Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 32 (9.8.1912)
- Date
- 1912-08-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 534 Dr. Mochs Wochenschrift Nr. 33 Aufnahme fanden, so daß manche Ideen und Gegenstände noch jetzt im jüdischen Dialekt nur durch die entsprechenden hebräischen Wörter ausgedrückt werden können. Zur Lage der Juden in Jemen. Aus Jerusalem schreibt man der „N. I. K.": Alle Zeitungsberichte über die schrecklichen Verfolgungen, unter denen die Juden im Jemen zu leiden haben, verblassen gegenüber der Wirklichkeit. Die Lebensbedingungen der Juden in dieser Provinz sind bis zum äußersten unerträglich geworden. Es ist wahr — die Juden haben zu allen Zeiten viel erdulden müssen von seiten der mohammedanischen Bevölkerung, aber die jetzige Lage ist unhaltbarer als je. Eine der Bedingungen des zwischen Izzet Pascha, dem Befehlshaber der ottomanischen Truppen im Jemen, und dem Imam Jachja geschlossenen Friedens lautete dahin, datz das Gerichtswesen in diesem Lande reformiert werden müsse und datz unparteiische Richter an die Spitze der Gerichtshöfe zu berufen seien. Dies ist aber nur scheinbar geschehen. Viele Juden, Männer und Frauen, wurden in der letzten Zeit verhaftet und in ganz ungerechtfertigter Weise eingekerkert. Um die Willkür zu kennzeichnen, mit der man bei der Festnahme der Juden verfährt, sei folgender Fall angeführt: Ein jüdischer Drechsler wurde auf Befehl des Gerichtes von Cheri unter der Anklage verhaftet, er gebe sich mit Zauberkünsten und mit Umtrieben gegen die mohammedanische Religion ab. Das Gericht verurteilte ihn zu einer langen Freiheitsstrafe. Man legte ihm Hände und Füße in Ketten und unterzog ihn im Gefängnis allen möglichen Foltern. Und niemand ist da, der für diesen Unschuldigen Gerechtigkeit fordert. Vor Zeiten gab es im! Jemen einen seltsamen Brauch, wonach kein Jude zur Rechten eines Arabers gehen durfte. Dieser mittelalterliche Brauch ist jetzt wieder eingeführt worden, und wehe dem Juden, der an der Seite eines Arabers betroffen wird. Er wird in der grausamsten Weise mißhandelt. Außerdem wird den Juden strengstens verboten, einen Turban, Strümpfe und überhaupt saubere Kleidung zu tragen. Auch müssen sie zwangsweise die Straßen und Abtritte der Araber säubern, und die jüdische Gemeinde hat außerdem die Kosten dieser Säuberung zu bezahlen. Gegenwärtig wird von den Juden eine außerordentliche Steuer von 1000 Reals pro Jahr erhoben. Diese Steuer soll ihnen aber nicht nur für jetzt, sondern auch für die letziverflossenen vierzig Jahre auferlegt werden. Am Vorabend des Passahfestes drangen die Leute des Imam Jachja in das Iudenviertel zu Sanaa ein. verhafteten alle angesehenen Männer und warfen sie ins Gefängnis. Dabei drohten sie ihnen mit dauernder Haft, wenn sie die besagte Steuer für 40 Jahre nicht entrichten würden. Eine Abordnung der Gemeinde begab sich nun zu Izzet Pascha und ersuchte ihn, zu Gunsten oer^ Juden zu intervenieren. Der General "veranlaßte darauf den Imam Jachja, ihnen die Freiheit wiederzugeben — wenigstens für die Dauer des Festes. Das geschah denn auch. Die grausamen Verfolgungen werden aber jetzt fortgesetzt. All diese Vorfälle vermögen nur einen schwachen Begriff von den Leiden unserer armen Brüder im Jemen zu geben und machen es erklärlich, daß nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung von Nordjemen sich zur Auswanderung nach Palästina anschickt, wo bereits Mehrere hundert Familien in den jüdischen Kolonien als Landarbeiter Beschäftigung gefunden haben. Kardinal Fischer. Von Rabbiner Dr. Frank in Köln. Wenn unsere Talmudlehrer