Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-08-09 · 32 (9.8.1912) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
32 (9.8.1912)
Date
1912-08-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021981-3022014--21370-3046460
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sette 588 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 32 treten fielen sie dem mit der Ermittelung beauftragten Polizeikommissar Mädelmann-Berlin auf, der sich die frühere Wohnung und die auf dem Speicher untergebrachten Möbelstücke der Szasranskis genauer ansah. Die gründliche Untersuchung förderte nun allerlei Verdachtsmomente zutage. Insbesondere zeigten sich an dem Bette, dem Sofa, an den Wänden, die inzwischen durch Tapetenreste ausgebessert waren, und auf den Dieben zahlreiche Blutspritzer. Diese genügten, um die Festnahme der Szafranskischen Eheleute wegen Verdachts des Raubmordes zu rechtfertigen,- des Kutzr.er hofft man in kurzem habhaft zu werden. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Mörder ihr Opfer absichtlich in einer Weise hinschlachteten, die geeignet war, unwissende und kritiklose Köpfe an einen „Ritualmord" glauben zu lassen. Die Untersuchung dürfte bald auch hierüber Klarheit verschaffen. Jedenfalls steht fest, daß. wenn die Presse und die jüdische Gemeinde von vornherein nicht so überaus energisch gegen die Annahme eines „Ritualmordes" Front gemacht hatten, die jüdische Bevölkerung in Posen und Umgegend unberechenbaren Gefahren entgegengesehen hätte. Professor Doktor Nahum Slouschz in Angola. Der bekannte jüdische Gelehrte und Schriftsteller Dr. Nahum Skouschz von der Pariser Sorbonne, der auch zu den angesehensten und einftutzre'chsten Mitgliedern der jüngsten Ito-Konferenz gehörte, befindet sich in wissenschaftlicher Mission auf dem Wege nach Nordafrika. Die Redaktion des grossen Warschauer jüdischen Tagblattes „Haint" hat diesen Anlatz Wahrgenommen und den Gelehrten, dem wir schon so viele wissenschaftliche Arbeiten über die Juden im fernen Orient zu danken haben, auch dafür gewonnen, datz er seine Reise über Portugal nehme und dort sowohl die politische Lage als auch die Lage der Juden daselbst und insbesondere das Angolaprojekt genau studiere und feine Ergebnisse den Lesern des genannten Blattes bekannt gebe. Der erste dieser Reisebriefe, aus Lissabon datiert, ist bereits im „Haint" erschienen und bildet die historische Einleitung zur Geschichte der Juden in Portugal. In den nächsten Briefen verspricht Prof. Dr. Slouschz, auf den eigentlichen Zweck semer Reise einzugehen. Die Regelung drr jüdischen Auswanderung. Wie uns aus Newyork berichtet wird, unternahm vorige Woche der Präsident der „Hebrew Emigration Aid Society", Richter Leon Sanders, eine Reise nach Europa, um hier mit den jüdischen Auswanderungsgesellschaften über ein einheitliches Vorgehen mit den amerikanisch-jüdischen Einwanderungsschutzgesellschaften Verhandlungen zu pflegen. Der Zweck dieser Beratungen soll nicht eine Aufmunterung zur Auswanderung der Juden aus ihren gegenwärtigen Wohnländern sein, sondern im Gegenteile alle jene Mittel festzustellen. durch welche die sogenannte wilde Emigration verhindert und die sinnlose Ueberflutung der grotzen amerikanischen Industriezentren, besonders Newyork, durch die jüdischen Auswanderer hintangehalten werden soll. Richter Leon Sanders hat die Absicht, unter anderen Grotzstädten Europas auch Berlin, Wien und Budapest zu besuchen. Mister Herbert Samuel, künftiger Staatssekretär für Irland. Der Parlamentskorrespondent des Londoner „Daily Telegraph" meldet aus angeblich zuverlässiger Quelle, datz der gegenwärtige Staatssekretär für Irland demnächst zum Pair ernannt wird und an seine Stelle der