Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 33 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 646 Dr. Vlochs der Führung und im Auftrag der höchsten Landesbehörden und der hohen nationalen Geistlichkeit im katholisch-nationalen Sinne auch wirtschaftlich organisiert wird, und sogar im letzten Dorf den Juden boykottiert und ihm einen Konkurrenten gegenüber stellt. Man macht nicht viel.Worte bei dieser Bewegung, aber desto gröber ist die unbarmherzige Konsequenz. Die Ruthenen machen es nun nicht viel besser. Allerdings sind ihre Motivs höher. Sie hassen die Juden nicht, -aber sie wollen alle wirtschaftlichen Vorteile den Ruthenen zuwenden. So sind die Methoden verschieden, aber der Effekt im ganzen Lande der gleiche. Nach einem alten Sprichwort macht es dem Frosch keinen Unterschied, ob er von oben hinunter oder von unten hinauf geschunden wird. Es ist sehr bitter, dieses volkstümliche Wort auf einen ganzen Volksstamm anwenden zu müssen, der in seiner ganzen Heimat auf" feindlichem Boden steht. Den Juden war noch immer eine Kleinigkeit von Existenz geblieben. Sie konnten untereinander wirtschaften und sich dem Export zuwenden. Das aber haben nun wieder die neuesten Ereignisse unmöglich gemacht. Die Leitnng der Oesterreichisch-ungar. Bank hat die Einschränkung der Kredite für Galizien verfügt — ob nun aus rein geschäftlichen Motiven oder nicht — und damit für Tausende jüdischer Kaufleute das Urteil gesprochen: Kerker mit Fasten. Die Leute sind so arm geworden, dah sie sich aus dem Lande nicht rühren können und eine Möglichkeit des Verdienens doch nicht haben. Ohne Kredit können die kleinen Unternehmer nicht leben, und so fallen sie denn auch reihenweisie. Einer zieht den anderen nach sich und das Elend wächst denn auch wie eine Lawine. Was mutz die Folge sein? Das Gespenst des Hungertyphus zieht herauf, aber was noch ärger ist, das des sittlichen und moralischen Verfalls. Der Mädchenhandel wird in Blüte stehen, unter dem eisernen Druck der Not mutz die Kriminalität wachsen, die hungernden Kinder werden vernachlässigt und reif für die ärgsten D>erlführungen, die Erwachsenen werden jeden Halt verlieren. Wenn dann die Not die Juden heruntergebracht haben wird, dann werden die Antisemiten mit ihrem elenden Kreis der Lüge kommen und fragen: „Haben wir nicht recht gehabt?" Man kann ihnen aber nur schwer Widerstand leisten. Alle Wohltätigkeit kann bei einem ganzen Volk nicht helfen. Die Bemühungen, Hausindustrie zu schaffen, werden zu wenig. Nichts als die Auswanderung bleibt übrig, und da werden wir wieder Ahasvers Fluch in die Erscheinung treten sehen: Die armen Flüchtlinge aus ihrer Heimat tragen den Antisemitismus an ihren Sohlen nach Europa hinein und nach England und Amerika hinüber. Aber es kann geholfen werden und es wird geholfen werden, wenn anders wir unsere amerikanischen Brüder richtig kennen. Die galizischen Juden müssen Arbeit und Erwerb finden — das ist die Lösung ihres zweifelhaften Schicksals. Sie muffen das bißchen Geld wieder haben, um ihren Bienenfleiß betätigen zu können, um ihren Kindern das Brot des Geistes und des Körpers zu geben, um das böse Werk ihrer Feinde zuschanden zu machen. Wirtschaftliche Organisation und Unterstützung ist das Schlagwort ihrer Existenz. Werden sich das die amerikanischen Juden zweimal sagen lassen? Bernh. Semel, William Fischmann, Bernh. Tür kl, die weltbekannten Leiter des Bundes der galizisch-bukowinischeu Juden in Newyork, haben Dr. Bloch, dem Herausgeber dieser Zeitschrift, bei seiner