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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-08-02 · 31 (2.8.1912) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
31 (2.8.1912)
Date
1912-08-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 31 Dr. Vlochs WocheiHhrfft Seite 419 zur Verbesserung der Frauenkleidung. lesen wir: Es ist noch nicht lange her, da hörte ich von Ketten sprechen, die zwischen d>en Knien in den Humpelröcken getrugen wurden, damit das betreffende Individuum, am Schreiten verhindert, nur noch tripp>eln kann. Nicht das erste Mal im Laufe der Zeiten haben sich Frauen diesem Irrsinn unterworfen. Vor ungefähr 2650 Jahren, als Jerusalem eine große, volksreiche, und wenn man dem Jesaja Glauben schenken darf, elegante Stadt war, trugen die Modedamen Schrittkettchen, die ihnen in den engen Gewändern die Füße aneinander fesselten. — Guter, feuriger Wein, Herden und Korn gediehen im Lande Juda. Von allen Seiten flössen der Stadt aus dem Lande Kulturträger zu. Die Männ,er saßen beim Frühschoppen, bei Würztrunk, Bowle od,er Vier und dehnten -ihre Sitzungen manchmal bis in die Dämmerung aus. Die Frauen putzten sich. Edle Metalle und Gesteine, herrliche Stoffe wurden über See von Aegypten eingeführt, über Land aus Babylonien und Indien durch große Karawanen, die, von Osten herankommend, die Wüsten umzogen und Palästina von Norden betraten. Mit allem wurden die verwöhnten, verzärtelten Einwohner versehen, was ihrem Lurusbedürfnis entsprach. Eifrig dachten die Modedamen Jerusalems darüber nach, wie sie Männerherzen berücken könnten, ihre Schönheit durch kostbare Toiletten ins rechte L-cht zu setzen. Dank der Beschreibung des scharf beobachtenden Jesaja sehen wir sie deutlich vor ans. In der Ueberzeugung. tadellos angezogen zu sein, tragen sie eine gewisse Aufgeblasenheit zur Schau, sie recken den Ha,ls, sie schielen mit den Augen (der Berliner sagt bezeichnend: klappern mit die Oogen). Die Tunika aus feinem1 Hinnen wird durch einen prächtigen Gürtel zusamMengehälten, geziert mit Geschmeiden oder durch eine Schärpe. Darüber hängt ein Prachtmantel oder Ueberwurf. Es klingen die Futzspangen und Armkelten, es blitzen die Ohrtropfsn, die Stirnbänder, die Halbmonde im kunstvoll gekräuselten Lockenhaar, das, wie heute, seiner Trägerin nicht angewachsen war, und, da sie seine Herkunft nicht kontrollieren konnte, ihr manche schlimme Haarkrankheit brachte, wie uns neuerdings einen Fall von Aussatz. Ums Haar schmiegt sich Turban und Schleier, Fingerlinge mit edlen Steinen bedeckten dije. der Arbeit ungewohnten Finger, ja die Schöne trägt sogar einen Nasenring. UM djie Toilette vollständig zu machen, kommt dazu noch eine Tasche mit Spzegelchen und Riechfläschchen, und irgendwo verborgen am Halse oder in der Kleidung — ein Amulett. Für Jahwe haben d!ie Damen nicht viel Vjerständiüs, aber ein Amulettchen gegen dfesen oder jenen Dämon kann nicht schaden. Man kann nie wissen — die alten Herrschaften, die heute aus der Hand, aus Spielkarten, Kaffeegrund und anderen wMiger appetitlichen Dingen weissagen, machten damals mit der eleganten Damenwelt genau so glänzende Geschäfte wie heute, denn die Modedame jist allezeit außerordentlich abergläubisch. Herrlich und in Freuden lebte man, aber man tanzte auf einem Vulkan. Mitten in all dem Gehabe und Getue, dem Kaufen und Verkaufen, dem' sinnlosen Rennen von einem Feste zum andern, stand einsam ein gewaltiger Mann, Jesaja, der Prophet. Er sah A der Ferne den Krieg wetterleuchten, sah dichter und dichter sich das Gewölk zusammenballen. S-choN lag.eN die Heere des Assyrers vor Damaskus: über Juda zog langsam das Unheil herauf. Mit scharfen Strichen und bitterem Hohne zeichnet dieser Mann Zeitbilder, die heute noch voll sprühenden Lebens sind. Auf dem düsteren Hintergründe des herannahenden Kriegswetters erblickt er zornig diese schlemmenden Männer, die