Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 31 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 31 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 517 ders m Zeiten vor und nach einem Kriege, einer grausamen Willkür, welche zu beschränken die Fürsten zum Teil keine Macht, oft auch nicht den Willen halten." Wenn der Hatz gegen ein Volk, das sich durch fremde Religionsübung und Lebensweise in jenen noch wenig betriebsamen Zeiten außerdem durch beispiellose Rührigkeit in Handel und Wandel von der übrigen Bevölkerung unterschied, unter allen Umständen schon heftig war, so mützte zur Zeit der verheerenden Pest dieser Groll sich auf ganz besonders furchtbare Weise Luft machen. Die damalige gewöhnliche Bildung reichte nicht hin, den physischen Ursachen des grotzen Sterbens rationell nachzuforschen: nur menschliche Bosheit vermochte eine solch große Plage zu erzeugen! Wie ein Blitzstrahl geht durch alle Gemüter der Gedanke mit zündender Schnelligkeit: die Juden haben djie Brunnen vergiftet, um an der Christenheit das viele Leid zu rächen, das sie bisher erduldet. Man war felsenfest überzeugt, die Juden beabsichtigten, über die Christen herzufallen und auf den Trümmern des christlichen Reiches eine Herrschaft der Juden zu gründen. Vornehmlich die Geitzler betrachteten es als zu ihrer Mission gehörig, die Judenverfolgung mit flammenden Worten zu predigen und selbst, wo sie nur konnten, die Ungläubigen, die Mörder des Heilands, zu erschlagen. Reben dem schwermütigen Klange der Eeitzlerlieder ertönte das Verfolgungsgeschrei gegen die angeblichen Brunnenvergifter, gegen die vermeintlichen Pesterzeuger. Und ein allgemeines Wüten begann gegen die Juden in den deutschen Landen. Seitens der Behörden wurde diesem Treiben wenig Einhalt getan: machte wirklich einmal eine aufgeklärte Stadtverwaltung den Versuch, die Verfolgten zu schützen, so mutzte sie bald der Roheit und Gewalttätigkeit der breiten Masse weichen. So geschah es in Erfurt und zahlreichen andern Städten. Einsichtsvolle Männer, wie die Ratsherren in Mainz und Köln, Regensburg und Stratzburg zweifelten an dem tatsächlichen Grunde des Volksgerüchts, an einer weitverzweigten Verschwörung der Juden zur Ausrottung der Christenheit und ließen sich auch durch die fleißig eingeforderten Kundschaften und die Urgichten gefolterter Juden nicht beirren. Häßliche Vorwürfe und Verleumdungen seitens der fanatischen Menge waren meist der Lohn dieses löblichen Zögerns. In Basel und Freiburg mutzte die Obrigkeit nachgeben, alle Juden wurden auf einem gemeinsamen Scheiterhaufen verbrannt. In Speyer, Köln, Worms, Offenbach und anderen Städten zündeten die Juden freiwillig ihre Häuser an und opferten sich und die Ihren dem Tode, um wenigstens den grausamen Qualen, die der Verbrennung auf dem Scheiterhaufen vorausqingen, zu entgehen und ihre vermeintlichen Schätze der Plünderung zu entziehen. Als in Stratzburg die Wut der fanatischen christlichen Bevölkerung aufs höchste gestiegen war. gab der Rat einige seiner Schutzjuden der Menge preis. Der Erfolg war aber nicht der erhoffte. Barthold gibt in seiner „Geschichte der deutschen Städte" eine ausführliche Schilderung dieser Straßburger Judenverfolgung. Auch einige Aktenstücke, welche „denen Edlen und Fürsichtigen Schultheisen, Rath und Gemeinde der Stadt Stratzburg, der Chastellan zu Chillion. Statthalter, Herrn Ambtmann zu Chablais (in Savoyen) mit aller Dienitfertigkeit und Ehrerbietung" einsandte, gaben ein trauriges Material zur Geschichte dieser Greuel." Weder die Propheten Israels. Der vor kurzem erschienene achte Band des von S. A. Horodezky herausgegebenen „Hagolon", hebräischen Jahrbuches für die Wissenschaft des Judentums, enthalt u. a. einen kurzen, aber inhaltsreichen Beitrag des bekannten Orientalisten Prof. Dr. Karl Marti (Bern) über „Die Propheten Israels". Voll Bewunderung betrachtet Marti die Erscheinung der Prophetie. die, einzig in ihrer Art, nicht ihresgleichen in der Weltgeschichte hat. Wenn andere Völker auch große Gesetzgeber und Könige aufweisen können, so darf sich doch kein Volk rühmen, Propheten wie Israel bervorgebracht zu haben. „Die Reihe der Propheten — wie Amos, Hosea, Jesaja, Michah, Jeremias. Ezechiel, Deuterojksaja — steht einzig da und hat nicht ihresgleichen in der Völkergeschichte." Denn die Propheten Israels, von denen hier die Rede ist, haben nichts Gemeinsames mit den antiken Propheten anderer Völker sowie mit den „Newiei Habaal", die auch bei Israel vertreten waren und in der Bibel Erwähnung