Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 32 (9.8.1912)
- Date
- 1912-08-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 532 Dr. BlochK WvchMschrfft Nr. 32 Mut schließen können, da ja die Taube nur im Fluge und nicht auf Bäumen und Felsen ausruht? Der Ausdruck jijföip in der Bedeutung „verschließen, einziehen, ausruben" komnrt ^gleichfalls nicht mit der Präposition 2, sondern nur mit dem Akkusativ. Die Belegstellen sind bekannt. Ich erlaube mir noch aus die Midraschstelle Ende des Hohenliedes hinzuweisen. ... ms welches der Midrasch damit erklärt, daß die Gazelle im Schlafe ein Auge geschlossen, das andere offen hält .... Ich will Euer Ehrwürden mit Weiterem verschonen und zeichne mit kollegialem Gruße und der Versicherung vorzüglicher Hochachtung und Freundschaft ergebenst M. P." Daß der obige Einwand aus der irrtümlichen Auffassung der zitierten Stelle, welche nur auf die fliegende Taube anzuwenden ist, beruht, ist wohl selbstverständlich. Aber sehr beachtenswert erscheint, daß der Genannte auf den erwähnten Artilel überhaupt so reagierte. Bedürfte es noch eines Beweises für die Denkfreiheit und den expansiven, rastlos nach Erkenntnis ringenden Forschungsdrang, der auch dem echten orthodoxen Iudentume innewohnt, in dem obigen Briefe wäre er geliefert worden. — Am 12. v. M. erschien in der „Oesterr. Forst- und Jagd- Zeitung" ein Essay von Dr. P l a c z e k, als Einleitung zu einer Serie von Abhandlungen, aus welchem ein mit Zusätzen versehener Auszug hier folgen soll: Zur heutige» Aviatik. Der „Gott der Lust" bei den Azteken. Das 20. Säkulum wird das Jahrhundert des Kindes, auch das der Frau genannt. Seit anno Zeppelin wird man es das Jahrhundert der Luft nennen. Das Kaiserwort „Die Zukunft Deutschlands liegt auf dem Wasser", wie bald wird man es, nur im rühmlichen Sinne, umprägen können in den Spruch: „Deutschlands Zukunft schwebt in der Luft". Auch die Aviatiker (Konstrukteure und Piloten) unserer Monarchie. welche mit sichtlich sich steigernden Erfolgen in der Eroberung und, was noch weit mehr bedeutet, in der Beherrschung der Luft mit den Aviatikern der anderen führenden Nationen um die Palme ringen, haben bei dem jüngsten Wettsluge Berlin— Wien, den eklatanten Beweis geliefert, daß auch von unserem Reiche jener Spruch als Devise gelten darf. Dem Oesterreicher Kreß, als dem eigentlichen Initiator der modernen Aviatik, rief ja Erzherzog Leopold Salvator, der Protektor der ersten internationalen Flugausstellung, jüngst zu: „Sie sind doch der Erste!" Der Mythus der Azteken hat eine prächtige, sympathische Gestalt auszuweisen: Quetzalcoatl („die gefiederte Schlange"), den „Gott der Lust", aus den wie auf keinen andern aus dem aztekischen Sagenkreise das sinnreiche Wort W. H. Prescotts paßt: „Die Götterlehre ist die Poesie der Religion". Quetzalcoatl war ohne Zweifel einer jener Wohltäter seines Geschlechts, welche die Dankbarkeit der Nachwelt zu Göttern erhoben hat, eine Bezeichnung für die friedlichen Tage, die in den Eötterlehrgebäuden so vieler Völker der alten Welt ihre Stelle haben, — das goldene Zeitalter von Anahuac („nahe am Wasser") ... Wird es noch lange währen, bis ein moderner Ikarus sein Luftschiff besteigt oder die Flügel ausspannt, um die Atlantis zu überqueren? O, daß die Ritter vom Geiste Quetzalcoatls mit der „Taubenpost des Friedens"^) und nicht mit der „Rabenpost