Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 31 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 520 Dr. Blochs Wochenschrfft Nr. 31 ihrem „Jiddisch" sehen sie die einende Kraft,' die stärker sein soll, als die ritualen Gebräuche. Und so haben sie sich dieser Tage den jüdischen Dichter Echalom Asch koMmen lassen, den sie wie einen Propheten verehren. Schalom Asch las aus seinem Buche „Amerika" vor. Schlichte Szenen, warm umstrahlt von der Liebe, mit der Asch diesen Leuten anhängt, aus deren Kreis er selbst Ijer? vorgegangen ist. Nach und nach gewöhnt sich das Ohr an den sonderbaren Klang dieses verstümmelten Deutsch, und nun enthüllt sich dem Hörer die weiche, sehnsftchitige Seele, das mannigfache, tiefe Leiden, die wenigen, Freuden und der schwermütige HuMor dieser unglücklichen, von Hoffnungen getriebenen Auswanderer, dis in den Häfen von Rotterdam und Antwerpen und inl der Stickluft der Zwischendecke nichts anderes waren als „schmutzige Menschen". Asch ist ein großer Künstler in der Schilderung solcher Auswanderer-Szenen und einfacher und oft doch so schmerzlicher Vorgänge, und er bringt es fertig, mit dieser anfangs so lächerlich schein nenden Sprache, wenn er z. B. die Ankunft im Newyorker Hafen schildert, Bilder von strahlender Kraft entstehen zu lassen. Das Milieu, in dem der Vortrag in Brüssel gehalten wurde, patzte gut zur Stimmung des Vortrages. Da waren wohl viele, die sich schon eine recht behagliche Existenz erobert hatten, und ganz europäisiert aussahen. Andere arme Mütter waren genötigt, ihre kleinen Kinder mitzubringen, da niemand zu Hause die Aufsicht übernehmen konnte, und diese Kleinen schrien mitten in den Momenten spannungsvoller Stille nach Leibeskräften. Dann wurde deklamiert und müsiziert und eine Frau fang ein Lied voll schalkhafter Schwermut: „Ich will an die Welt eine „Kaschje" (Frage) tun, und die Welt antwortet: Tirilirili, Tirilirili, Doch was heitzt das Tirilirili, Tirilirili? Und die Welt antwortet: Tirilirili heitzt Tirilirili!" Und so geht das Lied lustigweiter, und imMer gibt die Welt ihre Rätsel verschleiert, die gleiche neckende Antwort. Es ist ein Volkslied der russischen Juden, erklärte man uns, und nichts verrät mehr als dieses Lied das grüblerische, resignier^ und doch von Humor durchsetzte Seelenleben dieser Menschen. In Antwerpen, wo der Vortrag Aschs von mehreren hundert Personen besucht war, ging alles schon viel weltmännischer zu. Das Bearbeiten der Diamanten, das die meisten betreiben, hat vielen von ihnen schon zu einem gewissen Wohlstand verholfen. Der Festabend wurde in dem fashionablen „Cercle artistique" abgehalten, und fast alle Hörer und Hörerinnen schienen Wert darauf zu legen, in Kleidung und Manieren sich möglichst wenig von der umgebenden Welt zu unterscheiden. Doch die Einladungskarten und die Bücher, aus denen man vorlas, waren in hebräischen Lettern gedruckt, und selbst Asch blätterte beim Borlesen in umgekehrter Richtung — auch er fand es bequemer, seine Dichtungen aus hebräischen Buchstaben abzukesen. Da» jüdische Milieu. Ueber dieses im besten Sinne des Wortes moderne Thema finden wir im „Israelitischen Gemeindeblatte" in Köln folgende Betrachtung: Das jüdische Milieu ist heute in Westeuropa stark verblaßt und eS droht ganz zu verschwinden. Heute muß man bäufig schon ein feiner Psychologe sein, um im geistigen Leben die jüdische Nuarce zu finden. Und auch äußerlich bekundet sich das jüdische Milieu vielfach nur darin, daß man gern jüdische Speisen genießt, auf die Antisemiten schimpft und schlechte jüdische Witze macht. Das jüdische Milieu ist vom trauten Heim nach dem Kaffeehaus verlegt worden und unterwegs ist der zarte Dust ganz gewichen und geblieben ist etwas Groteskes, Komisches, das keine feinere Natur zu beglücken vermag. Und so fihlt häufig für jedes gesunde kulturelle Wirken im Judentum der natürliche Boden. Es wird daher die wichtigste Aufgabe unserer Zeit sein, dieses jüdische Milieu auf neuer Grundlage wieder zu stärken und zu bereichern und einen natürlichen Mittelpunkt für ein wirklich modernes und doch echt jüdisches Leben zu schaffen. Wir bedürfen dieses jüdischen Milieus für die Pflege der jüdischen Kultur, für die Entfaltung der jüdischen Individualität. Man verkennt das Judentum, wenn man es als bloße Religion aüffaßt. Es .ist zu weit, zu groß und zu frei, um sich in die enge Schablone einer Konfession zwingen zu lassen. Das Judentum ist eine ganz eigenartige Kultur, die das ganze Leben beeinflußt, die den ganzen Menschen besitzen will. Das Judentum, wiewir es uns denken, kann nicht von guten und schlechten Predigten oder gar von einigen phrasenhaften Vorträgen leben. Es schreit nach freier Entfaltung, noch freudiger Betätigung auf ollen G'bieten, und überall will es die so reich ousgestattete jüdische Seele in mannigfachen Formen und Gestalten zeigen. Es ist eine alte Ersah.ung, ohne Harmonie gibt es kein Glück und große Harmonien