amerikanischen Reise das Versprechen gegeben, daß sie dem Elend der galizischen Juden zu Hilfe komMen wollen, das ihnen Dr. Bloch so eindringlich geschildert hat. Heran ihr Männer und Bruder! Die Stunde der Tat ist da, und niemals ist die Ehre von so brennender Gefahr gerufen worden, ihr Wort in Größe einzulösen. Wochenschrift f ^r- 33 Der Konflikt Maflilko—Ktrairchrr. Vom Lind-sadvokatkn Dr. Jlaak Kohn in Sereth. Die „Jüdische Zeitung" hat bei ihrem Erscheinen als Programmpunkt die Wahrung jüdisch-nationaler Interessen angekündigt. Sie gilt auch (wenn ich mich so ausdrücken darf) als Reichsorgan der jüdisch-nationalen Partei in Oesterreich. Vor etwa zwei Jahren ging das Gerücht um, die „Jüdische Zeitung" sei nicht das Organ der jüd.-nat. Partei, sondern das Leiborgan Luzian Brunners. Gegen dieses Gerücht hat die Zeitung Stellung genommen und sich insbesondere dagegen verwahrt, das Organ einer einzelnen Person zu sein, vielmehr nochmals ausdrücklich betont, ihr Programm stets eingehalten zu haben und einzuhalten. An der Aufrichtigkeit dieser Erklärung der „Jüdischen Zeitung" zu zweifeln hatte ich schon einigemale Anlaß. So zum erstenmale, als das Blatt in gehässiger, höhnender Weise die politische Tätigkeit Prof. Kellners kritisierte und ihn auch in einem Spottgedicht Bedas persönlich beleidigte. Ich gehöre nicht zu den politischen Anhängern Prof. Kellners, stehe vielmehr im Lager der jüd.-nat. Partei der Bukowina und bin stets gewohnt, Parteidisziplin zu Hallen. Dennoch hat mich der so geartete Angriff auf Kellner so sehr verdrossen, daß ich seither das Abonnement der „Jüdischen Zeitung" aufgegehen habe. Sachliche Politik darf, wenn sie ernst genommen werden will, Persönliches nicht berühren. Man mag mit der politischen Dichtung Prof. Kellners nicht einverstanden sein, immerhin hat er dazumal im zionistischen Lager eine so bedeutende Stellung eingenommen, daß der Angriff >auf ihU mitderWahrung jüdischer Interessen durchaus nicht vereinbarlich war. Weiteren Anlaß, an der Aufrichtigkeit der Einhaltung des Programms der „Jüdischen Zeitung" zu zweifeln, gab mir der Abdruck eines sogenannten offenen Schreibens Luzian Brunners an den Präsidenten des Reichsgerichtes anläßlich des Judikates des Reichsgerichtes über die Landesüblichkeit der jüdischen Sprache in der Bukowina. Ich selbst habe dieses Judikat einer verurteilenden Kritik in einem Artikel unterzogen, welcher von der „Jüdischen Zeitung" aus dem „Czernowitzer Tagblatt" übernommen wurde. Dennoch war ich mit diesem sogenannten offenen Schreiben nicht nur nicht einverstanden, sondern hege die feste Ueberzeugung, daß die „Jüdische Zeitung" durch diese Enunziation Luzian Brunners die jüdische Sache arg geschädigt hat. Ein Angriff auf den Präsidenten eines Gerichtshofes aus Anlaß eines Urteils, das der Gerichtshof gefällt hat, ist überhaupt mal a place. Der Beschluß des Gerichtshofes wird von der Mehrheit der stimmführenden Mitglieder gefaßt, so daß der Vorsitzende nur in den seltensten Fällen einer Stimmengleichheit sein Votum labzugeben in die Lage kommt: Uebrigens muß jede ehrliche Ueberzeugung geachtet werden und an der Ehrlichkeit der Ueberzeugung Josef Ungers zu zweifeln, hat Luzian Brunner gewiß keinen Anlaß. Auch diese Enunziation der „Jüdischen Zeitung" enthielt persönliche Angriffe gegen den Adressaten. Es sind also die jüdischen Interessen, deren Wahrnehmung die „Jüdische Zeitung" besonders zu pflegen sich rühmt, schlecht wahrgenommen worden, wenn aus dem Gesichtswinkel des Judenthemas eine Persönlichkeit