Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 31 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 31 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 521 Hrorrespondenzen. TiMa-bsab in Wien. f Der Inhalt eines hebräischen Gebetes, das der Lernende eines talmudischen Traktates nach Beendigung desselben zu verrichten hat, lautet: Ich eile und sie eilen; ich eile in das Lehrhaus, sie aber in die Vergnügungslokale. Ein Freund hat mit Rücksicht darauf, daß anläßlich meiner alljährlichen Urlaubsreise mein erster Besuch in Wien immer der jüdischen Abteilung des Zentralfriedhofes gilt, an das zitierte Gebet erinnert. Nun ist es aber Tatsache, daß ich nicht nur das Reich der Toten, sondern auch das Reich geistigen und religiösen Lebens aufzusuchen vflege. nämlich Synagoge und Veth-Hamidrasch in Wien, und dises Iahr, muß' ich gestoben, bin ich auch auf Meine Kosten gekommen. Denn in dem herrlichen Eotteshause in der Tempelgasse hörte ich an dem großen Trauertag meines Volkes die Klagelieder und Trauergesänge in einer Meise vortragen, welche das jüdische ~ Volk durch Churban .Terrscholaim traf, geradem vergegenwärtigte. Oberkantor Iosef Morgenstern ist, nach meiner allerdings unmaßgeblichen Ansicht, der richtige ^etzoliaest Ziblmr und der wahre Dolmetsch der religiösen und nationalen Gefühle seines Volkes. Ich war fo tief ergriffen von seinem! Vortrage und dem feinen Takt der Begleitung, mit welcher der meisterhaft geschulte Tempelchor den Vortrag des Meisters unterstützte, daß ich mich veranlaßt sah. nach dem Gottesdienste mich dem Herrn Oberkantor Morgenstern vorzustellen um ihm versönlich mein „jejasolmr ko - ach“ darzubringen. Am Vorabend des Scliabhes-nacliamu war das Gottesbaus vollgefüllt mit Andächtigen und nahm ich wahr, daß der meisterhafte Vortrag des Herrn Oberkantors^ in der Tempelgasse nicht nur auf mich, der ich vielleicht zu national gesinnt bin, sondern auf alle Anwesenden tiefen und nachhaltigen Eindruck machte. Die mdische Seele verlangt eben eine indische ,Vortragsweise und wer dies versteht, der spricht aus der Tieße des indischen Herzens und stimwt es zur wahren Andacht Oberkantor Morgenstern besitzt eben die Gottesaabe. durch seinen meisterhaften kantgrche^ Vortrag den Schlüssel zum üdischon Herzen gefunden m haben. Rabbiner Dr. H. Kaufmann. # * * Der letzte Sabbath-Nachmu. die erste Jahreswendder Bestellung Morgensterns zum Oberkantor im Leopoldstädter Tempel, wurde von den Besuchern des größten Tempels in Wien zum Anlaß genommen, um dem beliebten Funktionär ihre Sympathien in feierlicher Weise zum Ausdrucke zu brinaen. Am Beginn des Freitag-Abend-Gottesdienstes überreichte Herr Dr. Natbansohn mit einigen herzlichen Worten namens der Tewpelbesucher Herrn Oberkontor Morgenstern einen stlbernen Vokal. Im Namen des Cbores versicherte Chordiriqent Julius H e i m a n n den Oberkantor der Verehrung und Anhänolichkeit des Chorpersonals, während Pros. Nascher im Namen der Freunde Morgenstern als Menschen, Chasan und Sänger würdigte. Oberkantor Morgenstern dankte gerührt für die ihm gewordene Auszeichnung seitens seiner Baalei Balim und Freunde und gab der Versicherung Ausdruck, daß er nach wie vor alles daran setzen werde, das heilige Amt. das ihm übertragen wurde, in jeder Beziehung würdevoll auszufüllen. Eme Rabbiner Meiseis-Straße in Krakau. In der letzten Sitzung des Krakauer Eemeinderates wurde anläßlich der Beratung über die Benennung verschiedener Straßen seitens der jüdischen Gemeinderatsmstglieder der Antrag gestellt, eine Straße im jüdischen Viertel „Kazimierz" nach