Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 33 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3020846-3021981-3022015--21380-3046471- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3S Dr. Blochs Wochenschrift Heue 847 allerersten Ranges von dem Ansehen und der Stellung Angers in diesem. Blatte angegriffen worden ist. Endlich bietet mir das in der Nr. 30 der „Jüdischen Zeitung" vom 26. Juli l. I. abgedruckte sogenannte offene Schreiben Luzian Brunners an den hervorragenden Politiker Nikolai von Wassilko unliebsamen Anlaß, mich abermals mit der Frage zu beschäftigen, ob denn die „Jüdische Zeitung" wirklich ihr Programm einhält. Auch diese publizistische Emanation Herrn Brunners enthalt persönliche Angriffe in einer Art und Form, die geradezu als unerhört bezeichnet werden müssen. Es ist weder meine Sache, noch halte ich mich, für berechtigt, als Anwalt oder Verteidiger Herrn v. Wassilkos aufzutreten. Denn dieser Politiker kann, wenn ich mich eines gut jüdischen Ausdruckes bedienen darf, „sein Stättel selbst bestehen". Meine Stellung in der jüdischen Nationalpartei und die Tatsache, daß ich wiederholt wichtige Fragen dieser Partei auch in der „Jüdischen Zeitung" in einer Weise erörtert habe, die allgemein Aufmerksamkeit erregte und Anerkennung fand, (so die Frage des jüdischen Katasters, der Enquete des galizischen Landesausschusses über die Judennot rc.) veranlassen mich, zur Frage des Konfliktes mit dem Abgeordneten v. Wassilko, die ich für eine höchst wichtige Frage der jüdischen Politik überhaupt halte, Stellung zu nehmen. Da sage ich denn von vorneherein: es heißt Mische Interessen unheilbar schädigen, wenn in einem jüdischen Zeitungsorgan Verunglimpfungen Nikolai Wassilkos zugelassen werden, wenn von jüdischer Seite gegen den Abg. Wassilko vorgegangen wird!! Ich warne die „Jüdische Zeitung" und die jüdische Nationalpariei davor, die eingeschlagene Richtung fortzusetzen, und rate beiden, schleunigst einzulenken. Denn vor allem lehren Inhalt und Ton des famosen offenen Schreibens Brunners, daß bei Herrn Luzian Brunner keineswegs hie Absicht, jüdische Interessen wahrzunehmen, oder gar Unmut über die Gefährdung jüdischer Interessen durch Herrn v. Wassilko die Feder geführt hat, sondern Groll und Unmut über den Durchfall bei Bewerbung um ein Mandat, das ihm nicht gebührt hat und nach dem er nie hätte greifen sollen. Der Abgeordnete Wassilko hat auf diese Wahl — was die jüdischen Wähler betrifft — keinerlei Einfluß geübt, so daß Herr Brunner die Schuld an seinem Durchfall ohne jede Berechtigung Herrn Wassilko in die Schuhe schiebt. Gegen Brauch und Anstand zerrt Brunner im offenen Schreiben das Privatleben Wassilkos vor die Oeffentlichkeit. Mit welchem Rechte, frage ich.? Weiß Herr Brunner nicht, daß das Privatleben eines Politikers von seiner politischen Tätigkeit streng zu sondern ist, daß das Privatleben nicht einmal seine politischen Freunde, geschweige denn die politischen Gegner etwas angeht? Es geht Herrn Luzian Brunner am allerwenigsten an, woher Herr v. Wassilko die Mittel zu seiner Lebensführung nimmt, und Herr v. Wassilko tut wohl daran, auf die unqualifizierbaren Angriffe und das Geschreibsel Herrn Brunners nicht zu reagieren. Daß der Angriff auf den Abg. Wassilko der jüdischen Sache unwiederbringlichen Nachteil bringt, ergibt sich aus Nachstehendem : Der Abg. Nikolai v. Wassilko erfreut sich in der ganzen Bukowina nicht nur bei seinen Konnationalen, sondern auch bei den anderen das Land bewohnenden Nationen eines so hohen Ansehens, wie fast kein Politiker des Landes. Besonderen Grund aber, ihm dankbar