Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-08-02 · 31 (2.8.1912) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
31 (2.8.1912)
Date
1912-08-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021981-3022013--21354-3046443
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 31 Dr. Bkochs Wochenschrift Sette 533 Duma, roo er reichlich Gelegenheit halte, die Politiker aller Parteien .und Richtungen näher kennen zu lernen. Er, gleich vielen anderen Politikern, brachte einen festen Glauben an die russische Volksvertretung in die Duma mit, er glaubte, dah mit Hilfe der Opposition es gelingen werde, wenigstens die schrecklichste aller Rechtsbegrenzungen der Iuden aufzuheben, aber er Muhte bald erkennen, daß er sich getäuscht habe. Allmählich erkannte er den wahren Charakter der russischen Opposition und ihre Stellung zur Iudenfrage und heute muh er es gestehen, dah die Juden von der russischen Opposition ohne Druck seitens der jüdischen öffentlichen Meinung ein aktives und entschiedenes Eintreten zum Schutze der Interessen der Juden nicht zu erwarten haben. Nisselowitsch belegt diese seine Anschauungen Mit einer Reihe von Tatsachen und Erscheinungen aus der letzten Duma. Als interessantestes Faktum führt Nisselowitsch an, dah Stolypin im Jahre 1907 wohl eine Verordnung zur Erleichterung des Wohnrechtes der Juden ersieh. aber gleich darauf hatte die Reaktion mit desto gröherer Wucht eingesetzt und am meisten bekamen diese Reaktion natürlich die Juden zu fühlen. Ob die Regierung damals die Duma beeinflußt hat, öder umgekehrt, lieh sich nicht gut feststellen, aber eines ist sicher, dah die Duma die Reaktion entschieden gefördert hat. — Aus der Erfahrung der verflossenen Jahre schöpft nun Nisselowitsch die Lehre, dah die Juden in Ruhland «immer und überall ihre eigenen jüdischen Interessen an die erste Stelle setzen müssen. Die zwei jüdischen Deputierten der dritten Duma bringen eine wichtige Errungenschaft heim: Sie wurden als eigene jüdische Gruppe anerkannt und konnten daher, so oft es notwendig war, selbständig hervortreten ohne Rücksicht auf die Kadettenpartei, auf deren Programm sie seinerzeit gewählt wurden. Die eventuellen jüdischen Deputierten der kommenden vierten Duma, so schließt Nisselowitsch seine lehrreichen Ausführungen, müssen dessen eingedenk sein, dah die Leiden der Juden in Ruhland unerträglich geworden sind und dah daher jede Hilfe, die ihnen ohne Verletzung der eigenen Ehre geboten wird, mit Freuden akzeptiert werden muh. Deshalb müssen die Juden in Ruhland nur dieses eine Ziel vor Augen haben, alle kleinlichen inneren Differenzen beiseite legen und geeint und geschlossen sich an der Wahl in die vierte Dum'a beteiligen. Die Gedenktafel am falsche Orte. Anlählich des 30. Todestages Berthöld Auerbachs, der ein guter Berliner Bürger war, hatte man beschlossen. deM Schwarzwalddichter in seinem einstigen Wohnhause in der Hohenzollernstrahe eine Gedenktafel zu widmen. Die Gedenktafel wurde also fertiggestellt und angebracht, leider aber an einem — falschen Hause. Auerbach wohnte in der letzten Zeit vor seinem Tode Hohenzollernstrahe 10. An dem Hause Hohenzollernstrahe 10 wurde die Tafel zwar angebracht, man hat aber dabei ganz vergessen, jdah nach Auerbachs Tode einmöl die Nummern in der Hohenzollernstrahe geändert worden sind. Das Haus, in dem Auerbach wohnte, trägt jetzt nicht mehr die Nummer 10, sondern die Nummer 15. Das jetzige Haus Nr. 10 hat Auerbachs Fuh nie betreten. — Der Magistrat der Stadt Berlin erklärt hierzu: Tatsächlich ist die Gedenktafel für Verthold Auerbach an dem Hause Hohenzollernstr. 