Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 30 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 30 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 503 Meine Damen und Herren, notwendige Wahlverwandtschaft: das ist der Schicksalsspruch, der über deutschem und jüdischem Geiste schwebt. Und wenn wir heute Spinoza lesen und erleben, so erleben wir ihn a travers Goethe. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Wendung zum Realismus erfolgt. Naturwissenschaft und Technik haben aus dem Volk der Dichter und Denker ein Volk von königlichen Kaufleuten gemacht. Was die Juden hierfür bedeutet haben, das zu erörtern gehört nicht zu meiner Aufgabe. Es ist auch genugsam bekannt. Aber eins möchte ich doch nicht unerwähnt lassen. Die spezifisch deutsche Art der Wissenschaft, die besonders in den Geisteswissenschaften zutage tritt, finden wir gerade bei den jüdischen Gelehrten in ausgeprägtester Weise. Deutsche Art der Geisteswissenschaften nenne ich jene Art der Behandlung und Gestaltung der Wissenschaft. die sich nicht begnügt mit einem Anhäufen von Tatsachen, sondern die letzte spekulative Gesichtspunkte aufsucht und eine philosophische Verarbeitung des wissenschaftlichen Materials anstrebt. In solcher Weise ist, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Steinthal verfahren, ein Mann, der auf Paulsen und auf den Pfarrerssohn Glogäu einen tief nachwirkenden Einfluh ausgeübt hat, Steinthal, der mit Lazarus zusammen die Disziplin der Völkerpsychologie geschaffen hat. Ich erinnere ferner an Ludwig Traub, der die Philologie des mittelalterlichen Latein begründet hat, an einen Mann wie Julius Oppert, der als Jude in Deutschland keine Stellung bekam, nach Paris ging und dort als einer der ersten die assyrischen Keilinschriften entzifferte und die Disziplin der Assyriologie mitbegründen half. Ich erinnere — einerlei, wie man sich zu ihm stellt — an Marr, der für die Nationalökonomie des 19. Jahrhunderts die große prinzipielle Wendung bedeutet. Ich erinnere an die Gebrüder Bernays. die für die alte und neuere Philologie Epochemachendes geleistet haben. Und ich erinnere an einen Mann wie Benfey, den Begründer der vergleichenden Märchenforschung. Ich erinnere an Lassalle, den Verfasser der Werke über Heraklit und über das „System der erworbenen Rechte",, schließlich an einen philosophisch so tiefgebildeten Juristen wie Iellinek. Das sind nur willkürlich herausgerissene Beispiele von Juden, deren wissenschaftliche Leistungen in dem spezifisch deutschen Geiste der Wissenschaft gehalten sind. Solche Leistungen lassen sich nicht mehr auf äußere Anpassung zurückführen. Vor solchen Leistungen müssen alle Ankläffungen verstummen, mit denen Zufallsdeutsche sich gegen Juden wenden, die dem innersten Herzen und dem Geiste nach Deutsche sind. (Bravo!) Noch eins möchte ich hier nebenbei erwähnen. Die deutsche Vildungsgeschichte läßt sich nicht schreiben, ohne der Bedeutung der Pfarrerssöhne für das deutsche Geistesleben zu gedenken. Meine Damen und Herren, diq deutsche Bildungsgeschichte läßt sich auch nicht schreiben, ohne der Bedeutung zu gedenken, welche den Söhnen der deutschen Rabbiner zukommt, denn eine Fülle der großen deutschen jüdischen Männer der Wissenschaft und der Philosophie entstammt dem Hause von Rabbinern. Aber, meine Damen und Herren, damit ist das Verhältnis deutschen Geisteslebens zu den Juden noch nicht erschöpft. Die Juden haben nicht nur dem deutschen Geistesleben substanzbildende Kräfte zugeführt. Die Juden sind auch gleichzeitig die Zirkulationsorgane des deutschen Geisteslebens, die Mittler, die Vermittler. An sich ist das etwas durchaus Wertvolles, ist es etwas, ohne das das deutsche Geistesleben gar nicht auskommen könnte. Hier über nun setzt ein schwerer Vorwurf ein. Man sagt, diese Art der