des Krieges" die alte und die neue Welt verbänden! Die sprichwörtlich gewordene österreichische Bescheidenheit, Selbstunterschätzung und Ueberschätzung anderer sollten denn doch beim Rückblicke auf die erstaunlichen, die höchsten- Erwartungen überflügelnden Leistungen der Aviatik, wie sie im abgelaufenen Monate zutage traten, zur Steigerung der Selbstachtung sich daran mahnen lassen, daß der vielbewunderte Sieger Hirth auf einem österreichischen Apparat (Etrich-Rumpler) den Distanzflug Berlin— Wien vollbrachte und ein Schüler des österreichischen Meisterfliegers Illner ist, und daß Oblt. Blaschke, den nur ein widriger Zufall als zweiten nach Hirth eintreffen ließ, auf einem österreichischen Biplan einen rühmlichen Höhenweltrekord aufgestellt. Wenn man die Ehoragen der „Vogelmenschen" auszählen wird, dann sollen die Namen der österreichischen Helden der Luft in der ersten Reihe nicht fehlen. Mlein, es sollte auch „Schrittzähler" in der Beherrschung der Lust geben, welche die Fortentwicklung der Lustschisfahrt in der Verringerung der Gefahrj Wahrscheinlichkeit und -Möglichkeiten in betreff der maschinellen i) Wer denkt dabei nicht an Etrichs „Taube", deren Flügel am 10. Jum d. I. den kühnen Aviatiker Hirth zum Triumphe'! emportrugen, an welchem der österreichische Konstrukteur und ber.J süddeutsche Pilot gleichen Anteil haben? Etrichs Monoplane — | warum soll es hier unerwähnt bleiben? — sind ja als Flugzeugtypen von Deutschland, England, Rußland. Italren und ander-j wärts angenommen worden! — Zu welchen Ehren bist du, Taubes des Psalmisten, gelangt! Stabilität und der pilotischen Sicherheit bemessen, um Anregungen oder sogar Anweisungen zu höheren Errungenschaften zu bieten. Eine weitere Bewältigung des Flugproblems in der Richtung verminderter Gefährlichkeit und gesteigerter Zuverlässigkeit erscheint für friedliche Verkehrszwecke in die erste Linie gerückt, soll aber auch zu Kriegszwecken, bei denen ein perieulum in Omnibus redus. die Gefahr in Permanenz erklärt 'wird, nicht außer acht gelassen werden. Hat man indes schon an eine Lustpolizei gedacht? Wie, wenn es anarchistischen Verbrechergehirnen einfiele, Aero-Apachen zu werden, Flugapparate sich selber zu konstruieren, oder sich solche als Einbrecher in Hangars zu holen, um, mit Iupiterblitzen bewaffnet, entsetzliches Unheil unabwendbar anzurichten? Welchen Schutz gäbe es gegen Luftschiffahrer, die 2—3 Kilometer hoch üb ec dem Erdboden kreisen? Das katastrophale Ende, das acht von den zehn Zeppelins — „Schwaben" am 28. Juni — gefunden, hat den traurigen Beweis für die Superiorität der Aviatik über die Aeronautik geliefert. Die Kosten jener Luftschiffe hätten für die Anschaffung einiger Flotten von Aieroplanen ausgereicht. Die Heraldik wird für die Beherrscher der Lustregion auch in der Folge wie bisher (Taube, Möve, Schwalbe, Albatros, Spatz, Storch, Bussard, Adler u. a.) Wappentiere aus der Vogelwelt wählen. — Seit 1880 beschäftige ich mich, ohnehin als Ornithologe und Entonologe tätig, intensiv mit dem Nachweis, daß seit Leonardo da Vinci die Entwicklung der Aviatik mit der konstruktiven Nachbildung der Tierslugorgane, besonders mit der Nachahmung des Vogelfluges, gleichen Schritt halte. Was erscheint in der Nachbildung der Struktur oder Komplerion der Vogelslugorgane erreichbar, überflüssig und überbietungsfähig? Der Beantwortung dieser