Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 30 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr 30 Dl*. Bloch’s I«»rs«.smr Zentralocöan kür die gesamten Interessen des Judentums. -n - ■ n- Wien, 26. Juli 1912 Lrscbelnt jeden LreLtag. Brief-Adresse: Wie». IX/i, Hahugasse 15. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. Ou- .. =do p Brxugsprri» für Oesterreich: Q Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Dis2nalgespal- 2 tene Pelitzeile 48 Heller. G O0 - —Q > O (jr— 0 O * Ä. fc. Postspsrstast'rnsmr Q Slearing-Verkebr «r. 810.976. Redaktion und Administration. wirn rx/ir Hahngasse Nr. 15. K Telefon Nr. 14.847. J no ...On Inhalt: Le itartikel: Japau als Muster. — Jüdische Bergarbeiter. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Die jüdische Gemeinde in Athen. Ein toleranter Jude. Ausgewanderte jüdische Städte. Neue englische Funde in Egypten. Jüdische Frauens. ktion des Roien Kreuzes. Eine judenfeindliche Verordnung der rumänischen Regierung. Zwischen zwei Mühlsteinen „Vielleicht schon zu spät/' Französische Grabungen im alten Babylon. Die Auswanderung aus Palästina. — Das deutsche Geistesleben und die Juden. — Korrespondenzen: Los von Tirol. Eröffnung der Ausstellung des „Bezalel" in Karlsbad. Vom jüdischen Bürgerklub in Czernowitz. Die Sabbathruhe der jüdischen Postbeamten in England. Das Denkmal für Herrn und Frau Isidor Strauß. Ableben der ersten jüdischen Kommunalschuldirektorin in Amerika. Vortrag des Bürgermeisters von New-Jork in einer nationaljüdischen Schule. Spende des Königs von Bulgarien für ein jüdisches Kur Hospital. Der offizielle Bericht über die Lage der Juden in Jemen. Eine Konferenz orientalischer Rabbiner. Nationalkonferenz jüdischer Wohlfahrtsorganisationen in Amerika. Ableben eines jüdischen Obersten der Buren-Armee. — Vermischtes. — Feuilleton: Zur Entstehung des „Rabbi von Bacharach". — Palästina- und Orientreisen zu besonders ermäßigten Preisen. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Japa« als Master. Der Mikado Mitsuhito liegt im Sterben. Aus diesem traurigen Anlasse wird die Aufmerksamkeit wieder auf ein Land gelenkt, dessen letzte Geschicke in der Ge-, schichte beispiellos dastehen. Mitsphito war ein Monarch, unter dessen Regierung Japan einen Aufschwung von unerhörter Geschwindigkeit und Höhe genommen hat. Vor fünfzig Jahren war das Reich der aufgehenden Sonne im Range nicht mehr als heute etwa Tibet oder Kuba, wo der geistige und kulturelle Tiefstand der Bewohner die Schuld daran trägt, daß ein Oberst mir einem modernen bewaffneten Regiment oder ein Vizeadmiral mit dem Kommando über zwei geschützte Kreuzer mit der Landesregierung und dem' Regenten nach Belieben umspringen kann. Auch das Verhältnis mäßig zahlreich bevölkerte Persien zeigt, welche Vernichtung durch den versäumten Anschluß an die mvderne Kultur hervorgerufen werden kann. Japan war ebenfalls in diesem traurigen Zustand. Die Schattenkaiser der Tennodynastie waren vollständig in der Hand der Schogune, ihrer Kronfeldherren, welche gar nicht in die kaiserliche Residenz kamen, sondern von Peddo aus, dem heutigen Tokio, das Land ausraubten und fortwährend in blutigen Kriegen steckten, welche teils durch Religionsfehden, teils durch die Aufstände der unterdrückten Klassen, teils durch, den Haß gegen die Ausländes hervorgerufen waren. Das Reich war verarmt und eine Beute jedes ausländischen Geschwaders, das mit offenen Kanonen in einem der Häfen anlegte. Hätte damals Amerika geahnt, daß einmal die Frage um die Herrschaft im Atlantischen Ozean auftauchen würde, so hätte es ganz Japan fast ohne Schwertstreich annektieren können. Heute ist nun die Frage wirklich aktuell geworden, denn das Reich des Mikado hat Weltinteressen bekommen, es ist eine Großmacht und die unberstrittene Vormacht im fernen Osten geworden. Ausgezeichnete Universitäten, Bahn und Post, ein kolossaler Handel, Heer und Flotte im besten Zustande, berühmt durch die Kunst der Diplomaten, die Fähigkeiten seiner militärischen Führer, die Intelligenz seiner Lehrer ist Japan ein Faktor geworden, dessen Hilfe sich die weitsichtige Staatskunst Großbritanniens im Jahre 1902 durch ein Bündnis sicherte, und der eben im Begriffe ist, mit dem mächtigen Rußland auf der Basis der Gleichberechtigung ein Abkommen zu treffen. Fünfzig Jahre vom hilflosen Barbarenstaat bis zur imposanten Großmacht — das ist eine Schnelligkeit, welche einen Rekord bedeutet. Auf der Suche nach den Ursachen des riesigen Aufschwungs stößt man vor allem auf ein natürliches Vergleichsobjekt, auf China. Dieses Reich hat zehnmal mehr Menschen als Japan, zehnmal mehr Reichtümer und vor allem eine zehnmal ältere Kultur. Wie kommt es dann, daß es im Kriege 1904—5 von Japan auf allen Linien besiegt wurde und in jedem Augenblick zerbröckelt werden könnte? Hier sieht man ein glänzendes Beispiel von der Macht des inneren Geistes. China mit seinen Menschenmassen und Reichtümern, mit seiner ägyptisch-alten Kultur war bis zum Ausbruch der letzten Revolution an seinen Zopf gebunden, gefesselt mit Vorurteilen, voll Haß gegen die Fremden, voll Rassenhaß zwischen Chinesen und Mandschus im Lande, voll wütender Fehden der religiösen Sekten. Japan aber hat in den Jahrzehnten seines Aufschwunges mit allen dtesten hemmenden und zerstörenden Tatsachen nichts zu tun gehabt. Der Mikado hat den Aufschwung vor allem dadurch hervorgerufen, daß er das Bekenntnis der Religion vollkommen freistellte und zur Privatsache machte, daß er die Unterdrückung einzelner Klassen der Bevölkerung mit drakonischen Mitteln verhinderte, daß er die Fremden nicht anfeindete sondern in Mengen als Lehrer und Meister ins Land Zog, daß er die vollkommene Gleichberechtigung einführte, den modernsten Schöpfungen Aufmerksamkeit zuwendete und nichts für das Dorwärtskommen im Staate notwendig oder entscheidend war, als die persönliche Tüchtigkeit. So blieb für die Interessen der Japaner nur der positive Teil übrig, der Ehrgeiz der Einzelnen und die Vaterlandsliebe aller, die nach dem Größten trachtete, um alle zu erhöhen. Die vollkommenste Freiheit, die restlose Demokratie, die Gleichheit aller vor dem Gesetze, Mangel an jedem Vorurteil,