Vermittlung ist das einzige, was eigentlich jüdischer Geist leisten kann, und man hebt aus her unübersehbaren Fülle der Leistungen nur eine einzige heraus: die journalistische Leistung der Juden. Man behauptet, nur die Arbeit des Journalisten ist die dem jüdischen Geiste angemessene: woraus man dann eine Unzulänglichkeit jüdischen Geistes überhaupt folgert. Nun ist an sich die Tätigkeit dieser leichter geschürzten Geister, die vom Tage und für den Tag arbeiten, durchaus notwendig und ehrenvoll. Aber man tut ihnen Unrecht, wenn man ihre Arbeiten mit denen. der Gelehrten vergleicht. Und das geschieht, wenn man die Leistungen jüdischer Journalisten etwa mit denen bedeutender deutscher Philologen oder Historiker zusammcnstellt, und dann sagt: der jüdische Geist ist oberflächlich, ungenau, flattert von einem zum anderen: seht euch nur unsere gründlichen deutschen Gelehrten an! Eine bewußt falsche Methode wird eingeführt, um hier Werturteile zu fällen, die auf falscher Vergleichung beruhen. Man vergleiche den jüdischen Journalisten mit dem christlichen. Man vergleiche den jüdischen Philologen mit dem christlichen, den jüdischen Juristen mit dem christlichen Juristen! Das sind Vergleichungsmaßstäbe, die zeigen würden, daß jüdischer Geist nicht einfach gleichbedeutend ist mit Journalistik. Wir haben dasselbeRecht, wie die anderen, daß wir nach den großen ewigen Trägern des Geistes beurteilt werden und nicht nach denjenigen, die im ernsten, verantwortungsvollen Berufe für den Tag gezwungen sind, zu arbeiten. Nebenbei: wer will leugnen, daß in der Journalistik Unerfreulichkeilen Vorkommen? Sie sind aber auf beiden Seiten vorhanden und werden von den besseren Elementen auf beiden Seiten bekämpft. Unerfreulichkeiten gibt es in jedem Berufe und in jedem Stande. Aber die sogenannten destruktiven Tendenzen des jüdischen Geistes! Nun. meine Damen und Herren, dieser Vorwurf, den Sie immer wieder lesen können, ist durchaus hinfällig. Waren es Juden, die die christlichen Glaubenslehren zerpflückt haben? Waren Männer wie Paulus. Bauer. Strauß, Feuerbach, Schopenhauer, Kalthof, Drews, waren diese Männer etwa Juden? Waren die Begründer des Materialismus, der wie eine Seuche durchs deutsche Volk ging, war ein Vogt, ein Moleschott, Büchner, Haeckel - waren das Juden? Juden waren es nicht. Denn zu gleicher Zeit, wo von deutschen Männern der Materialismus propagiert worden ist in Schriften, die eine unerhört hohe Anzahl von Auflagen erlebten, wirkten an den deutschen Hochschulen jüdische Denker, in denen das Beste des deutschen Idealismus lebendig war. Diese Juden waren Anhänger Kants und Herbarts, waren und sind, wie Jonas Cohn und Lask Verteidiger und Wortführer Fichtes. Sie sind Anhänger und Weiterbildner von Schelling, wie Prof. Joel in Basel. Und mit dem Vorwurf der destruktiven Tendenzen verbindet sich jener weitere: dem Juden fehlt es an vereeunäia, an Ehrfurcht. Sie wissen, von Schopenhauer ist dieses Wort geprägt worden und hat seine Stelle im Schlagwörterlerikon des Antisemitismus gefunden. Meine Damen und Herren, ich muß bei diesem Vorwurf Schopenhauers immer an einen alten jüdischen Spruch denken: daß jeder das am meisten an anderen tadelt, was ihm selbst am meisten anhaftet. (Sehr richtig!) Ein Schopenhauer wirft den Juden Mangel an v^reeunclia vor! Ein Schopenhauer, der einen Fichte. Schelling und Hegel mit häßlichem Hohn überschüttet hat, ein Schopenhauer, der seine Mutter und seine Schwester in geradezu gemütsroher Weise behandelt hat! Und zu Schopenhauer kommt nun Dühring, der den gleichen Vorwurf: Mangel an vereeuuäia gegen die Juden erhebt. Dühring, der von einem Bismarck gesagt hat: 77 ° o Hallunke und 23 °/o Charlatan, der an keinem der großen deutschen Dichter Lessing, Goethe, Schiller auch nur ein gutes Haar läßt und sie alle in