gegenwärtige Postminister Herbert Samuel zum Staatssekretär für Irlänjd ernannt werden soll. Trotzdem dieser Wechsel auf den wichtigsten Posten für Irland schon feststeht, ist der Zeitpunkt hiefür noch nicht genau festgesetzt, Tatsache jedoch ist, datz Herbert Samuel damit betraut wurde, in der Parlamentskommission für die irische Homerule-Bill den Standpunkt der Regierung zu vertreten. Jüdische Unteroffiziere m der rumänrschrn Armee. Bisher konnten jüdische Soldaten in der rumänischen Armee selbst bei den besten Fähigkeiten und der ausgezeichnetsten Conduitenliste es nicht einmal zu dem Range eines Unteroffiziers bringen. Desto angenehmer überrascht ein Befehl des rumänischen Kriegs Ministers, laut welchen den Kommanden nahegelegt wird, datz alle jüdischen Soldaten, welche den Vorbedingungen entsprechen und die vorgeschriebene Prüfung bestehen, zu Unteroffizieren zu befördern seien. Dieser Erlass des Kriegsministers ist auf die Intervention der Union der einheimischen Juden in Rumänien zurückzuführen, deren Vorstand in einem Memorandum an die Kriegsverwaltung auf alle die Ungerechtigkeiten hinwies, denen die jüdischen Soldaten ' im Militärdienste ausgesetzt sind. Unter den Bejchwerdepunkten befand sich auch! die Beschwerde darüber, datz die Juden von vorneherein von jedem Avancement ausgeschlossen seien. Die Leiden der russischen Juden. In London ist soeben ein Buch von L. Motzkin „The Legal Sufferings of the Jenas of Russia" erschienen, dem ein Vorwort des berühmten Staatsrechtslehrers Dicey vorangeht. Dicey kommt zu folgendem Schluss: „Ich habe behauptet und behaupte dreist: das schlimmste Uebel des russischen Despotismus ist, datz er die jüdischen Untertanen des Zaren mit moralischer Entwertung bedroht. Die Eristenz des Änfiedlungsrayons, die Verweigerung der allgemeinen, von jedem zivilisierten Staate allen seinen Bürgern gewährten Rechte, vor allem die absolute Abhängigkeit der russischen Juden von der wachsenden Laune einer jeden machthabenden Persönlichkeit, vom Zaren herunter bis zum kleinsten Polizeibeamten, erniedrigt die Opfer der Tyrannei und mutz sie erniedrigen. Ueber diese Vorgänge ist man verpflichtet, wenn man darüber überhaupt spricht, mit aller Klarheit zu sprechen. Das heroische Erdulden von Verfolgungen und Misshandlungen, die seit Jahrhunderten andauern, ist der höchste Ruhm des Judentums, so wie die Durchführung derselben eine der schmerzlichsten Erscheinungen — zwar nicht des von Jesus gelehrten Christentums, sondern der wirklichen Geschichte der Christenheit ist. Allein kein Volk, keine menschlichle Gesellschaft lebt je ungeteilt auf der.Höhe von Heldentum und Martyrium. Die sonderbare Diskussion der abstotzenden Frage, ob die Taufe in Rutzland einen Juden von den Rechtsbeschränkungen, denen er dort unterworfen ist, befreien darf, erzählt ihre eigene Geschichte. Sie erzählt uns, datz die Gewalt in Rutzland, wie anderswo, das Schrecklichste ihrer abscheulichen Leistungen zutage fördert,- zuerst erniedrigt die despotische Macht ihre Opfer und verteidigt hinterher ihre eigene EXistenzberechtigung mit der Ausrede, datz ihre Opfer der Freiheit oder Gerechtigkeit nicht wert sind. Soll nun der mit Verfolgung verbundenen Gewaltherrschaft nicht der feierliche Protest der Engländer entgegengestellt werden?" Dieser Frage müsse England ein aufmerksames Ohr leihen. Die Verfolgung der .russischen Juden ist eine Angelegenheit, die nicht Rutzla'nd allein betreffe. Bedeute sie doch eine Zwangsauswanderung verarmter und ungebildeter Massen, die änderen Staaten zur Last fallen müssen. „Indes" — sagt Dicey — „die Judenverfolgung in Rutzland zeitigt schlimmere Resultate als dieses. Denn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.