Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 30 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021981-3022012--21331-3046419- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 30 Dr. Blochs Vorrechts ausgeschlossen bleiben. Die .-Fremden" — das sind bekanntlich in der Terminologie der rumänischen Gesetzgebung die jüdischen Bewohner des Landes, auch wenn sie bereits seit vielen Generationen in Rumänien ansässig sind. Die Folge dieser Ministerialverordnung wird also sein, daß die jüdischen Studenten nach ein- bis zweijährigem Universitätsbesuch ihre Studien unterbrechen müssen, um "ihrer Heerespflicht zu genügen. Man bedenke, die rumänischen Juden, die unter Fremdenrech! stehen — offne bah sie einem ausländischen Staatsverband augehören — müssen die Pflichten gegen das „Vaterland" strenger erfüllen als die Landeskinder, die sich im ungeschmälerten Genuß aller staatsbürgerlichen Rechte befinden. Zwischen zwei Mühlsteinen. Die Losreihung des Chelmer Gebietes von Polen hat die Juden dieses Gebietes in eine womöglich noch schlechtere Situation gebracht, als die bisherige. Während sie bis jetzt stets mit den Polen gingen und sich auch sehr stark polemisiert hatten, wissen sie jetzt nicht recht, was zu tun, um in Frieden leben zu können. Schon erliefe die offiziöse „Cheltnskaja Ruhj" an die Juden und Deutschen des Chekmer Gebietes eine Mahnung, in welcher die Behauptung aufgestellt wird, daß die Juden der Entwicklung dieses Landes hinderlich feien, und die Forderung aufgestellt, daß die Juden, falls sie nicht haben wollen, dah sie als die Feinde Rußlands angesehen werden, aufhören, polnisch zu sprechen. Die Juden hätten die Aufgabe, in den Dörfern die Russifizierung zu besorgen. Sollten sie dies nicht tun, so würden sie als die gefährlichen Verbreiter des Polentums sich die Konsequenzen selbst zuzuschreiben Haben. Es braucht nicht erst besonders betont zu werden, dah zur selben Zeit die polnisch-nationalen Blätter den Juden bereits den Vorwurf' machen, daß sie im Chekmer Gebiete sich bereits als die Propagatoren der russischen Sprache betätigen und sich wie unverlähliche Fahnenflüchtlinge benehmen. Es ist daher kein Wunder, dah die Auswanderung der Juden aus dem Cheltner Gebiete täglich zunimmt, da sie es satt haben, zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben zu werden. „Vielleicht schon zu spät." Die Petersburger „Rjetfch" berichtet, dah das russische Bildungsministerium an sämtliche Schulinspektoren und Studiendirektoren Rußlands eine Zirkularnote gerichtet hat, in welcher darauf hingewiesen wird, dah in nahezu sämtlichen Schulen des Reiches Flugschriften und Broschüren unter den Schülern verbreitet werden, die sich mit der Kiewer Mordaffäre beschäftigen und in welchen die Juden ganz offen des Ritualmordes beschuldigt sind. Der Bikdungsminister macht darauf aufmerksam. daß eine solche Agitation unter den Schülern unstatthaft sei und fordert die Schulleitungen auf, die energischesten Maßregeln zu ergreifen, durch welche die Weiterverbreitung dieser gefährlichen Druckerzeugnisse verhindert werden könnte. Dieses plötzliche Erwachen der russischen Regierung ist jedenfalls sehr symptomatisch und cs fragt sich bloß, ob es. wie die progressiven Blätter Rußlands meinen, nicht schon zu spät ist. um die schon zu stark vergifteten Seelen der russischen Jugend zu retten. Französische Grabungen im alten Babylon. Aus Konstantinopel wird uns berichtet: Einer Meldung aus Beyruth zufolge ist die französische Wissenschaftliche . Mission mit der Aufgabe betraut worden, die Stelle ausfindig zu machen, an welcher sich