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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-07-26 · 30 (26.7.1912) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
30 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 502 Dr. Blochs Wochenschrfft Nr. 30 Das berrische Geistesleben und die Juden.*) Vortrag von Prc-fcssor Dr. G o l b ft e t n. (Schluß) Meine Damen und Herren, die theologische Epoche des deutschen Geistes wird abgelöst durch die Aufklärung, durch jene Bildungsepoche, die da versucht hat, vom menschlichen Verstände aus, von dem sogenannten gesunden Menschenverstände aus Welt, Leben, Politik und Gesellschaft neu zu organisieren. Und jetzt im 18. Jahrhundert, in der Bildungsepoche der Aufklärung haben wir nicht nur den durch die Bibel indirekt wirkenden Einfluß des jüdischen Geistes, nein, jetzt treten zuur ersten Male geistesgebietende, jüdische Menschen gebend und nehmend in die deutsche Geistesgeschichle ein. Ich nenne zuerst den Freund Lessings und Kants: Moses Mendelssohn. Ihn bezeichnet Zeller in seiner „Geschichte der deutschen Philosophie" als „den edelsten Vertreter der deutschen Ausklärungsphilosophie". Mendelssohn hat das Beste seines Wesens und der deutschen Aufklärung in unvergänglichen Schriften niedergelegt, in Schriften, in denen zum ersten Mal die deutsche Sprache ein geschmeidiges Werkzeug des philosophischen Gedankens geworden ist. Wenn man daran denkt, daß man bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hinein es für unmöglich hielt, in deutscher Sprache philosophische Gedanken zum Ausdruck zu bringen, daß ein Leibniz in einer besonderen Schrift verlangte, man solle doch versuchen. in deutscher Sprache zu schreiben, ja, daß Lessing mit dem Gedanken gespielt hat, Laokoon in französischer Sprache zu schreiben, weil er glaubte, daß nur die französische Sprache sich eigne für Knappheit der Darstellung. für Klarheit der Gedanken, dann muß man es geradezu als ein nationales Ereignis bezeichnen, daß es Mendelssohn war, der die deutsche Sprache für die schwierigen Gegenstände der höchsten Betrachtungen wieder verwendet hat. Und wie ist Sprache und Stil Mendelssohns bewundert worden von seiner Zeit! Kant hat den Ausspruch getan: Wenn die Muse der Philosophie sich eine Sprache erkiesen würde, so würde sie die Sprache Mendelssohns wählen. Und nun setzt, nachdem die deutsche Aufklärung die Massen erfaßt hat, die Ueberwindung der Aufklärung durch Kant ein. Kant bedeutet nicht nur, daß eine neue Schulphilosophie zur Geltung kommt. Kant bedeutet ein nationales Ereignis des deutschen Geistes. Kant bedeutet die Gedankenwelt Schillers, Kant bedeutet die sittliche Begeisterung der Freiheitskriege, Kant bedeutet, daß zum ersten Mal der deutsche Geist den philosophischen Wettflug nimmt. Und, meine Damen und Herren, wer waren die ersten Anhänger, die Freunde, die Verkünder Kants? Juden waren es! Markus Hertz, Friedländer, Bendavid; Salomon Maimon, ein armer eingewanderter polnischer Jude, ist von Kant selbst als der bedeutendste und verständnisvollste unter allen seinen Kritikern anerkannt worden. Salomon Maimon war es, der die Entwicklung zu Fichte angebahnt hat. Und Schleiermacher macht einmal die Bemerkung, daß am Anfang des 19. Jahrhunderts jeder fünfte jüdische Familienvater Kantianer war. Und als dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Ruf laut wurde, zurück zu Kant! — um sich vor dem Materialismus zu retten da war es wiederum ein Jude, unser allverehrter Hermann Lohen, der die geniale Neu- und Nachschöpfung Kantischer Gedanken vorgenommM hat und der Kant wieder zu einem Lebenselement des deutschen Geistes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gemacht hat. *) Vortrag, gehalten auf der Hauptversammlung des Verbandes der Deiüschen Juden