces Lucian Brunner aber ist dem jüdischen Volke sicherlich Hekuba, um seinetwillen darf ein Konflikt mit einem treuen und wiederholt bestens erprobten Freunde der Juden nicht ausbrechen. Ihm rufe ich zu: Hand weg von der jüdischen Politik der Bukowina. Sereth, den 5. August 1912. Dr. Isaak K o h n. Schaffung einer jüdischen Mriilärseelsorge. Lon Dr. Armin Abeles. Auf die in mehreren Tagesblättern wie auch in der vorwöchentlichen Nummer der „Oesterr. Wochenschrift" gebrachte Notiz betreffend die Unterbrechung der bereits im Gange befindlichen Assentierungen an den drei hohen Festtagen für die jüdischen Stellungspflichtigen in Ungarn bin ich in meiner Eigenschaft als Feldrabbiner vor einigen Tagen bei dem hohen k. k. Landesverteidigungsministerium mit der Bitte vorstellig geworden, dem ungarischen Beispiel in Oesterreich, vor allem aber in Wien, Folge zu leisten und die in Wien zu erscheinenden jüd. StellungspflichLigen an den genannten drei Tagen von der Assentierung zu befreien, bezw. diese an einem anderen Tage vorzunehmen. Wiewohl die Zeit sehr vorgerückt, die Assentierungen bereits im Zug sind und der komplizierte Einteilungsapparat nicht so leicht geändert werden könne, wurde mir dennoch im Departement XV des genannten Ministeriums die Erfüllung meines im eigenen wie auch im Namen des löblichen Vorstandes der Wiener israelitischen Kultusgemeinde vorgetragenen Wunsches in Aussicht gestellt, und der letztere hat bereits die erforderlichen Schritte zur Erledigung der Angelegenheit unternommen. Im Verlauf des Gesprächs lieb der amtierende Sektionsrat des genannten Ministeriums die Aeutzerung fallen: „Bei der "Ausarbeitung der Assentierungslisten dachten wir nicht an diese hohen Festtage, sonst hätten wir ganz gewiß darauf Rücksicht genommen." Keinem vernünftig und billig denkenden Menschen wird es beifallen, in diese Worte des Sektionsrates auch nur den geringsten Zweifel Nr. 33 zu setzen, geschweige denn wegen der Unterlassung ihm einen Vorwurf zu machen. Aber diese und ähnliche sehr häufig sich wiederholenden Vorkommnisse rücken die Aktualität einer bereits längst reif gewordenen Frage vor Augen: die sehr notwendige Schaffung einer jüdischen Militärseelsorge in Oesterreich, vor allem in Wien. Ist das 'Fehlen jeglicher intensiven seelsorgeris ch e n Tätigkeit im Wiener jüdischen Gemeindeleben nicht genug zu beklagen — die Gründe hiefür zu erörtern, ist hier jetzt nicht der Platz — so kann der Mangel an einer jüdischen Militärseelsorge in der Wiener Garnison nicht anders bezeichnet werden, denn als Unterlassung s s ü n d e, begangen an den jüdischen Soldaten, und dadurch mittelbar am Judentum. Durchschnittlich 5—600 jüdische Soldaten stehen in der Wiener Garnison unter den Fahnen, die naturgemäb alljährlich neuen Zuzug erhalten. Diese Jünglinge rekrutieren sich zum gröbten Teil aus Ungarn und Galizien, kommen sonach aus einem mit jüdischem Leben und Empfinden gesättigten Milieu, welches aber in der Grobstadt während ihrer dreijährigen Dienstzeit keinerlei Pflege und Wartung findet. Losgelöst vom religiösen Mutterboden, ohne jeglichen religiös-ethischen Anschlub, verlieren sie unter dem ehernen Druck des Dienstes allmählich ihr Religions- und Stammesbewubtsein, ihre Seele verdorrt, ihr Gemüt verroht. Manch ein jüdischer Familienvater erkennt in dem heimkehrenden „Korporal" nicht mehr den eigenen Sohn wieder und will ihn oft gar nicht erkennen. Daraus erwächst eine nicht zu unterschätzende Gefahr für das Judentum. -Kein Geringerer als Philippsohn, dem keine mit dem Judentum irgendwie zusammenhängende Frage entgangen, war es, der Lum erstenmal auf dieselbe aufmerksam gemacht und den jüdischen Behörden ans Herz gelegt hatte, in diesem Punkt von der katholischen und protestantischen Kirche zu lernen, die ihren Angehörigen während der „Solvarenzeit" besonderen religiös-ethischen Schutz angedeihen läbt. Wie oft selbst in dem enggezogenen Rahmen meiner feldrabbinischen Tätigkeit ward mir Gelegenheit, Tränen zu trocknen, Tränen, vergossen von jüdischen Soldaten ob des Schmerzes, dab ihnen nicht bloß jeglicher Anschlub an Glaubensbrüder, sondern auch, die Gelegenheit versagt blieb, wenigstens allsabbathlich den von Haus aus gewohnten Gottesdienst zu besuchen. Und wie bejammernswert erst ist das Schicksal des jüdischen Soldaten, sobald er erkrankt und aufs Krankenlager im Garnisonsspital geworfen wird. Mit blutendem Herzen sieht er, welchen Trost und Schutz sein katholischer oder protestantischer Kamerad von seiten des betreffenden Militärgeistlichen erhält, während er ohne tröstendes Wort einsam und verlassen am Wege stirbt. Erst bei seinem Leichenbegängnis erfahre ich dann von feinen Kameraden, welche Seelenqualen der Verstorbene erduldet, wie er sich nach „Brüdern" gesehnt, nach einem bißchen frommem Trost in den schwersten Stunden. Und wenn der jüdische Soldat nach dreijähriger Dienstzeit die Kaserne verläßt, oft ganz mittellos dastehend, ohne Eltem und Angehörige, herausgerissen aus dem Geleise seines Berufes, was soll er in der Zweimillionenstadt beginnen, an wen soll er sich wenden?! Hier kann nur die Aktivierung eines jüdischen Militärseelsorgeamtes Wandel schaffen, eines solchen in demselben Mab und Umfang, mit den nämlichen Rechten und Befugnissen, wie bei Katholiken, Protestanten und Mohammedanern. Einer amtlichen Stelle, mit der der jüdische Soldat Fühlung, an welcher er, wenn ich so sagen darf, eine moralische und materielle Rückendeckung hat. Wie ganz anders wäre es um den „Judenrekruten" bestellt, hätten er und seine