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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-08-02 · 31 (2.8.1912) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
31 (2.8.1912)
Date
1912-08-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 814 Dr. Blochs genug, welchen Tram nur neues Lebeneinflößen müßte. Jedenfalls aber Müssen die jüdischen Interessen in Prag gefördert, mindeste aber überwacht werden. In den Prager Verchandlungen ist ein großes Stück Iudenfrage eingeWtossw, das des Verstandes der Verständigen bedarf. Von der Intelligenz der böhmischen Juden darf man wohl ^rwartW, daß sie rechtzeitig die entsprechenden Vorbereitungen treffen. N«chkla«g r«m «r««1e« Ab. Von Dr. D. Feochtwaug. Verllungen die wehmütigen Melodien voll Schwermut und Sehnsucht. Der neunte Ab mit seinen schmerzvollen Erinnerungen an uralte, alte und neue Leiden vorüber. Iehuda Halevis Zionsfang griff uns wiederum tief ins Herz hinein und des Rothenburger Rabbi Wehelied über das Martyrium der Thora und ihrer Lehrer rührte uns zu Tränen. Jeremias heldenhaft große, tragische Figur schritt wieder durch unser Lager und sem Klagelied weinte und schluchzte. Wie viele von uns haben diese Melodie gehört, wie viele mit uns gefühlt? An den Mauern Jerusalems mögen herzzerreißende Töne gehört worden fein; durch die Reihen der geschichttreuen, frommen Brüder im Osten und Westen, diesseits und jenseits der großen Meere, mag banges Beben und zages Zittern gegangen sein. — Wieviele von uns Residenzjuden Europas mit unserer modernen Bildung und Gegenwartforderung haben mitgebetet, mitgefastet, mitgefühlt? „Streifet umher in den. Straßen Jerusalems und suchet, ob ihr Männer findet, Hüter des Glaubens?" Gewiß. Auch in dem Kulturleben des Westens wird der neunte Ab nicht vergessen. Doch wieder nur von solchen, die in der Tradition wurzeln und in ihr die Kraft und den Schaft des Judentums erblicken. Unsere modernen Synagogen sind leer am neunten Ab. Doch es fei uns ein Trost. Sie sind auch leer an unseren Freudenfesten. Die Trauer eint jüdische Brüder und Schwestern ebensowenig als wie die Freuden. Kein munter Ab und kein Purimjubeh keine Menachemstimmung und keine Chanükkahlust. Wenn das ein Ausfluß gewonnenen Seelengleichgewichts und gefesteter Herzensruhe wäre, wir müßten uns zufrieden geben. Auch wenn es die Folge historischer Nüchternheit und abgeklärten Lebensurteils wäre. Es ist aber, scheint es, ausschließlich starrer Gleichmut Md eiserne, kalte Empfindungslosigkeit. Macht man dem! entthronten Sabbath und Feste gegenüber den rücksichtslosen Zwang und .Drang deH Lebens nicht ganz mit Unrecht geltend; stellt man der Nichterfüllung religiöser Aufgaben und Pflichten die unerbitüiche Forderung des Tages entgegen, so gelten diese Gründe den bescheidenen Forderungen an HerzensstimMung und Gefühlsarbeit gegenüber nicht. Da halfen alle Hinweisungen auf Geistesreligion und Geschichttzbegeisteymg nicht. Auch diese können und dürfen auf jene Herzensstimmung und Eefühlsarbeit keineswegs verzichten; sie sind auf sie angewiesen. Denn ohne sitz gibt es weder Religion des Geistes noch Geist der Religion. Wir scheitern also mit dem schwanken Schifflein und werden an das Ufer des Zeitstromes geschleudert, ohne zu wissen, wo wir sicher landen oder Anker werfen können. Die Gesetzlichkeit in ihrer unnachsichtigen Strenge wird altz starr und veraltet zurüLgewiesen; und da gibt es weder Schranken noch Ende. Jeder Versuch, Grenzen zu ziehen, zerfließt in Willkür und Planlosigkeit, und bestgemeinte Ratschläge wackerer, rettungsfreudiger Gefährten stoßen allenthalben auf Widerstände. Das alte Gebäude scheint Umbauversuche