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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-07-26 · 30 (26.7.1912) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
30 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 498 Nr. 30 Dr. Müchtz Streben nach den letzten Erkenntnissen, der innere Friede im Lande hat das moderne Japan geboren. Was aber sehen wir in vielen Staaten der angeblich höheren, der weißen Kulturrasse? Boykott, innerer Zwist, Verfolgung, Rückständigkeit, Gesinnungsstempel — den ganzen chinesischen Zopf, an dem so viele Reiche — vielleicht auch ein bekanntes — nach rückwärts gezogen werden. Vielleicht werden die Staatsmänner aber an den kolossalen und schlagenden Beispiel Japans etwas lernen. Jüdische Bergarbeiter. Von Siegfried Wiener-Kattowitz. Es find jetzt gerade 2V3 Jahre her, daß zuerst der Gedanke bei uns auftauchte, jüdische Bergarbeiter in den schlesischen Gruben zu beschäftigen. Ein Erpösö, das ich an sämtliche in Betracht kommende jüdische Organisationen, also Deutsch-Israelitischer Gemeindebund, Freie Vereinigung, Großloge und Hilfsverein, richtete, hat überall begeisterte Ausnahme gefunden. Wir haben nun im stillen weitergearbeitet, und während wir früher daran dachten, Arbeiter aus den galizischen Bergwerksdistrikten, die nur einen kümmerlichen Lohn verdienen, hc ranzuziehen, sind wir davon abgekommen, da wir es für zweckmäßiger halten, Leute, die gar nichts verdienen, also der öffentlichen Unterstützung zur Last fallen, oder aus Scham, diese Unterstützung anzunehmen, langsam verhungern, hier unterzubringen. Ich darf es wohl als selbstverständlich betrachten, daß niemand annimmt, wir wollten für irgendwelche ma 1er ie lle Vorteile den Gruben jüdische Bergarbeiter schaffen. Ob die Gruben Arbeiter haben oder nicht, ist uns ziemlich gleichgiltig. Vorteile haben wir allerdings davon, aber nur ideelle, da wir das Bewußtsein haben, armen, gequälten, arbeitsfreudigen Menschen zu helfen. Materiell haben wir Lasten an Zeit und Geld. Die Sorgen des Herrn Dr. Theilhaber. welche er in der „Welt am Montag" geäußert hat, wegeH Streik usw. sind doch eigentlich mehr die Sorgen der Sozialdemokraten. Wenn diese nichts darin finden, so brauche Herr Dr. Theilhaber wirklich kein Obersozialdemokral zu sein. Tatsächlich sind die oberschlesischen Arbeiter sehr zufrieden damit, da die jüdischen Arbeiter z u n ä ch st nur als Hilfsarbeiter angenommen werden. Der gelernte Bergarbeiter begrüßt es bei dem derzeitigen Mangel an Hilfskräften — ein Mangel, der von Tag zu Tag sich steigert, — nur freudig, wenn er seine gutbezahlte Akkordarbeit fortsetzen kann und ihm ausreichend Hilfsarbeiter zur Seite stehen. Die Sache ist nämlich folgende : Der gelernte Bergarbeiter (Häuer genannt) sprengt und haut die Kohle. Er hat etwa fünf Schlepper (Hilfsarbeiter) zur Seite, welche die Kohle aufladen, so daß der Häuer in seiner Arbeit nicht gestört ist. Hat nun der Häuer nicht genügend Hilfskräfte zur Seite, so muß er unnötige Pausen machen, oder selbst zugreifen und büßt dadurch an seiner besser bezahlten Häuerarbeit ein. Nun zur Streikgefahr. Wenn man als Streik das plötzliche, ungesetzliche, weil ohne Einhaltung der Kündigungsfrist erfolgte Einstellen der Arbeit bezeichnet, so ist es allerdings wahr, daß wir zu ungesetzlichen Maßnahmen unsere Hand nicht bieten werden und daß die ausländischen Arbeiter tatsächlich Gefahr laufen, bei ungesetzlichem Verhallen mit den Behörden in Konflikt zu geraten. Das ist dann. auch ganz in der Ordnung. Handelt es sich aber um eine gesetzmäßige Einstellung der Arbeit, also unter Einhaltung der vierzehntägigen