dem berühmten Krakauer Rabbiner Rabbi Berisch Meifels zu benennen. Der polnische Eemeinderat Tursky unterstützte diesen Antrag, indem er darauf hinwirs, daß der verewigte Rabbiner Meifels sich anläßlich des polnischen Aufstandes durch seine patriotischen Taten große Verdienste erworben habe, weshalb es nur ein Akt der Dankbarkeit wäre, sein Andenken durch die Benennung einer Straße als Rabbiner Meisels-Straße zu verewigen. Der Antrag wurde einstimmig angenommen. D'e Rabbiner Meifels - Straße erstreckt sich von der Augustinerkirche bis zur Weichsel Der Eid more jndaico in Kroatien. Im Jahre 1897, also genau vor 15 Jahren, leitete der Vorsteher der Effek-Oberstädter Kultusgemeinde Herr Dr. Hugo Spitzer eine Aktion ein. um die Eliminierung des besonderen Judeneides aus dem Prozeßverfahren im Wege der Gesetzgebung zu erwirken. Trotzdem seine an den Landtag der Königreiche Kroatien - Slavonien und Dalmatien gerichtete, erschöpfend motivierte Petition von allen Kultusqemeinden des Landes gutgeheißen und unterstützt und auch vom Landtage der Regierung zur Würdigung abgetreten wurde, wollte die Sache nicht vorwärts kommen. Die Landesregierung arbeitete zwar wiederholt Entwürfe aus, allein der stete Regierungs- und Systemwechsel brachte es mit sich, daß keiner dieser Entwürfe Gesetz wurde, ja nicht einmal zur versastungsmäßiqen Behandlung vor den Landtag kam. Nun hat der königliche Kommissar in Kroatien- Slavonien Exzellenz von C u v a j eine Landes - Gesetzgebungs- Kommiffion eingesetzt, welcher von kroatisch-slavonischen Juden Vorsteher Dr. Hugo Spitzer. Abgeordneter Dr. Ludwig Schwarz (Agram) und Bankdirektor Oskar Weißmayer (Effek) als Mitglieder angehören, und eine der ersten Arbeiten dieser Kommission war die Schaffung eines Gesetz-Z zur Abschaffung des Judeneides. Der von der Kommission entsendete Ausschuß, deffen Präsident Abgeordneter Domherr Dr. Radiceviv und Vizepräsident Kultusvorsteher Dr. Sp'tzer ist. hat in seiner am 30. Juli abgehaltenen Sitzung die Regierungsvorlage in Verhandlung gezogen und mit einigen Abänderungen angenommen, so daß bei dem demnächst zu erwartenden Zusammentritt des Landtags das Gesetz, mit welchem der Judeneid in Kroatien - Slavonien abgeschafft wird, endlich zur Tat werden wird. „Dina D'mialluta Dina." Aus Konstantinopel wird uns berichtet: Das Fest der türkischen Verfassung. das durch ein Ge'etz seinerzeit zum obligaten Nationalfest proklamiert wurde, fiel diesmal auf Tisch'ah b'ab. Aus diesem Grunde hat das Großrabbinat die Entscheidung erlassen, daß das ottomanische Nationalfest ohne iede Rücksichtnahme auf den Tisch'ah b'ab in der üblichen Wesse gefeiert werden solle. Das Großrabbinat begründete diese Entscheidung mit Berufung auf den talmudischen Satz ..Dina d'malknta dina", das Staatsgesetz ist das Gesetz. Feierlicher Empfang des jüdssch-m Av'ittkers Abramsvicz in Rußland. Der Petersburger Aeroklub hat einhellia beschlossen, dem jüdischen Aviatiker Abramovicz anläßlich seines Fluges Berlin- Pe'ersburg bei seiner Landung einen feierlichen Empfang zu bereiten. Zur Erinnerung an diesen denkwürdigen Flug, der in Rußland als eine russische Errungenschaft von den Blättern gefeiert wird, wird dem. Flieaer em silberner Palimweig überreicht werden. Ironisch wirft e?n progressives Blatt die Frage auf. ob der Iude Abramovicz seinen Flug nur durch das jüdische Ansiedlungs^ebe' nehmen werde, da er ja anderswo kein-Wohnrecht in Rußland babe, ferner ob Abramovicz. wenn er seine Resse nach Petersburg per Eisenbahn gemacht hätte, überhaupt nach Petersburg hererngekassen worden wäre.