und Adaptierung nicht zu vertragen. Das Gebälke müß Wochenschrift Nr. S l gesichert, gestützt oder abgebrochen, gestürzt werden. Doch ein trostreicher Ausblick verleiht einigen Mut. Da und dort gelingt der Versuch einer eingreifenden Erneuerung wenigstens scheinbar. Bei Minoritäten. Seit wann aber haben wir die Minorität gescheut? „Nicht weil ihr zahlreicher als die Völker seid, hat Gott euch erkoren": und „wer zählt Jakobs Staub und berechnet Israels Geburten"? Minorität zu sein, ist unser Schicksal, unser Beruf, unsere Geschichtsaufgabe. Ist es seit jeher und heute.. Und wenn eine Minorität in der Minderheit sich findet, welche unerschütterlich am Alten festhält, am neunten Ab weint und am' Purimtage lacht, wer wird es beklagen? Und wenn eine andere Minorität mit vollen Segeln einer neuen Judentumformung entgegenfährt, wer wird es verwerfen? Sie wollen es beide! im Namen des lebendigen Gottes. Des lebendigen Gottes! Das ist das Losungswort. Nur keine Todesstarre. „Breite dich nach rechts und links aus. nur Gott verherrliche." Nur kein gähnender Gleichmut, kein faules Sichgehenlassen; nur kein abbröckelndes Siechen und fatalistisches Nichtstun. D as ist die Gefahr, die ums droht, uns großgemeindlichen Juden mit den Einbildungsrosinen im Kopfe und im Herzen, wenn wir glauben durch schöne Predigt und womöglich noch schöneren Kantor- und Chorgesayg dem „lebendigen Gotte" zu dienen. Nicht einmal die gewaltigste Entfaltung jüdischer Herzensgute in tausenden Anstalten, die dem Menschenwohle geweiht sind, dienen diesem „lebendigen Gott", wenn sie nicht vom' jüdischen Geiste erfüllt sind. Erfüllt uns alle die Sehnsucht nach reiner Menschlichkeit, als dem' höchsten, erstrebenswerten Ziele, so ist es jetzt noch im'mer unsere Pflicht, die sittlichen Werte zu stärken, zu fördern, zu lehren, zu pflegen, welche wir als Juden der Mitwelt zu spenden berufen und verpflichtet sind. Dürfen wir deshalb am neunten Ab nicht trauern, aM Purim nicht freudig sein? Wozu unser Kultus, wozu unsere Gemeinschaft, wenn nicht zur Hut und Pflege ererbter Güter? Wertet die Werte um. aber entwertet sie nicht, reformiert die Formen, aber macht sie nicht formlos. Judentum braucht Andacht. Es gibt kein gedankenloses Judentum'. Seid religiös, seid national, seid beides, seid, wie ihr wollet, aber bewußt, überzeugt. Nur der Gleichmut tütet, nur Indifferente sind tot. Und an diesem' Gleichmut leiden wir, diese Unklarheit, Verworrenheit ist hierzulande Signatur. Diese Signatur aber — sonst Signum, deutliches Zeichen — ist in unserem! Falle identisch mit Schwäche des Charakters. Wir wollen aber stark sein und nichnur scheinen. Dürfen wir deshalb am neunten Ab nicht trauern? ' Sonntagsruhe. In kurzem' wird das österreichische Parlament der Schauplatz einer Debatte sein, die den Schleier lüften wird von einer Wunde, an der Mehr als eine Million Menschen bluten. Was in diesen Tagen zur Sprache kommen wird, ist eine kulturhistorische Schmach für Oesterreich, ein gesetzlich privilegierter religiöser Zwang, der dem Liberalen- Grundsatz des großen Philosophen am Thron, daß jeder nach seiner Fayon selig werden könne, direkt Hohn spricht. Mehr als eine Million strenggläubiger Juden Galiziens und der Bukowina, die in Befolgung ihrer religiösen Pflicht den Sabbath und die jüdischen Feiertage aufs genaueste beobachten, sind durch die erbarmungslose Verfügung der Sonn- und Feiertagsruhe Erzwungen, auch noch am' Sonntag und an den christlichen Feiertagen zu feiern, so daß ihr Arbeitsjahr^zur Hälfte ein unfreiwilliges Ruhejahr wird. Wer die Verhältnisse Galiziens und der Bukowina

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