Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 31 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 522 Dr. Mochs Wvchenschrfft Nr. 31 Die Folgen der Prozentnorm. Der russische Bildungsminister Kasso erließ jetzt zum Schulbeginn an sämtliche Rektorate aller Hochschulen eine neuerliche strenge Verordnung, in welcher die Rektoren angewiesen werden, sich strenge an die gesetzliche Prozentnorm für Juden zu halten. Die zurückgewiefenen jüdischen Hochschüler und Hochschülerinnen seien überdies zu verständigen, daß jede Intervention in Petersburg fruchtlos sei, weshalb sie auch unterlassen Mögen, wegen einer solchen Intervention an den Minister nach Petersburg zu kommen. Bildungsminister Kasso hat übrigens die Prozentnorm für das kommende Frühjahr auch auf solche Hochschulen ausgedehnt, in denen (fte bisher gar nicht oder nicht in so krassem Matze bestanden hat. Die nächste Folge dieser neuen Maßregelung ist, datz die medizinische Hochschule für Frauen in Nikolajew, für welche vom kommenden Schuljahre angefangen für.jüdische Hörerinnen die Zehnprozentnorm eingeführt wurde, geschlossen werden mutz, davon den 200 Hörerinnen, welche diese Hochschule gegenwärtig frequentieren, im ganzen 13 christliche und alle übrigen jüdische Hörerinnen sind. Dem Beispiele von Nikolajew werden, wie russische Blätter melden, bald eine große Zahl anderer Hochschulen und diesen gleichgestellte Anstalten in der Provinz folgen müssen. Die Leiter einzelner Hochschulen beabsichtigen deshalb den BildungÄmtnister um eine Milderung dieses unmenschlichen Gesetzes anzugehen. Verleihung von Kriegsmedaillen an Rabbiner. In Frankreich werden gegenwärtig an alle jene Personen, welche an dem deutsch-französischen Kriege im Jahre 1870/71 auf französischer Seite teilgenommen haben, Erinnerungsmedaillen verteilt. Unter den Beteilten befinden sich auch mehrere Rabbiner, welche teils in der Front, teils als Älmvseniers an der Schlacht tcilgenoMMen haben. Unter ihnen befinden sich der Oberrabbiner von Versailles, Emil Levy, der als Freiwilliger in den Krieg zog, der Direktor der Rabbinerschule Oberrabbiner Dr. Josef Lehmann, dessen zwei Brüder als Verteidiger von Belfort gleichfalls mit der Kriegsmedaille bedacht wurden, ferner der Pariser Rabbiner Rafael Löwy und der Oberrabbiner von Nancy Isaac Bloch. Auch zwei jüdische Damen, und zwar Madame Therese Haas und die Witwe Edmond Goudchaur, deren Gatte der Begründer eines großen Invalidenasyls war, wurden Mit der KriegsM^daikle ausgezeichnet. Die Mutt« von Schul-em Aleichem gestorben. Vorige Woche starb in Warschau Frau Hanna Rabinowitsch, die Mutter des bekannten jüdischen Dichters Scholem Aleichem, im Alter von 69 Jahren. Schalem Aleichem, der seit einigen Jahren mit Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand in der Schweiz lebt, hat diese Trauerbotschaft hart getroffen. Er erhielt zahllose Kondolenzschreiben. Der Eindruck der Angola-Resolution der Jto-Konferenz in Portugal. Die Resolution der Ende vorigen Monates in Wien abgehaltenen Jto-Konferenz betreffend das Angola-Projekt, hat, wie aus Lissabon gemeldet wird, in Portugal großen Eindruck hervorgerufen. Bekanntlich hat das portugiesische Parlament auf Grund gepflogener Unterhandlungen mit dem Präsidenten der jüdisch-territori-. alistischen Organisation, Israel Zangwill, ein Gesetz angenommen, durch welches iüdische Kolonisten ln Angola die weitestgehenden Begünstigungen eirgrräumt werden. Die Jto-Konferenz hat nun auf Antrag Zangwills das Gesetz in der angenommenen Fassung für die Zwecke der Ito altz ungenügend bezeichnet, und hat die