Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 30 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Nr. 30 Seite 604 Dr. Bliochs WochvHchE den Kot gezogen hat. Selbstverständlich — um es gleich zu sagen —: weshalb sollte es bei den Juden nicht auch Menschen geben, die, wie Schopenhauer und Dühring, Mangel an verecundia zeigen? Selbstverständlich! Aber der Jude hat kerne vereeundia das ist Persidie, das ist bewußte Unwahrheit! Sehen wir uns einmal die Geschichte des 19. Jahrhunderts an. Waren es denn nicht meistens Juden, die zuerst die überragenden deutschen Geister erkannt und verehrt, sich voll Aufopferung in ihren Dienst gestellt haben, um ihnen zu Anerkennung und Ruhm zu verhelfen? Wirren es nicht jüdische Frauen in Berlin, die mit schwärmerischer Verehrung an Goethe hingen, als man ihm noch, verständnislos und feindlich gegenüberstand? Wer war es denn, der Schopenhauers Bedeutung zuerst erkannte und seinen Ruhm verbreiten half? Juden waren es: Afher und Frauenstaedt. Lange bevor man noch das Blut als literarisches Wertkriterium erkannt hatte, lange bevor der Serologe der deutschen Literaturgeschichte Adolf Bartels auf einen Hebbel die Aufmerksamkeit lenkte, war es der Jude Kuh. der als Freund Hebbels eine begeisterte Monographie über diesen deutschen.Dramatiker geschrieben hat, hat Auerbach einen Otto Ludwig verherrlicht und als erster die dichterische Kraft Gottfried Kellers erkannt, haben Juden für die Anerkennung Anzengrubers gestritten. Juden waren es, die Richard Wagner unterstützt und zur Anerkennung verhelfen haben. (Der Kapellmeister Levi hat die erste Aufführung des Parsifal geleitet.) Den Gedanken, daß eine Goethegesellschaft zu schaffen nationale Pflicht sei, hat Bernays zuerst vertreten, und Bielschowski verdanken wir heute das beste und das am meisten gelesene Buch über Goethe. Das sind die Juden, denen man Mangel an voreeuudia oorwirft! (Beifall.) Meine Damen und Herren, davon will ich nicht reden,, daß gerade die Juden es find, bei denen, die. Schätzung des Gerstigen sich als alte Tradition noch am stärksten erhalten hat. Will auch davon nicht reden, was ja genugsam bekannt ist, daß ohne das jüdische Publikum deutsche Schriftsteller kaum bestehen könnten, und daß ebenfalls die Juden es sind — das ist oft genug bemerkt worden —, die stets bereit sind, die nötigen materiellen Hilfsmittel den geistigen Bestrebungen zur Verfügung zu stellen. (Bravo!) Meine Damen und Herren, was ergibt sich aus dieser unserer Betrachtung der Tatsachen? Welche Richtung und welche Richtlinien ergeben sich für unser künftiges Verhalten? Ich ging davon aus, daß es eine allgemein verbreitete Zeitmeinung sei, daß Deutschtum und Judentum sich gegenseitig ausschließen. Ich zeigte Ihnen, daß die Juden substanzbildende Kräfte dem deutschen Geiste zugeführt haben, daß sie in dem Geiste spezifisch deutscher Wissenschaft fördernd gearbeitet haben, daß sie die Vermittler deutscher Bildung sind. Judentum und Deutschtum sind daher nur dann Gegensätze, wenn man unter Deutschtum das versteht, was ein moderner österreichischer Dichter als „Knüppel-Deutschtum" bezeichnet hat. (Sehr gut!) Knüppel-Deutschtum und Judentum, das geht allerdings nicht zusammen. Deutsch, das bedeutet ja nicht der Zufall der Geburt, deutsch, das bedeutet nicht die Rasse — Wilamowitz hat sich scharf dagegen ausgesprochen —, sondern deutsch ist, nach Wilamowitz, ein Mensch der die Kultur unserer großen Dichter bewußt oder unbewußt als ein Element in seiner Seele trägt. Und deutsch in diesem tieferen Sinne sind wir deutsche