albernen, törichten Frauen, djie mit aufgeblasenen Mienen sich hochmütig und frech gebärden, weil sie — gut ungezogen sind und — mit durch Schrittkettchen gefesselten Füßen — auf der Höhe des „Schick" sichen. Mit tiefem Schmerz und bitterem Grimm sieht er. daß die große Heimsuchung e-in kleines Geschlecht finden wird. „Wgil die Frauen Zions einherfahren, rm Gehen -den Hals recken und freche: Blicke werfen. Immerfort tänzelnd einhergehen und mit den. Fußspangen khrren, so wird der Herr den Scheitel der Frauen Zions grindig machen. — An jenem Tage wird Jahwe abreißen die prächtigen Futzspangen und die Stirnbänder und die Halbmonde, die Ohrttopfen und die Armkelten und die Kopfschleier, die Kopfbinde und die Schrittkettchen und die Prachtgürtel und die Riechfläschchen und die Amulette, die Fingerlinge und die Nasenringe, die Feierkleider und die Mantel und We Ueberwürfe und die Taschen, die Spiegel und die feinen Linnen und die Turbane und die Schleier." Und dann — „Statt des Balsams gibt's Moder und statt der Schärpe den Strick, statt des kunstvollen Gekräiusels die Glatze und statt des Prachtmantels Umgürtung mit härenem Gewände. Brandmal statt der Schöne!" (Ies. 3, 16—24.) Von „Jiddischen" Kolonien in Belgien. Fast stets, wenn man den Weg nach den Häfen von Rotterdam und Antwerpen nimmt, sieht man sie lagern, diese armen jüdischen Auswanderer, die vor der Not und den Quälereien flohen, mit denen das heilige Rußland sie heimgesucht hatte. Die Männer saßen gewöhnlich auf den Säcken, die ihre Habseligkeiten enthielten, oder sie liefen aufgeregt hin und her, den Frauen und Kindern Weisungen erteilend in einer Sprache, die niemand verstand. Auch im Zwischendeck eines großen Dampfers haben wir sie einmal ausgesucht. Da wurden sie zu sechsen, zu achten und zu noch mehr Personen in eine Kabine „verpackt". Sie pflegten sich sofort, so gut es ging, einzurichten. Eine Frau ist uns in Erinnerung geblieben, die sich ohne weiteres auf eme der Matratzen niederließ und in aller Ruh« begann, ihr Kind zu stillen. Andere Frauen und Mädchen schluchzten und weinten, als sie das unwirtliche Gefängnis des Zwischendecks betraten, in dem eine geradezu unerträgliche Stickluft herrschte. „Oh!", sagte damals ein Matrose, „da müßten Sie erst einmal hereinkommen, wenn die Seekrankheit ihre Wirkungen ausigeübt hat! Dann ist es geradezu zum Umfallen! Aber zu Hause haben sie's auch nicht besser. Sie sind's gewohnt so! Es sind schmutzige Menschen!" „Schmutzige Menschen!" Das ist das Wort, das man so oft von allen möglichen Menschen hört, die Mit einer gleichgüttigen Handbewegung diesen Aermsten den Rücken drehen. Viele der Auswanderer sind nicht bis zu dem ersehnten Amerika gekommen. Sie blieben in London. Manche blieben sogar schon auf dem Kontinent, vor allem in Belgien hängen, und diese bilden jetzt die wenig bekannten jüdischen Kolonien irn Brüssel, Antwerpen und Lüttich. Dort sind sie Zigarren-, Portefeuille- und Diamantarbeiter geworden. Viele von ihnen haben einen kleinen Laden angefangen und schaffen sich mühevoll eme Eristenz. Manche plagen sich tagsüber in den Fabriken und sitzen nachts über den Büchern. Ihnen allen aber ist ein wundersam sehnsüchtiger Zug nach geistiger Befreiung gemeinsam, ein merkwürdiges, kaum glaubliches, ideales Hinstreben nach kulturellen und geistigen Gütern. In Brüssel haben sie ihren „Jüdischen! Kulturverein". in Antwerpen ihren „Cercle Litterair« Iuif Culture", m Lüttich haben viele, die zuvor Arbeiter waren, unter großen Entbehrungen das Studium begonnen. Mit den jüdischen Tradittonen und rituellen Geboten haben sie zum großen Teil gebrochen, doch dabei hängen sie mit einer eigentümlichen Hingabe an jenem, aus verdorbenem' Deutsch mit hebräischen Brocken gemischten Kauderwelsch, das unter dem Namen „Jiddisch" seine eigene Literatur hervorgebracht Hat. In

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