Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 30 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 30 Dr. Biochs WochenMrfft Seite 509 kulturgeschichtliche Milieu im „Rabbi r>„ Bacharach" Kapitel aus dem 1908 erschienenen Werke von Dr. Georg Mücke: Heinrich Heines Beziehungen zum deutschen Mittelalter, und das unten näher zitierte Werk von Sim. Feuchtwanger zugrunde. — Die Vorstudien für den „Rabbi von Bacharach" beziehen sich auf die europäischen, namentlich deutschen Judenverfolgungen und auf die Schilderung des Frankfurter Milieus im 15. Jahrhundert. Als Hauptquelle für die Judenverfolgungen am Rhein bot sich ihm die Historie des Juifs von Jaques Basnage de Beanval, eines als Rhetoriker, Schriftsteller und Politiker geschätzten Predigers der reformierten Kirche im Haag, und ferner das berüch* tigte Buch von Johann Jakob Schudt: „Jüdische Merkwürdigkeiten". Sim. Feuchtwanger teilt in seiner Dissertationsarbeit, der kritischen Studie „Heinrich Heines Rabbi von Bacharach" (München, 1907) über Schudt und seine Werke folgendes mit (p. 65 f.): Johann Jakob Schudt (1664—1722) wurde als Sohn eines lutherischen Stadtpfarrers zu Frankfurt a. M. geboren, studierte Theologie und orientalische Sprachen und wandte sich erst dem Prediger-, später dem Schulfache zu. Er war besonders am „Frankfurter Gymnasium tätig, zuerst als praeceptor pjiniariis, später als concretor und vom Jahre 1717 bis zu seinem Tode als reetor. Schudts Schriften, die sich in der Mehrzahl mit der Geschichte der Israeliten und mit der hebräischen Sprache beschäftigten, sind sehr zahlreich. Für Heine kommt aus den „Jüd. Merkwürdigkeiten" vornehmlich das 1700 erschienene eompeuäium lüswriae judaicae in Betracht, auf das in den „Merkwürdigkeiten" öfters verwiesen wird: ein stofflich sehr reichhaltiges, aber in der Darstellung sehr wirres Werk. Der genaue Titel der „Merkwürdigkeiten" lautete: „Jüdische -Merkwürdigkeiten, Vorstellend, Was sich Lurieuses Md Denkwürdiges in den neuern Zeiten bey einigen Jahrh-ünderten mit denen in alle IV. Teile der Welt, sonderlich durch Teutschland, darinnen der zu Frankfurt am Mayn wohnenden Juden, von einigen Jahrhunderten, biß auff unsere Zeiten, merkwürdigste Begebenheiten enthalten. Mit historischer Feder in drey Theilen beschrieben von Johann Jakob Schudt, des Gymnasii Moeno-Francsf. Eon-Rector." Diese drei Teile erschienen 1714 zu Frankfurt und Leipzig. 1718 folgte dann ein „Vierdter Theil als eine weitere Continualion dessen, so in denen drey vorhergehenden Theilen vorgestellet werden." Heines Urteil über seine Haupbquelle ist sehr hart. In seinem Briefe an Moser (25. Juni 1824) schreibt er: „Ich habe beide Quartbände ganz durchgelesen und weih nicht, ob ich mich mehr geärgert über das Rischeh, das über jedes Blatt ausgegossen, oder ob ich mich mehr amüsiert habe über die Rindviehhaftigkeit, womit das Rischeh vorgebracht wird. Q, wie haben wir Deutsche uns vervollkommnet!" Besonders im fünften Buche des ersten Teiles findet Heine wichtiges Material: so auch einige Bemerkungen in der Limburger Chronik, namentlich die folgende: „In demselbigen Jahre jubilaeo, anno 1349, da das Sterben aufhorete, da wurden gemeinlich Juden in teutschen Landen erschlagen und verblaut. Das theten die Fürsten, Herrn Grafen und Stette, ohn allein der Hertzog von Oesterreich, der erhielte seine Juden. Und gab man den Juden schult, dah sie den Christen vergeben hetten. umb dah sie also sehr gestorben weren. Da ward ihr Fluch war, den sie selbstgetan auf den H. Charfreitag, wenn man in der passion liefet Sangius ejus fit super nos et Filios nostros“ Von den mannigfachen Verfolgungen in Bacherach selbst dürfte Heine nur von der aus dem Jahre 1247 genauere Kenntnis haben. Ueber die von 1287 fand Heine Näheres in Schreibers „Handbuch", Vogt's „Rheinische Geschichten und