Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 32 (9.8.1912)
- Date
- 1912-08-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Blochs WocheiMr-ft Seite 531 glaube nicht, daß die Tauben je so gebaut waren, daß sie mittelst nur Einer Flügelbewegung fortkommen könnten. Theorie und Praris haben genug damit zu thun, um nur das Fliegen mit gepaarten Flügeln zu erklären und schmählich nachzuahmen — wie denn erst mit Einem Flügelschlage. Höchstens könnte derlei für Wendungen (ähnlich dem einseitigen Rudern) für einen Moment denkbar sein. Aber hiezu ist das „Steuer" (der Schweis) da. Der Zweck des Ausruhens könnte aber absolut nicht erreicht werden, denn nach dem Gesetze von der „Erhaltung der Energie" gehört zum Vorwärtskommen oder allgemeiner, zu jeglicher Bewegung gleichviel Arbeit, ob das Werkzeug r oder y ist. Nie kann etwas ohne äquivalentes Opfer erspart werden, sondern der bessere Mechanismus vertheilt nur besser nach Zeit und Ort. Nun ist eine einflügelige Bewegung jedenfalls ungeschickter als eine symmetrische ein- oder mehrpaarige. Das alte Buch bringt höchst wahrscheinlich eine gar nicht oder schlecht beobachtete Erscheinung, denn das Grundgesetz der heutigen Mechanik spricht gegen ein derartiges Ausruhen, wo die Ermüdung noch mehr eintreten müßte wegen des gestreckten Ruheflügels, der in echter Ruhe am Leibe herabhängt. Zum Gestreckthalten gehört Muskelarbeit. Versuchen Sie, was Sie mehr ermüdet: einen Arm gestreckt halten und mit dem zweiten arbeiten oder mit beiden symmetrisch arbeiten? . .. ." Gegen diese Auffassung läßt sich manche gegründete Einwendung erheben, die ich auch in den Schlußbemerkungen vorzübringen nicht unterlassen werde. Von dem obigen Bescheide noch nicht befriedigt, wendete ich mich an die „Fachgruppe für Flugtechnik", welche sich im Rahmen des Oesterreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereines aus dessen Mitgliedern constituirt hatte, also an den rechten Areopag von Fachmännern für die vorliegende Frage. Diese wurde in der Sitzung vom 18. Februar 18 81 erledigt und mir folgende Antwort durch den Schriftführer Grasen Buonaccorst di Pistoja zugemittelt: „Der Flug von Vögeln (nicht nur Tauben) unter Voraussetzung eines unbeweglich ausgespannten Flügels bei entsprechender Bewegung des zweiten ist unter gewissen Modalitäten, wie z. B. bei Schwenkungen, Richtungsveränderungen, kurzen Momenten sehr raschen Fernsluges oder Falles rc. aerodynamisch nicht unmöglich. Unter gewöhnlichen Umständen ist jedoch hier wie überall unter gleichen Verhältnissen die symmetrische Bewegung Grundbedingung . . . ." Die also zugegebene Möglichkeit der in Rede stehenden eigengearteten Flugweise gewinnt an Consistenz, wenn man das mechanische Grundgesetz beim Schwebesliegen — um ein solches ist es hier vornehmlich zu thun — näher ms Auge faßt. Die Einwürfe Piskö's wie Darwin's Zweifel widerlegen sich dann von selber. Darwin schrieb mir nämlich: „Es scheint für einen Vogel unmöglich zu sein, eine Schwinge allein zu gebrauchen, ohne sich umzudrehen, (umzukippen) und ohne das Gleichgewicht zu verlieren." Es mag dies nebenbei als Beweis gelten, mit welcher Vorsicht und Reserve Darwin selbst willkommenes Beweis-Material sondirte und, wenn es ihm nicht ganz gesichert erschien, ablehnte, gleichwol von A. W. Grube das Compliment „englische Stierköpfigkeit" einheimste und sein System von Semper als „niedrig dümmste und brutalste Lehre" und von Mivart als „puerile Hypothesis" verhöhnt sah. Wol ist die physikalische Erklärung des