am 5. November 1911. Ist es Zufall, daß Kant und die Juden so eng miteinander verknüpft sind? Ist es Zufall, daß der größte der deutschen Philosophen einen so begeisterten Widerhall, ein solches Verständnis bei den Juden gefunden hat? Es ist kein Zufall, denn in den tieferen Zusammenhängen des Geistes gibt es keinen Zufall und gibt es nicht das, was man beliebt, als äußere Assimilation zu bezeichnen. Zufall ist es nicht, sondern innerste Verwandtschaft des Kantschen Geistes mit dem jüdischen Geiste. Hinter dem rein Technischen der Kantschen Philosophie liegt der gleiche Urgedanke der Menschheit, der im Alten Testament und seinen Propheten zum ersten Mal in voller Macht sich offenbart hat: Die sittliche Idee. In der sittlichen Idee, in der Pflicht, in der Gerechtigkeit kündet sich der tiefste göttliche Kerngehalt des Universums. Die kosmische Bedeutung des Ethischen: in diesem Gedanken liegt die innere Verbindung zwischen Kant und dem Judentum. Aus dem gleichen ethischen Spiritualismus stammt bei beiden die Schätzung der sittlichen Persönlichkeit als des höchsten Wertes der Wirklichkeit. „Das moralische Genie unter den Völkern", so hat Nietzsche die Juden genannt, und wenn Sie wollen, kann man sagen, Kant ist das moralische Genie unter den Philosophen. Eine innerste Wahlverwandtschaft liegt hier vor, eine Wahlverwandtschaft, die gleichzeitig jüdischen Geist und deutschen Geist in unauflöslichster Verknüpfung zeigt. Und nun geht die geistige Bewegung wiederum einen Schritt weiter, denn Geist und Kultur ist Unruhe, ist schöpferische Entwicklung. Es kommt die Epoche der Romantik und mit ihr der spekulative Idealismus eines Fichte, Schelling und Hegel. Dieser spekulative Idealismus gilt als „deutsche" Philosophie im auszeichnendsten Sinne des Wortes. Und Romantik und' spekulativer Idealismus' stehen unter der Einwirkung eines geistesgewaltigen Juden. Spinoza ist es, der hier zu neuem Leben erwacht, er, der über ein Jahrhundert wie „ein toter Hund" behandelt worden ist, wird jetzt gefeiert, erkannt, und nicht nur erkannt, erwirb geschätzt, verehrt, geliebt. Schlegel schreibt einmal: „In der Tat, ich begreife kaum, wie man ein Dichter sein kann, ohne Spinoza zu verehren, zu lieben und ganz der Seine zu werden." Und in seinen Reden über die Religion, diesem Werk, das die protestantische Theologie des 19. Jahrhunderts aufs tiefste beeinflußt hat, und das man s. Z. als „verworrenen Spinozismus" charakterisiert hat, bricht Schleiermacher in die enthusiastischen Worte aus: „Opfert mit mir eine Locke den Manen des heiligen Spinoza, ihn durchdrang der hohe Weltgeist, das Unendliche war sein Anfang und Ende, das Universum seine einzige und ewige Liebe." Spinoza wird übergeführt in den deutschen Geist. Wiederum ist es nicht zufällig, das hier im spekulativen Idealismus jüdischer Geist und deutscher Geist zu tieferer Gemeinschaft sich verschmelzen, denn es ist die andere Seite des jüdischen Geistes, die hier Gewalt gewinnt: Sein Einheitsstreben, das alles auf Gott beziehen, alles Einzelne von Gott abhängig machen will. Wie Spinoza im Geiste der jüdischen Religionsphilosophie des Mittelalters alle Dinge aus Gott ableiten wollte, so Fichte, Schelling und Hegel Natur und Geist aus dem Wesen des Absoluten. Gleich der' Bibel wird Spinoza zum Wesensbestandteil deutschen Geistes, Spinoza wird ebenso als deutsch.empfunden wie Shakespeare. Sie wissen alle, welchen Einfluß bei aller Wesensverschjedenheit Spinoza auf Goethe ausgeübt hat. Goethe selbst sagt, um bei aller Verschiedenheit die Wesensverwandtschaft zu betonen : „Geist und Herz, Verstand und Sinn suchten sich mit notwendiger Wahlverwandtschaft, und durch diese kam die Vereinigung der verschiedensten Wesen zustande."

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