Bürger jüdischen Glaubens. Wir Juden sind nicht Zerstörer des Deutschen, wir sind Erhalter des Deutschen (Beifall), Erhalter des Deutschen in jenem edleren Sinne, daß deutsch so viel heißt wie Idealismus, daß deutsch so viel heißt wie Gerechtigkeit, daß deutsch so viel heißt wie Schätzung des Geistes, Schätzung der geistigen Werte. Sofern sind wir Deutsche, sofern in uns dieses Wort des deutschesten der Philosophen nachzittert, dieses Wort Kants, in dem die ganze Wucht des Alten Testaments zu spüren ist: „Wenn die Gerechtigkeit untergeht, so hat es keinen Wert mehr, daß Menschen auf Erden leben". Innere Wesensverwandtschaft habe ich das genannt und nicht Zufall, innere Wesensverwandtschaft, denn, meine Damen und Herren, was wir für das deutsche Geistesleben bedeutet haben und bedeuten, das bedeuten wir nicht, obschon wir Juden sind, das bedeuten wir, weil wir Juden sind. (Lebhafter Beifall.) Das bedeuten wir, sofern in unseren Häusern edle, reine Sitte herrscht, sofern wir unser Leben beugen unter letzte, göttliche Vorschriften, sofern in uns das Beste des deutschen Idealismus wirksam und lebendig ist. — (Starker, anhaltender Beifall.)- Die Parsen Indiens behaupten, daß das Feuer, das sie in ihren Tempeln unterhalten, von dem Feuer herstammt, das einstens Zoroaster vor 4000 Jahren in Persien angezündei hat. Mit größerem Rechte behaupten wir deutsche Juden, daß das Feuer, das in unserer Seele brennt, von jenem Feuer stammt, das einstens am Sinai leuchtete, von dem Feuer, das im Herzen eines Jesaias emporloderte, von dem Feuer des Alten Testamentes, das die Völker Europas ergriffen hat. Das Feuer, das in unserer Seele flammt, ist ein Teil jenes Feuers, das die Seele eines Luther, die Seele eines Kant durchglüht hat. Und solange dieses unser jüdisches Feuer in uns brennt und lebendig ist, solange sind wir nicht nur dem Namen nach, sind wir nicht nur dem Zufall nach Deutsche, wir sind dem Wesen, dem Geiste, wir sind dem Schicksal nach Deutsche! (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Korrespondenzen. Los von Tirol!! > Wir erhalten in dieser Angelegenheit noch, folgende Zuschrift: Innsbruck, 20. Juli 1912; Geehrte Redaktion! Aus der Hinterbrühl hierher zurückgekehrt, finde ich in den in meiner Abwesenheit eingelangten Nummern! Ihres einflußreichen Blattes einen Leitartikel, mit „Los von Tirol" aberschrieben, der nach meiner Ansicht weit über das Ziel schießt. Wenn wir Juden von anderen Gerechtigkeit fordern, so müssen wir selbstverständlich selbst gerecht urteilen, es geht aber billigerweise nicht an, wegen eines antisemitischen Ortes gleich ganz Tirol mit dem Banne zu belegen. Richtig ist, daß sich jeder Jude von Charakter von „Kitzbühel" ferne halten sollte und Zwar SomMer und Winter, obwohl ich ganz gut weiß, daß die Bewohner und Gasthofbesitzer Kitzbühels ihrer Mehrzahl nach auch nicht judenfeindlich gesinnt sind. Die galnze Bewegung geht dort vom Bürgermeister Reisch und einigen deutschradikalen Eemeinderäten aus. Nachdem nun tatsächlich aus den ausgegebenen offiziellen Prospektes dieses Ortes zu entnehmen ist, daß dort Judenfamilien nicht erwünscht sind, so bleibe man einfach' weg: gibt es doch zahlreiche Orte in Tirol, wo man ebenso schön und ebenso gut einen Urlaub angenehm verbringen kann. Aber im ganzen übrigen Nord- und Südtirol kenne ich keinen einzigen. Ort, wo man Iudenfamilten nicht gerne aufnähme, und sind die Sommerfrischen von Zillerthal, Brirlegg, Jnns-- bruck, Jgls, Lausersee, Mieders, Fulpmes, Matrei, Steinach, Brenner, Gosso'nsaß, Gröden, Pustertal, Ampezzo,