18 angebracht worden. Leider hat sich herausgestellt, dah Auerbach bei seinem Tode Hohenzollernstrahe 10 wohnte, die jetzt in Nr. 15 geändert ist. Es sind Mahnahmen getroffen, die Gedenktafel an dem richtigen Hause anzubringen. Ein Denlmch für den Hohen Rabbi Low. Der Prager Bildhauer, Professor Saloun, hat jetzt ein Monument in Arbeit, das dem Sagenkreis des Prager Ghettos und seiner Geschichte entnommen ist. Um die Geschichte des gelehrten Prager Rabbiners, des Hohen Rabbi Löw, hat sich ein dichter Sagenkreis gebildet. Saloun benützt die Sage vom Tode des Rabbi. Der greise Rabbi soll uralt geworden sein, unzählige Generationen hat er überlebt. Denn seine tiefe Weisheit meisterte selbst die Dämonen des Todes. Aber schliehlich kamen sie doch. Seine schöne junge Lieblmgsenkelin brachte ihm eine dunkelrote Rose — in der war der Tod. Den Augenblick, in dem das Mädchen dem Rabbi die Rose reicht, hat Saloun im Denkmal festgehalten. Es ist meisterhaft gearbeitet. Die halb freundliche, halb ahnungsvoll schmerzliche Geste, mit welcher der rüstige, hagere Greis sich vom Mädchen abwendet, das sich an seine Knie lehnt und ihm dabei mit Eifer die Rose aufdrängen will, die ganze edle Komposition des Denkmals, die schöne, materialgerechte Behandlung, geben diesem Monument höhe künstlerische Klasse. Zu Fühen des Rabbi kauert ein großer Hund, dessen Kopf mit starrblickenden Augen aus den Falten des Gewandes heraussieht, ein Symbol des kauernden und zur Erde gedrückten mittelalterlichen Ghettojudentums, dem stete Gefahr die Wachsamkeit zum ersten Instinkt geschäft hatte. Der Leib des Hundes erfüllt dem Bildhauer gleichzeitig den ornamentalen Zweck, die drei Meter hohe Figur zum Sockel überzuleiten — Es soll in einer Nische des Rathauses Aufstellung finden. OsVieciM. (Lurusbekämpfung.) Hier ist unter großer Beteiligung ein Verein gegründet worden, mit dem Ziel, dem Lurus der Mode und der mit demselben verknüpften Geldverschwendung energisch entgegen zu arbeiten. In der Versammlung wurde ein Antrag angenommen, die Zobelstreimel-Mode (Streimel ist eine Art Mütze, die unsere polnischen Juden zu Ehren des Sabbats tragen, und welche aus 13 Zobelschwänzen besieht, deren Preis sich auf 600 bis 700 Kronen beläuft) zu beseitigen und sie durch Mützen aus Marder- oder sonstigen billigen Fellen, deren Preis aber 100 Kronen nicht übersteigen darf, zu ersetzen. Der Verrücken tragenden Frauen wurde keine Beschränkung auferlegt, um sie nicht der Versuchung auszufetzen, eigenes Haar zu tragen. Dagegen wurde der Beschlüh gefaßt, die Vorstände der Synagoge und Bethäuser zu veranlassen, das Tragen der dem Modewechsel unterliegenden Hüte beim Besuche der Tempel zu untersagen. Cm jüdischer Kandidat für den russischen Staatsrat. Aus Odesia wird berichtet: In der letzten Sitzung der Börsenkammer wurde beschlössen, als Kandidaten der Börsen für den Staatsrat einen Juden zu nominieren. Bei der hierauf vorgenommenen Kandidatenwahl wurde der jüdische Grohkaufmann Weinstein einstimmig als Kandidat für die kommenden Wahlen in den Staatsrat (nicht zu verwechseln mit der Reichsduma) nominiert. Vermischtes. Kranzablösuugsspeudeu zugunsten der Chewra-Kadischa in Wien I.. Setteustetteugasie 4 für arme kranke Glaubensgenossen. Anlählich des Ablebens des sel. Leopold Spitzer: Geza Spitzer 30, Marim. Lurion 20, Richard Bruckner 20. Hugo Friedmann 30, Arnold Glaser 20, Therese Jacobson 20, Hermann Goldschmidt 10. Zusammen 150 Kronen. Anlählich des Ablebens des sel. Hans Schreiber: Famil-e Dr. Redlich und Schreiber 15 Kronen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.