sagen „Die Frommen aller Bekenntnisse haben Anteil am ewigen Leben", so kann man diesen Satz in jeder Beziehung auf den am Dienstag im Bade Neuenahr entschlafenen Kölner Kardinal Dr. Ant. Fischer anwenden. Der hochselige Heimgegangene zählte zu jenen Kirchenfürsten der großen Kölner Diözese, die mit Wohlwollen und wahrer Menschenliebe den Juden aus vollem Herzen geneigt waren. Schon im Mittelalter während der Kreuzzüge haben Kölner Erzbischöfe wie Hermann III. und später Erzbischof Engelbert den damaligen Juden in ihrer äußerst bedrängten Lage ihren menschenfreundlichen Beistand angedeihen lassen. In letzter Zeit war es' Kardinal Ktementz und Erzbischof Simar, die gleichfalls ohne jedes Vorurteil eine entgegenkommende Stellung zu den Juden einnahmen: alle überragend aber, an Edelsinn und Großmut war der allgemein betrauerte Kardinal Fischer. In Folgendem möchte ich das Wesen und den menschenfreundlichen Sinn, den ich aus eigener Erfahrung kennen zu lernen das hohe Glück hatte, näher zeichnen. Der Heimgegangene war ein Mann des Friedens: sein erstes Streben war, den Frieden unter den verschiedenen Bekenntnissen zu fördern und zu pflegen. Schon in seinem ersten Hirtenbriefe mahnte er zum konfessionellen Frieden und bezeichnete es als ein Verbrechen, wenn man durchs gewissenlose Aufreizung den konfessionellen Haß schürt. Freilich bezog sich diese Mahnung an erster Stelle auf den Frieden zwischen Katholizismus und Protestantismus, aber als später, wo er bei einer passenden Gelegenheit auf den konfessionellen Frieden öffentlich zurückkam, ich bei einem Besuch ihn bat, er möge doch auch einmal öffentlich betonen, daß man auch uns Juden nicht anfeinden möge, gab er mir zur Antwort, „bei der ersten günstigen Gelegenheit soll es geschehen". Zu wjederholtenmalen hat der Kardinal diese seine wohlwollende Gesinnung betätigt. Ausdrücklich und wörtlich erklärte er mir, „wenn Sie irgendwo in meiner Diözese hören, daß unter der Geistlichkeit die jetzt grassierende unfreundliche Stimmung gegen die Juden sich kund gibt, dann sagen Sie es mir, denn das dulde ich nicht." Zweimal hätte ich Veranlassung, Mich nach dieser Richtung zu beklagen: der Kardinal holte sein Notizbuch aus dem angrenzenden Saal, schrieb es auf und bemerkte dazu, „noch heute schreibe ich dorthin". Er hat es getan, denn nach acht Tagen erhielt ich Nachricht, daß jede Spur von Antisemitismus verschwunden sei. Auch folgender edler Zug des guten Herzens des Kardinals uns gegenüber möge der Nachwelt erhalten bleiben. Als im Jahre 1905 die furchtbaren Pogrome in Rußland Hunderte und Tausende unserer Glaubensgenossen hinmordeten, und ins Unglück stürzten, bildeten sich in der ganzen Welt Komitees, um .dem schrecklichen materiellen Elend abzuhelfen. Auch in unserer Gemeinde konstituierte sich am 18. November 1905 ein solches Komitee. Am andern Tage, an einem Sonntag, begab ich mich in das erzbischöfliche Palais, und trotz des Ruhetages war der Kardinal für den Rabbiner zu sprechen. Ich sagte ihm, „Eminenz, ich habe eine Bitte an Sie", worauf er erwiderte, „bevor Sie sie aussprechen, sei sie Ihnen gewährt": ich trug ihm nun Meinen Wünsch vor, er möge, wie es sein Vorgänger Kardinal K'rementz bei einer gleichen Gelegenheit auf meinen Wunsch getan, mir ein Schreiben zukommen lassen, in welchem er seine Sympathie für unser Menschenfreundliches Vorgehen . zu Gunsten unserer russischen Glaubensgenossen ausspricht, und dieses Schreiben Möchte ich veröffentlichen, wovon ich mir in allen Kreisen, sowohl bei den Glaubensgenossen, wie bei den anderen Konfessionen, einen großen Erfolg