Fliegens überhaupt noch manchem Zweifel unterworfen und noch immer keine gesicherte wissenschaftliche Domäne. Eine Autorität wie Weißbach meinte entschieden, daß das Gesetz des Windstoßes und Luftwiderstandes keineswegs vollständig bekannt und sicher begründet sei. Angestellte Experimente zeigten nämlich, daß die thatsächliche Wirkung des Luftstoffes auf andere mathematische Formeln und Coefficienten hinweist, als die gegenwärtig den aerodynamischen Berechnungen gewöhnlich zu Grunde liegen. Aber so viel ist gewiß. daß die untrennbare Doppelausgabe des Fliegens in dem Auf- und Vorwärtsrudern besteht. Beides wird durch dieselben Thätigkeitssormen erzielt; zunächst durch die fächerartige Ausbreitung der Flügel- und Schwanzfedern bis zu jener größtmöglichen Flächenentwicklung, welche das specifische Gewicht des Vogels dem specifischen Gewichte des deplacirten Lustvolumens näher bringt. Die allfällige Gewichtsdifferenz wird durch die Flügelschläge in der Weise ausgeglichen, daß die getroffenen Lufttheilchen verdichtet werden und deren Widerstand wächst. Der Luftstoff unterhalb der Flügel gewinnt dadurch zugleich die Eigenschaft eines tragenden und rückstoßenden elastischen Polsters und bietet dem Flieger einen doppelten Effect: die Schwerkraft aufhebend, läßt er den Vogel schwebend sich erhalten und dient ihm etwa wie das Sprungbrett dem Springer als Schwungbasis zur Weiterbewegung. Der zeitweise unbewegt in Schwebe gehaltene Flügel findet sonach ohne Streckmuskelarbeit für sein Gleichgewicht auf der Lustunterlage eine Stütz- und Ruhesläche, ungefähr wie ein ausgestreckter Arm, auf einem Tische oder Bette liegend oder seiner ganzen Länge nach unterstützt, weniger ermüdet, als wenn er am Leibe schlaff herabhängt. Gehört auch zu jeder Bewegung gleichviel Arbeit ohne Rücksicht aus das Werkzeug und muß ebenso für jede ersparte Anstrengung ein gleichwerthiger Ersatz geboten werden, so ist es doch nicht gleichgiltig, wen und was man zum Ersätze heranzieht, aus wen man die eigene Arbeit überträgt, wie man die eigene Arbeit auf Andere vertheilt, wie und mit welchen Werkzeugen man hantiert. Eine ganz andere Wirkung wird beispielsweise erzielt, wenn man die Last aus den kurzen Arm und die Rrast auf den langen Arm eines Hebels placirt, als umgekehrt. In unserem Falle handelt es sich blos darum, daß die Taube, anstatt den Flug gänzlich zu unterbrechen, ihn mit verminderter Geschwindigkeit fortsetzt und dabei die nöthige Erholung durch das alternirende Ausruhen des einen Flügels, wenn auch in kurzen Pausen, gewinnt. Damit will nicht gesagt werden, daß die symmetrische paarige Flügelbewegung nicht ungleich geschickter und wirksamer sei, als die einseitige. Jene gilt immer als Regel, diese als Ausnahme. Daß paarige Gliedmaßen, namentlich Fortbewegungs- Organe. vicarirend gebraucht werden, dafür finden wir ja gerade bei den Vögeln ein bekanntes Analogon. Wie viel Vögel ruhen und schlafen abwechselnd auf Einem Fuße! Bei der Taube vollends darf der Schweif, der im Fluge fächerartig ausgebreitet, ein Kreissegment von 100 Grad und darüber einnimmt. nicht nur als Sieuer, sondern ebenso gut als Schwebemittel vermöge der größeren Fläche, die er dem Luftwiderstände darbietet, angenommen werden. Mag nicht auch Virgil. Aeneis, V. B. 213 bis 217, eine ähnliche Beobachtung im Auge gehabt haben, da er den raschen Taubenslug mit den Worten schildert: Qualis spelunca subito commota calumba. Fertur in arva volans plausumque exterrita pennis Hat teeto ingentem, mox aöre lapsa quieto