kann nur die Wahrheit erzeugen. Nur da, wo wir unserer Natur entsprechend leben und wirken können, sind wir groß und glücklich. Wer mag es leugnen, daß uns Juden heute vieles noch zum ülück fehlt, ja, daß wir trotz aller äußeren Errungenschaften innerlich häufig zerfahrener und unglücklicher als unsere Väter sind? Der Durchschnittsmensch, dem das Geschäft die Seele und das Skatipiel olle Po sie ersetzt, mag wohl zufrieden sein und den Fortschritt der Zeiten vreisen. Der feinere Jude aber trägt heute mehr als je die große Tragödie seiner Gesamtheit und seiner Geschichte mit .sich. Er empfindet gerade in den höchsten Lebensstunden den tiefen Schmerz einer unbefriedigten Seele, weil ihm der natürliche Mittelpunkt für die Ausstrahlung seines inneren Leidens fehlt. Wir haben es verlernt, auf die Anerkennung in unserem eigenen engeren Kreise großen Wert zu legen und die Anerkennung draußen in der großen Welt, nach der wir das ganze Leben hindurch ringen, wird uns selten zuteil, w:il die Vorurteile nichts geschwunden sind und weil man in uns in erster Reihe den Juden' sieht. Welch törichtes Unternehmen, den Juden in uns zu unterdrücken, wo man uns draußen mit jedem Blick daran erinnert! Und durch diese ungesunden und unnatürlichen Zustände haben wir häufig selbst verlernt, den richtigen Maßstab zur Wertung der Menschen und ihrer Leistung onzulegen. Sprechen wir doch das bittere Wort aus: Man findet bei uns Juden erst. Achtung, wenn man sich die Anerkennung von Nichtjuden errungen hat. Ja, wir brauchen ein jüdisches Milieu, weil nur da ein großes, freies jüdisches Leben sich entwickeln kann. Die Juden müssen es lernen, sich wieder in ihrer eigenen Mitte wohl zu fühlen, dann werden sie einsehen, daß es kein Unglück ist, Jude zu sein und daß der innere Reichtum, den sie da finden, tausendfach für die törichte Zurücksetzung des Scheinlebens draußen entschädigt. Erst wenn wir heimisch geworden find im jüdischen Kreise, werden wir das natürliche Verlangen nach jüdischer geistiger Kost empfinden und wir werden reichliche Befriedigung finden. Man hat uns lange gepredigt, in die große Welt zu gehen und wir sind lechzenden Herzens dahin geeilt und — haben kalte Herzen und abweisende Gesichter gefunden, so daß unser eiaenes Herz beinahe dabei erkaltet ist. Nun ist es Zeit, daß wir die Rückkehr ins traute Heim predigen und daß wir den Sinn unserer Jugend für die wunderbaren zarten Schönheiten des Judentums wecken und entfalten. Schüssen wir wieder ein jüdisches Milieu und statten wir es mit allen modernen Ansch uungen, aber — im jüdischen Geiste aus. Lassen wir da das große Leben hineinfluten und olles durchleuchten, aber empfangen wir es mit jüdischer Seele und verschmelzen es mit jüdischer Eigenart, dann werden wir alles um so natürlicher und schöner genießen und unser Inneres wird daran gesunden und wir werden reicher und n'cht ärmer werden. Kein neues Ghetto ist es. das wir erstreben, keine abgeschlossene düstere Welt, die sich nach Erlösung sehnt. Wir wollen ein freies, großes Leben, aber in schöner eigener Schale dargereicht. Alles, was Kunst und Wissenschaft Großes geschaffen haben, wollen wir uns aneiqnen, aber wir wollen nicht um Anerkennung betteln, wir wollen keine Gäste sein, wir wollen zu Hause bleiben. Wir wollen uns nicht gedrückt fühlen in unserem jüdischen Empfinden, wir wollen mit Stolz und Freude alles Schöne im Judentum genießen. Ja. wir bedürfen eines jüdischen Mil«ns, nicht zur Ablagerung schlechter Witze, sondern zur Pflege jüdischer Schönheiten. Nicht verleugnen wollen wir unsere Eigenart, sondern vertiefen und ausbauen, und das ist nur im jüdischen Milieu möglich. Unser Seelenleben schreit nach Entfaltung, geben wir ihm die natürliche Möglichkeit dazu. Wir können den gesellschaftlichen Antisemitismus, der sich immer breiter macht, nicht dadurch bekämpfen, daß wir jammern und unsere Arme sehnsuchtsvoll nach der vornehmen Welt ausstrecken. Wohl aber können wir unsere kleine Welt so traut gestalten und so schmücken, daß sie uns alles ersitzt, daß sie uns alle Welten in einer besonderen Schönheit wiederspiegelt. Die Natur und die äußeren Umstände zeigen uns den Weg, den wir beschreiten sollen. Lange haben wir den Traum geträumt, die ganze Menschheit zu beglücken, — suchen wir nun unser eigenes Glück und das unserer Kinder. Es ruht wahrlich nicht in der sinnlosen Nachahmung aller Torheiten und im widernatürlichen Luxusleben, sondern in der stillen Welt der Wahrheit, wo die Harmonie des Innen- und Außenlebens viel leichter errungen werden kann. Was hilft es, daß wir in d cken Büchern die Größe des Judentums lehren, wenn wir es nicht selber erleben, wenn wir es nicht ganz in uns aufnehinen? Wir bedürfen eines jüdischen Milieus, um alles das zur Pracht zu entfalten, was den Besten unter uns als Ideal vorschwebt. Bauet dem Judentum keine prunkvollen Tempel, sondern bauet das jüdische. Leben in uns und um uns zu einem wahren Tempel aus!