finden. Es ist auch unrichtig, die Propheten als offizielle Politiker, Demagogen oder Hofprediqer aufzufassen, welche Meinung auch sitzt von einigen vertreten wird. Nur die vorprophetische Zeit kann vielleicht einige dieser Zuge anfweisen. Die Propheten zur Zeit Sauls erweckten das Volk zum Befreiungskriege gegen die Philister; Elisa und leine Schüler kämpften aegen die Dynastie Omri. Aber die späteren Propheten haben nichts Demagogisches in sich. Demagogen waren gerade ihre Gegner — die falschen Propheten. Und wenn wir Gad o^er Nathan mit den Hofpredigern vergleichen können, io können wir Amos und die folgenden Propheten unmöglich zu diesen zählen. Der Hirt aus Dkaa konnte niemals Hoiprophet des Königs Jerobeam II. in Bet-El sein, dies Amt hatte gerade sein Widersacher Amazia inne. Ebensowenig kann man den Propheten eine politische Mission im Dienste fremder Höfe zuschreiben oder sie mit den Orakeln und Wahrsaaern vergleichen. Die Provheten sprechen zwar oft von der Zukunft, aber nicht um die Neuaierde des Volkes zu befriedigen. Sie lebten in ihrer Epoche und für diese, ihr Augenmerk war immer auf ihre Zeitgenosien gerichtet, sie schilderten ihnen die Zukunft, um ihnen die Auaen zu öffnen, sie auf ihre Fehler aufmerksam zu machen. Und wenn sie von der Zukunft sprechen, so ist es von der nächsten. Amos und Hosea, Jesaja und Micha kündigen so den Siea Aschurs als Strafe an. Hier kommt Marti zu dem charakteristischen Zug der Propheten. Die Propheten hatten kein Amt inne, sie sind frei und unbbängig von der irdischen Macht, aber sie sind einer höheren geistigen Macht unterworfen, einem seelischen Zwang. Sie sind die Propheten Gottes, dessen Wort sie verkünden. Die Schilderung dieses seelischen Zwanges, der „wie Feuer in den Knochen brennt", der sie mit unwiderstehlicher Gewalt treibt, das Wort des Herrn seinem Volke zu verkünden, ungeachtet der vielen Gefahren und Verfolgungen, denen sie sich dadurch aussetzten. haben uns Amos, Jesaja und Jeremias gegeben. Amos muß seine Herde verlassen; „Gott spricht — wer wird nicht weissagen?" Ebenso die anderen. Dieser göttliche Zwang stärkt die Propheten. Es ist aber N'cht der krankhafte Zug der antiken Orakel und der von Dämonen Besess-nen. Die Propheten sind der geistig» ethischen Forderungen Gottes sicher; sie kennen seinen W'llen und ohne Furcht verkünden sie sein Wort über Gegenwart und Zukunft, über den kommenden Untergang des Reiches und den endlichen Sieg des wahren Gottes. Es ist die neue Kraft der geistig-ethischen Religion, die mit den Propheten auf den Plan tritt, eine neue Weltanschauung. Ihr Gott ist der Herr und Vertreter des ethisch-geistigen Prinzips. Wir verwundern uns über d>e Reinheit und Klarbelt dieser geistig-ethischen Religion bei den Propheten, obzwar jedem P opheten eine, andere CH rakteristik zukommt und eine vertiefende Entwicklung von Amos zu Jeremia nicht zu verkennen ist. Hier finden wir Kompromiffe mit der Kultusreligion. Festtaasovfer und Zeremonien haben keine Bedeutung in der innerlichen Prophetenreligion und auch die Tradition verliert ihren Wert gegen das neue Prinzip. Dieses ethische Prinzip ist das zweite Charakteristikum der Propheten, das sie von den antiken Weisen trennt, die deshalb nicht zu den Propheten gezählt werden, da dieses Prinzip bei ihnen fehlt. So z. B. der äayptische Weise Jvuhwer. Wenn sein Auftreten als Ankläger beim König und seine Schilderung der verkehrten Zustände und der sozialen Ungerechtigkeit un« an die Propheten erinnert, so trennt ihn das Fehlen der ethischen W ltanschauung von diesen, schon abgesehen davon, daß er die Bessirung der Lage in Opfern, den Göttern dargebracht, und Neuordnungen der Kultuszeremonien sieht. Professor Marti schließt seine Ausführungen: Wenn auch schon vor den P-opheten bei Israel und auch außerhalb einige den Gedanken einiger Propheten ähnliche Grundsätze anzuirrffen waren, wenn auch in Aeahpten und A'chur Anfänge einer innerlichen Religion waren — sie hatten keine Fortsetzung. Aber die neue prinzipielle Stellung eines lebenden organischen Zusammenhanges zwischen Religion und Ethik und seine Entwicklung — ist die Leistung der Propheten Israels, wodurch sie die Gründer der innerlichen geistig-ethischen Religion wurden. M. S. Vom Zabrmarkt des Lebens. Eine Sefer Thsra aus China in der Wiener Hofdibliothek. In der Wiener k. k. Hofbibliothek befindet sich eine Thorarolle, welche aus Kai-fang-fu in China stammt und vor mehreren Jahren von dem bekannten Reisenden Dr. Karl Scherzer für die Wiener Hofbibliothek