WochenschrW Kündigungsfrist, so wird ihnen die Behörde kein Haar krümmen. Seit 25 Jahren war in Oberschlesien kein Streik. Das liegt daran, daß. noch nicht 30 Prozent der yberschlesischen Arbeiter organisiert sind, somit also über 70 Prozent keine Streikunterstützung erhalten. Ein Streik in Oberschlesien ist daher in hohem Maße unwahrscheinlich. Bricht aber wirklich ein Streik aus, so streiken vor allen Dingen die gelernten Arbeiter, die Häuer. Wenn diese streiken, so ist die Arbeit der Hilfsarbeiter damit erledigt. Diese feiern und müssen von der Grube beizählt werden. Außerdem haben wir noch keinen Streik gehabt, der vier Wochen gedauert hätte, und für eine 30 Pfennig-Fahrkarte sind die Leute in ihrer Heimat OT russischem oder galizischem Bodenwo sie das Ende des Streiks abwarten können. Brauchen wir uns wirklich den Kopf jetzt zu zerbrechen, was im Streikfalle geschehen soll? Wir werden uns dann schon in Berlin Rat holen. Es ist auch unzutreffend, daß die Regierung die Einwanderung jüdischer Arbeiter begünstigt. Das genaue Gegenteil ist richtig. Die Regierung macht zurzeit allerhand SchwierigkeiLen, die wir allerdings zu überwinden hoffen. Es ist auch unrichtig, „daß die Erubenverwaltungen in ihrer nichtswürdigen Dividendenpolitik jüdisches Menschenfleisch einführen wollen." Wir haben bei den Gruben petitioniert und haben bei diesen allerdings mit Rücksicht auf die Notlage, in der sich auch die Gruben befinden, Entgegenkommen gefunden. Daß die Gruben mit diesen Leuten, die doch an solche Arbeit gar nicht gewöhnt sind, einen Sprung ins Dunkle machen, möchte ich nur nebenbei erwähnen. Tatsächlich haben die Gruben mit.den Leuten große Mühe, sie anzulernen, und etwa 50 Prozent der Leute geben die Arbeit nicht nur aus Mangel an Energie, sondern weil sie unterernährt und der Arbeit nicht gewachsen sind, wieder auf. Tatsächlich bringen auch. die Gruben Opfer, indem sie die Leute von der Arbeit am Sabbath befreien und sie dafür am Sabbath abend Nachtschicht machen lassen, indem sie ferner den Leuten besondere Wohnhäuser zur Verfügung stellen und in diesen nicht nur Schlafzimmer, sondern auch Speiseräume, ferner Räume, in welchen die Arbeiter nach der Arbeit sich durch Lektüre, die wir ihnen zur Verfügung stellen, erholen (die Leute verlangen u. a. die Jüdische Geschichte von Graetz), und' in welchen sie auch ihre gemeinsamen Gebete verrichten. Wir haben jetzt schon einen Stamm arbeitswilliger Leute auf den einzelnen Gruben untergebracht. Die Leute sind glücklich, daß sie sich und ihre Familien auf anständige, ehrliche Weise ernähren können. Am frühen Morgen 4V2 Uhr verrichten die Leute ihr gemeinsames Gebet mit Minjan, bevor sie in die Grube einfahren, und am Abend ebenso. Dazu werden die Leute von uns nicht etwa genötigt, sondern sie tun es so, wie sie es von Haufe gewöhnt sind. Es sind auch jüdische Kantinen eingerichtet, wo die Leute sich in zuverlässiger Weise ihre Nahrungsmittel beschaffen können. Manche verdienen schon bis 4.50 Mark täglich (im Akkord); sie können mit der Zeit bis 6 Mark steigen. An unserer Unterstützungskasse in Kattowitz haben wir die Einrichtung getroffen, daß ein Beamter von uns anwesend ist, der den arbeitskräftigen Wanderarmen anstatt Alvkosen Arbeit zuweist. Das hat fchoy zur Folge gehabt, daß Arbeitsscheue Kattowitz in weh tem Bogen umgehen. Wir haben auch das Problem gelöst, trotz der Sabbathfeier und der Sonntagsruhe den Leuten sechs Tage in der Woche Arbeit zu schaffen. Im übrigen sind die Leute natürlich in Krankheitsfällen versorgt, wie die anderen Arbeiter, bei Betriebs-

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