Fragen sollen Aufstzätze unter den Titeln: Vogelflug und Kunstflug, Vogelflug und Jnsektenflug, Aviatik aus der Vogelperspektive, aviariae variae näher kommen. — Am Tage, als der schon einige Wochen zuvor geschriebene und vorgelegte Aufsatz erschien, kam die Meldung von dem Gaunerstückchen, vor dem ich oben gewarnt: Aus München wird gemeldet: Dem Flieger Brett wurde aus dem Hangar ein kompleties Flugzeug, ein Eindecker, mit allen Werkzeugen und Reserven gestohlen. Von dem Diebe hat man keine Spur. Es dürste ein Aviatiker sein, der sich mit seinem Raube auf dem Lu§twege aus dem Staube gemacht hat. Dieser bisher einzigartige Diebstahl erregt ungeheueres Aufsehen. Leutnant Franz Blicharski, dessen Apparat beim Flugmodellwctibetriebe in der Isa jüngst den Preis errungen und dem n der ,,N.' Fr. Pr." vom 17.'Juli unter dem Trieb „Das Luftfahrzeug der Zukunft" ein sieghafter Erfolg prognostiziert wurde, stellt den ersten Typ eines Schwingenfliegers im Gegensätze zu allen bisherigen D r achengleitfliegern dar. wodurch ein vehementer Umschwung in der ganzen Aviatik herbeigeführt werden kann. Blicharski ist demnach der vorangeschickten leitenden Anschauung, wie er es dem Dr. Placzek dankend zugestanden, am nächsten gekommen — nach Hiobs h'efür so bedeutsamem Worte (35, 11): „Vom Vogel des Himmels kommt uns belehrende Kunde". Blicharski, dessen neuem, verbessertem Flugmodell in der „N. Fr. Pr.- und im „Fremdenblatt" von heute (28. Juli) überaus günstige, verheißungsreiche Besprechungen gewidmet wurden, hat am 26. Juli in einer an Dr. Placzek gerichteten, mit den entsprechenden Zeichnungen versehenen Beschreibung seines Apparates als dessen motorisches Prinzip die alternierende Flügelbewegung in Nachahmung der seltsamen Taubenflugart in der oben reproduzierten Nummer der „N. Fr. Pr." vom 31. Oktober 1883 dargestellt. — Eire unscheinbare, kaum beachtete Agadastelle wurde also ebenfalls ein Ausgangspunkt für eine aviatische Richtung, welche ungeahnte, die kühnsten Träume überbietende Triumphe feiert. All die Zweifel, Bedenken und Einwände, die man vor 30 Jahren gegen die physische Möglichkeit seltsamen Taubensluges von autoritativer Seite erhoben, wurden seither, in den letzten Jahren zumal, augenfällig widerlegt, und die vielumstrittene Vermutung ist durch die maschinelle Nachahmung und Nachbildung des Vogelfluges ein asiatisches System geworden. Wir haben es also nicht erst nötig, die phänomenalen, blitzartig raschen Erfolge der Aviatik in ihren Uranfängen auf den ahnungsvollen elementaren Trieb zurückzuführen, empor in die Lustregion dem Vogel gleich zu gelangen, auch nicht auf die Himmelfahrten in unseren Legenden und Sagen, noch viel weniger an die griechische Mythe von Dädalus und Ikarus anzuknüpfen, die jüngst - köstlich ironisiert wurde: „So oft in Märchen und Sagen ein U Mensch die Zauberkraft des Fliegens ausübt. tut er es entweder rsdem Vogel nach und heftet sich Flügel an, wie Dädalus (dieser Wehr zu Unrecht unsterbliche Techniker, der nicht einmal wußte, Hdaß Wachs in der Sonne schmilzt) oder usw." Dazu haben sich der Hinweis auf die uralten Beobachtungen des Taubensluges und die daran geknüpften Anregungen zur Nachahmung des Vogelfluges durch den Kunstflug als ausreichend erwiesen. Wir vernehmen darin den Flügelschlag eines Geistes, der in allen Umwälzungen und entsetzlichen Katastrophen, trotz-