Sagen", Schudt und einer 1670 erschienenen, vielgelesenen Chronik. Der Bericht dieser „mag (Feuchtwanger, p 71f.) Heinen bei der Invention der ursprünglichen Handlung des „Rabbi" vorgeschwebt haben. Heine bringt zunächst in der Einleitung die typischen Umrisse seiner Handlung. Es heiht dort: „Eine andere Beschuldigung .... war das läppische, in Chroniken und Legenden bis zum Ekel oft wieder-, holte Märchen: .... dah sie an ihrem Passahfeste Christenkinder schlachteten, um das Blut derselben bei ihrem nächtlichen Gottesdienste zu gebrauchen. Die Juden .waren an jenem Festtage ganz in den Händen ihrer Feinde, die ihr Verderben nur gar zu leicht bewirken konnten, wenn sie das Gerücht eines solchen Kirjöermords verbreiteten, vielleicht gar einen blutigen Kinderleichnam in das verfehmte Haus eines Juden heimlich hineinschwärzten und dort nächtlich die betende Judenfamilie überfielen: wo alsdann gemordet, geplündert und getauft wurde, und große Wunder geschahen durch das Vorgefundene tote Kind, welches die Kirche am Ende gar kanonisierte." Und nachdem er so in der Einleitung den stimmunggebenden Akkord angeschlagen, führt er in der eigentlichen Erzählung mit frei eif fundenen Personen diese typische Handlung weiter aus. Wir müssen also daran festhalten, dah nur das Typische der Handlung auf historische Treue Anspruch er-, heben kann, dah indessen die Einzelheiten, die der Handlung ihr individuelles Gepräge aufdrücken, aber vor allem die Träger der Handlung, frei erfunden sind. Heine läßt die Geschehnisse dann nach Frankfurt hinüberspielen. Rach dem vorhandenen Fragment ist es wenig wahrscheinlich, dah er etwa hier eine Judenhetze darstellen wollte. Es scheint vielmehr, dah er hier die Wirkungen der ständigen Verfolgungen schildern wollte, die engen, gedrückten Verhältnisse des Ghetto, das die Menschen feig und verschnöorkelt macht." Georg Mücke kommt nach seinen Quellennachweisungen zu dem Resultate, dah Heine sich besonders an Kirchners „Geschichte der Stadt Frankfurt a. M." angelehnt, und führt dann aus (p. 81): „Wenn auch der historische Wert von Heines Angaben, da sein Gewährsmann zuverlässig ist, deshalb nicht .verliert, so wirft doch die Entdeckung auf seine mittelalterlichen Studien ein nicht gerade günstiges Licht. Anders ist das Ergebnis, wenn man die Darstellung auf ihre künstlerische Seite'hin prüft: dann kann man nur bewundern, wie der Dichter aus dem massenhaften Wüste seiner Vorbilder mit geschicktem Griffe herausgelangt hat. was seiner Schilderung Leben und Farbe verleiht. Ja, man wird dann sogar zugeben müssen, dah er seine Auswahl auch mit historischem Verständnis getroffen hat: denn bis in die Einzelheiten hinein bietet er nicht Nebensächliches, sondern meist gerade das Charakteristische jenes Zeith alters. Es ist wirklich das ausgehende Mittelalter, das hier in farbensattem Gemälde an uns vorüberzieht. Das lärmende Gedränge der Frankfurter Messe kündet Ms. die Zeit des blühenden Städtewesens, die MaM der feilgebotenen Seidenwaren und Luxusartikel erinnert uns an die Worte Enea Sylvih, dah Deutschland die reichste Nation von Europa sei. Schüchtern macht sich in dem Turnier vor dem Römer das untergehende Rittertum noch einmal geltend, und der „letzte Ritter" selbst steht beifallklatschend oben auf dem Balkone. Aber die neue Zeit ist noch nicht erfüllt. Heiligenfahnen flattern noch in der Prozession auf den Straßen, und die Juden leben abgesondert, ein gedrücktes Geschlecht! In der Stadt jedoch pulsiert die ausgelassenste Lebenslust, man pufft und stößt sich, um nur alles genießen zu können, was irgend zu sehen ist: an derben Schauspielen, wie sie der Quacksalber und die ' Fechter vorführen, am läuten Trubel findet man Gefallen. .Freudenmädchen durchziehen die Straßen, und das Lebensfrohe des Jahrhunderts gibt sich am vernehmlichsten in seinen bunten