die älteste bekannte Hauptstadt des alten Babylon Kisch, Wochenschrift Sette 501 2900 Jahre vor der gegenwärtigen Zeitrechnung, befunden hat. Die vorgenommenen Grabungen sind nicht ohne Erfolg geblieben. Elf große Kisten mit sehr alten Tontafeln und Tonfiguren, religiöse Texte sowie Privatbriefe und Votivgegenstände darstellend, konnten in das Museum von Stambul gebracht werden. Aber wichtiger als diese Kunde ist die Aufdeckung eines großen Temipels von sehr hoher Altertümlichkeit mit sehr interessanter ornamentaler Architektur. Dieser Fund wurde in der: Nähe einer alten Burg gemacht, und die ganze Struktur ist einem Turme ähnlich, wie derjenige von Birs-Nimrond, den der Volksmund den Turm von Babel nennt, mit dem Unterschiede jedoch, dah der neue Fund bedeutend besser konserviert ist. Die Auswanderung aus Palästina. Das orthodoxe Organ der Juden im Elsaß, das jüdische Blatt, enthält folgenden Bericht über die Lage in Palästina: Eine der traurigsten Erscheinungen, die das aktuelle Leben in Palästina, besonders in Jerusalem, aufweist, ist die jüdische Auswanderung. Eine Generation hat sich abgemüht, nach und nach Palästina mit Juden zu besiedeln. Langsam schritt die Arbeit fort. Doch es gab immerhin keinen Stillstand oder keinen Rückschritt. Nach und nach fügte sich ein Stein nach dem anderen in das Gebäude, das wir freudigen Mutes erstehen sahen. Doch was müssen wir jetzt sehen? Der Bankerott vieler Anstalten, die Krisis, die Teuerung, die Brände, die Jerusalem heimgesucht haben, all dies hat viele Existenzen besonders in Jerusalem vernichtet, die jungen Leute sahen keine Zukunft vor sich, einer wandert aus nach dem andern, bald wird Jerusalem nur noch ein einziges Altersversorgungsheim sein, wenn es so weiter geht. Dazu kommt noch die durch den Krieg herbeigeführte Aushebung. Kurz, alles trifft zusammen, um diese traurige Auswanderungsepidemie zu beschleunigen und zu fördern. Man schätzt, dah in den sechs Wochen seit Pessach 1000 Juden aus Jerusalem ausgewandert sind: aber die Auswanderung beschränkt sich nicht auf Jerusalem, auch andere palästinensische Städte, wie Tiberias, Jaffa u. a. m., werden von diesem Weh betroffen. Denn ein Weh und ein Jammer ist es, zu sehen, wie alle Mühen von fast 30 Jahren fast umsonst sein sollen, wie die Not der Zeit das ganze Werk bedroht, an dem alle Palästina-Freunde, die Chowewe-Zion, die Chaluka, die Zionisten usw., jeder nach seiner Art, gearbeitet haben. Es müßte die Aufgabe aller aufrichtigen Pa,- lästina-Freunde fein, diesem Uebel zu steuern und Mittel und Wege zu suchen, die Auswanderung aus Palästina hintanzuhalten. Ein gewisser Ausgleich gegen die Auswanderung wird durch die Einwanderung der Jemeniten in Palästma geboten. Diese leiden sehr unter dem Drucke des Imam Iahia, der der türkischen Zentralregierung so viel zu schaffen machte. Sogleich nach Einführung der Konstitution durch die Jungtürken hielten es die Jemeniten mit den Türken. Jetzt, nach dem Friedensschluß zwischen dem Imam und den Jungtürken, muhten die Jemeniten für ihre den Türken bewiesene Treue büßen. Der Imam Iahia legte ihnen unerträgliche Steuern auf und bedrückt sie nach bekannten Rezepten. Viele haben ihre Existenzen verloren, viele andere retten, was noch zu retten ist, kommen nach Palästina, wo sie sich glücklich fühlen, durch Arbeit ihr kümmerliches Dasein zu fristen. Die meisten von ihnen sind sehr arm, sie sind aber arbeitswillig. Nur verschmähen es die Kolonien, sie zur Arbeit anzulernen, oder sie können dies mit ihren geringen Mitteln nicht. So kommt es, daß diese Jemeniten das Elend in Palästina vermehren.