portugiesische Regierung von diesem Beschlüsse telegraphisch verständigt. Seit dem Einlangen dieser offiziellen Depesche in Lissabon beschäftigen sich die Lissaboner Blätter unausgesetzt Mit dieser Resolution. Das offiziöse Blatt „Seccolo" wendet sich in scharfen Worten gegen alle diejenigen, welche sowohl in zionistischen als auch in allgemeinen Zeitungen über Angola falsche Gerüchte verbreitet haben, indem sie behaupteten, datz das Klima daselbst ungesund sei und auch sonst in Angola Unsicherheit herrsche. „Seccolo" widerlegt «alle diese Behauptungen, welche von Menschen erfunden seien, die keinen Begriff von der Beschaffenheit Angolas haben, das ein Gebiet umfasse, welches größer ist als Deutschland und Oesterreichs-Ungarn zusamMengenommen und in seinen verschiedenen Teilen auch verschiedenartige klimatische Verhältnisse aufweist. Auch im Senate, der sich demnächst mit dem Gesetze zu befassen haben wird, hat die itoistische Resolution unangenehm gewirkt, und ein Altportugiese, Senator Bernardino Raco, benützte auch die Gelegenheit, um im Senate gegen die Vegünstigunlgrn für Juden in Angola Stimmung zu Machen. Seine diesbezügliche Interpellation blieb vorläufig unbeantwortet. Wie wenig gerechtfertigt übrigens die ungünstUrn Meldungen über Angola seien, geht, wie die portugiesischen Blätter berichten, aus der Tatsache hervor, datz sich in Lissabon eine Gesellschaft der größten portugiesischen Kapitalisten gebildet hat, mit dem Zwecke, die Konzession laut den in dem erwähnten Gesetze festgesetzten Bedingungen für die Juden zu erwerben und ohne Rücksicht auf die Juden auszunützen. Unter solchen Umständen sieht man den Verhandlungen im Senate begreiflicherweise mit großem Interesse entgegen. * Die B'nai V'rich-Medaille für Präsidenten Taft. Das Iuniheft der B'nai B'rith News, des offiziellen Organes des Weltverbandes, enthält unter anderem auch die Mitteilung, datz das Erekutiv-Komitee in seiner am 13. April d. I. in Berlin abgehaltenen Sitzung den Beschluß gefaßt hat, die goldene Medaille der B'nai B'rith für Männer oder Frauen, ohne Rücksicht auf ihre Konfession, welche während des abgelaufenen Jahres die wichtigste Tat im> Interesse des Judentums vollbracht haben, tdem'Präsidenten der Vereinigt. Staaten von Amerika William Howard Taft zu verleihen. Der Beschluß wird damit begründet, datz Präsident Taft im abgelaufenen Jahre bei verschiedenen Anlässen furchtlos und uneingeschränkt Meinungen geäußert und einen Standpunkt eingenommen habe, wodurch das vitalste Interesse der Juden gefördert wird und dabei nichtsdestoweniger auch für sämtliche Freunde der Gerechtigkeit und Freiheit in der ganzen Welt von nicht zu unterschätzender Bedeutung sind. Durch dieses Verhalten des Präsidenten Taft als Haupt einer großen Nation sei in der Iudenschaft neue Hoffnung auf bessere Tage erweckt worden. Aus diesem Grunde sei die goldene Medaille des B'nai B'rith-Verbandes dem Präsidenten Taft zu verleihen. DuiMaHüputierter NWÄmilfch, Mer die Aussichten der Juden in der Duma. In der letzten Nummer der russischen Zeitung „Raz Swjet" äußert sich der DuMadeputierte Nisselowitsch, einer der zwei jüdischen Abgeordneten in der foeben geschlossenen Duma, über die politische Lage der Juden in Rußland. Seiner Meinung nach wird die vierte Duma, mögen die bevorstehenden Wahlen wie immer ausfallen, keine so große progressive Majorität aufzuweisen haben, von welcher die Juden Rußlands eine faktische Besserung ihrer Rechtslage erwarten könnten. Zu dieser lleberzeugung gelangte Nisselowitsch während seiner fünfjährigen Erfahrung als Mitglied der dritten