zu sein, haben die Juden des Landes: er hat sich ihrer stets mit Wärme, Eifer und seinem weit reichenden Einflüsse angenommen, und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß es kaum eine jüdische Familie im Lande gibt, der Wassilko nicht in irgend einem Falle einen Dienst erwiesen hätte. Er hat eben durch die kluge Führung seiner Partei eine so überragende Stellung im Parlamente und einen so mächtigen Einfluß erlangt, daß sein Fürwort überall gehört wird. Da wir Juden trotz der papierenen Gleichberechtigung auf die Anerkennung unserer Gleichwertigkeit noch lange werden warten müssen, so kommen wir leider öfter in die Lage, die Intervention einflußreicher Parlamentarier cmzurufen, als die anderen Nationen. Und da finden wir stets die größte Bereitwilligkeit und das liebenswürdigste Entgegenkommen beim Herrn Abgeordneten v. Wassilko. Hiemit habe ich gezeigt, daß jüdische Interessen an Herrn v. Wassilko einen warmen und einflußreichen Förderer haben, daß demnach die leeren Phrasen Brunners von der alleinigen Berechtigung der „Jüdischen Zeitung", jüdische Interessen wahrzunehmen, nicht verfangen. Ich frage aber, wie kommt Herr Luzian Brunner, ein Landfremder, der Land und Leute in der Bukowina nicht kennt, der außer der deutschen Sprache keine d,er Landessprachen versteht, der sich also mit der Bevölkerung (die jüdische inbegriffen, denn Herr Brunner beherrscht die Volkssprache, die für ihn Jargon ist, nicht) von Mann zu Mann nicht verständigen kann, dazu, sich in die Politik des Landes zu mengen? Wer gibt ihm das Recht, einen treuen und bewährten Freund der Juden zu verunglimpfen? Wenn der persönliche Konflikt zwischen Straucher und Nikolai Wassilko, dessen unmittelbarer Anlaß mir nicht bekannt ist, das offene Schreiben Lucian Brunners als faule Frucht gezeitigt hat, so ist dies vom Standpunkte der Juden tief zu bedauern. Vor allem schon aus dem Grunde, weil Wassilko sowohl im Landesparlämente, als auch im Reichsrate wiederholt für jüdische Interessen mit Erfolg eingetreten ist. Das Reichsratswahlrecht ist zwar nicht auf der Basis des nationalen Katasters aufgebaut worden, es ist aber durch eine geschickte Wahlgeometrie so operiert worden, daß jeder Nation ihre Vertretung im Reichsparlament gesichert wurde. Die Juden hatten damals im Wahlreformausschuß keinerlei Vertretung. Straucher allein hatte als Wilder keinerlei Einfluß: er mußte also den Einfluß einer großen Partei zur Sicherung einer jüdischen Vertretung zu gewinnen suchen. Da hat ihm denn die Bundesgenossenschaft mit den Ruthenen die wesentlichsten Dienste geleistet. Denn nur der Tätigkeit Nikolai Wassilkos ist es zu danken, daß wenigstens ein sicheres jüdisches Mandat für den Reichsrat (Czernowitz Ost) geschaffen wurde. Denn es ist auf seine Initiative zurückzuführen,. daß Sadagora an Czernowitz-Ost angegliedert und so eine Mische Mehrheit gesichert wurde. Der Abgeordnete von Czernowitz-Ost hat daher sicher keinen Grund, gegen Wassilko aufzutreten. Was das zweite jüdische Mandat anbetrifft, so ist dies nur auf dem Papier vorhanden. Denn die Mehrheit der Wühler in den Städten sind Nichtjuden. Die Juden könnten daher nur durch volle Einigkeit und durch ein Kompromiß jnit wenigstens einer der anderen Nationen das Mandat erlangen. Der Verlust des Mandates bei den letzten Reichsratswahlen ist leider der Antätigkeit der jüd.-nat. Partei und der Uneinigkeit der Juden selbst zuzuschreiben. Ich habe seinerzeit wiederholt darauf hingewiesen, daß wir das Mandat nur dann erlangen können, wenn wir allen Parteihader beiseite lassen und einen einzigen jüdischen Kandidaten aufstellen.