Radit iter liquidum, celeres neque eoinmovet alas, „die raschen Flügel nicht einmal bewegt" — neque bedeutet nämlich bei Virgil und Cicero auch so viel als ne quickem. Der Dichter mag woyl hyperbolisirend das kaum bemerkbare vibrirende Wippen der Flügel beim Wiegen in den Lüsten als „unbewegt" bezeichnet haben, aber immerhin ist es auch möglich, daß die Schilderung eine naturtreue war. Warum sollte die Taube zeitweise mit einem Flügel nicht dasselbe bewerkstelligen können, da es überdies feststehl, daß die Taube beide Flügel verschieden gebraucht und sie in ungleiche Bewegungsform zu versetzen vermag. Man denke nur an die Jongleurs unter den Tauben, an die Purzler oder Tummler und Rlatschtauben. Letztere, die sich fliegend in der Runde dreht und dabei, was ihr kein Vogel nachmacht, die Flügel klatschend abwärts mit erstaunlicher Gewalt aneinanderschlägt, meint Virgil unzweifelhaft, wofür schon das »plausumque pennis dat ingentem« spricht. All das zusammengefaßt, läßt sich die mechanische Möglichkeit nicht in Abrede stellen, daß die Taube bei ihrem ungewöhnlich kräftigen und agilen Flugapparat früher einmal oie distmcte Fähigleit besaß, im Fluge sich das nöthige Ausruhen zu verschaffen, indem sie in gewissen Intervallen abwechselnd einen Flügel ausgespannt in Schwebe erhielt und mit dem andern weirerslatterre. So dürfte denn der Bericht des obcitirten uralten Sammelwerkes, worin sich überhaupt genaue seine Beobachtungen über Lebensgewohnheiten der Tauben vorfinden, auf Wahrheit beruhen und die Belege für die Variabilität der Thiere um einen merkwürdigen, bisher noch unbeachteten Fall vermehren, auf welchen auch in T. B. Berachot 5ö d, Sabv. 49besonders Tossaf. Schlagw. Renaph., Sabb. 130 a, Synhedrm 95 a, in Schriftwerken und Angaben aus der Zeit vom zweiten bis zum dreizehnten Jahrhundert n. Ehr. unzweifelhaft angespielt wird. — D r. Albert L o e w y, ein Mährer, der noch viele Anverwandte in Oesterreich hat, ein rühmlich bekannter Archäologe und hochverdienter Prediger in London, wo er im Alter von 96 Jahren sein vornehmes, Heil - und Erkenntnis verbreitendes Leben und Wirken abgeschlossen, machte die vorstehende Abhandlung schon in der Versammlung der Society of Biblical Archaeology am 1. Mai 1883 zum Gegenstände seines Vortrages. An der darauf folgenden Diskussion beteiligten sich sehr namhafte Fachgelehrte. ... Der verewigte M. P o l l a k» Rabbiner in Wien, ein hervorragender Talmudist, von streng konservativer Gesinnung und Lebensführung, auf den auch der sehr verehrte Gelehrte Oberrabbinec Dr. Güdemann, große Stücke hielt, richtete, wie noch andere Berufsgenossen, aus seiner früheren Gemeinde Holleschau am 4. November 1883 an Dr. Placzek folgendes Schreiben: „Zu dem sehr geistreichen Artikel über den Taubenslug im Allertume gestalten mir, ehrwürdiger Herr Doktor, eine kleine Bemerkung: Die Erklärung des Midrasch Cap. 39 dürste zunächst darauf beruhen, daß in dem Verse “2N *b sll' der Singular gebraucht wird. während doch das sehnsuchtsvolle Verlangen des Psalmisten, der Not auf Flügeln entfliehen zu können, besser und nachdrücklicher durch die Mehrzahl hätte dargestellt werden können; daher erklärt der Midrasch, daß die Taube im Fluge mit ihren Flügeln alterniert und bald diesen. bälk den andern Flügel gebraucht. Diese Erklärung jedoch, daß die Taube n i e aus ihren Füßen, sondern nur fliegend ausruht. .-o>,.i2 m:nB '^DT py föeint im Widerspruch zu stehen mit den Worten der Schrift. . , nxxa »p? Wie hätte Noah überhaupt auf die Abnahme der