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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-07-19 · 29 (19.7.1912) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
29 (19.7.1912)
Date
1912-07-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 488 Nr. 29 Dr. Bkochs Wochenschrift Die Bibel war gleichzeitig das gemeinsame Bildungsmittel aller Stände durchs mindestens zweieinhalb Jahrhunderte hindurch. Sie war Autorität und Norm; sie enthielt die letzte Wahrheit über Sein und Leben. Sie war die belebende Atmosphäre, war Mythos und dichterischer Stoff, aus dem die Dichter ihre Intuitionen schöpften, die Künstler ihre Gestalten und Bilder schufen. Sie war soziales und politisches Ferment. Es gibt keine geistige, keine politische, keine soziale Bewegung im 16. und 17. Jahrhundert, die von der Bibel nicht beeinflußt worden wäre. Sie war ein Buch der Erbauung, ein Buch!, mit hem man geboren wurde, und ein Buch, mit dem man starb: sie war gleichzeitig ein Buch, mit dem die Kinder erzogen wurden. Noch Goethe bekennt: „Ich für meine Person halte die Bibel lieb und wert, denn fast ihr allein verdanke ich meine sitt' liche Bildung, und die Begebenheiten, die Lehren, diej Symbole, die Gleichnisse — alles hatte sich bei mir tief eingedrückt und war auf die eine oder andere Weise wirksam gewesen". Und noch gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als eine allgemeine weltliche Literatur schon längst vorhanden war, als die sogenannten moralischen Schriften und Wochenschriften den Markt überschwemmten. schreibt Lichtenberg jene äußerst charakteristischen Worte: „Die unnützesten Schriften in unseren Tagen scheinen die moralischen zu sein, nachdem wir die Bibel haben. Man möchte fast den Ausspruch des Kalifen Omar bei dem Brande der Alerandrinischen Bibliothek gebrauchen: Entweder sie enthalten, was in der Bibel steht, und dann sind sie unnütz oder sie sind dawider, und dann muß man sie verbrennen." Und in der großen deutschen Tonkunst eines Bach und Händel fluten uns in den Klangwellen Worte der Bibel, Worte des Alten Testamentes entgegen. „Erst fit Handels Musik", schreibt Nietzsche einmal, „erklang das beste von Luther und seiner Verwandten Seele: der große jüdischheroische Zug, welcher die ganze Reförmationsbewegungi schuf." Und dann, meine Damen und Herren, im 18. Jahrhundert, als ein neues Zeitalter anbrach, hat Herder die Bibel in seiner Schrift „Vont Geiste der hebräischen Poesie" aus einer starr gewordenen Theologie hinübergerettet in die Literatur. Die Bibel ist durch Herder zur Lebensbegleiterin der deutschen Weltdichter und Weltdeuter geworden. Die Bibel ist in den Wesensbestand der großen deutschen Persönlichkeiten am Ende des 18. und am Beginn des 19. Iahrhunderts übergegangen. Als Kant sein 70stes Lebensjahr erreichte, da vermag er seiner Feierstimmung keinen tieferen Ausdruck zu geben, als nrit den Worten des Psalmisten: „Des Menschen Leben währet 70 Iahre, und wenn es hoch kommt, so sind es 80 Jahre, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen". — — _ (Fortsetzung folgt.) Ikorrespondenzen. Gemeindierat Mar Frank — gestorben. In St. Ulrich im Erödental in Tirol ist der Kultusvertreter und Gemeinderat der Stadt Wien, Herr Mar Frank, am 11. d. M. im Alter von 49 Jahren plötzlich gestorben. Gemeinderat Frank hatte sich, wiewohl er erst seit kurzer Zeit dem öffentlichen Leben Wiens angehörte, durch seine Begabung, durch die seltene Hingebung, mit welcher er sich seinen Aufgaben widmete, und nicht zuletzt durch sein liebenswert distinguiertes Wesen zu einer populären und in allen Lagern geachteten und gern gesehenen Persönlichkeit gemacht. Geboren im Jahre 1864 in Böhmen, widmete er sich nach mehreren Auslandsreisen dem kaufmännischen Berufe und kam als Gesellschafter der Firma Josef Jerusalem nach Wien, an deren Spitze er bis vor drei Jahren verblieb, um welche Zeit er sich von dem Geschäfte zurückzog. Er hatte eine umfassende Bildung genossen, die ihn neben seiner beruflichen Tätigkeit in hervorragendem Maße auch zur Teilnahme an so manchen auch die Oeffentlichkeit heute tiefbewegenden Fragen qualifizierte. Ein genauer Kenner des modernen Wohlfahrtswesens, das er theoretisch wie praktisch sorgfältig studiert hat, befaßte er sich intensiv namentlich mit den so vielfältigen Problemen der Kindererziehung und Kinderfürsorge. Es gibt unter den in den letzten zwanzig Jahren einschlägigen Instituten und Vereinen nur wenige, bei deren Gründung er nicht Pate gestanden wäre oder die nicht irgend einmal in verwickelten Situationen durch seinen kundigen Bar auf den Weg verwiesen worden waren, dem die richtige Lösung zu verdanken war. Ebenso gehörte er, und zwar immer in der Rolle eines treuen und förderlichen Ratgebers, der Leitung des Rothschildspitals und einer ganzen Reihe anderer humanitärer Institute an. 'Seit dem Jahre 1905 Vorstandsmitglied der israelitischen Kultusgemeinde, führte er in derselben das Budgetreferat. Er gehörte dem Vertreter-Kollegium an und war Mitglied der wichtigsten Kommissionen. In den Wiener Gemeinderat wurde er im Jahre 1910 vom ersten Wahltörper in der Innern Stadt gewählt. Im Rathause beschäftigte er sich mit Fragen wirtschaftlicher Natur, und auch als Redner meist mit jenen der städtischen Wirtschaftspolitik, ein Gebiet, auf welchem er wirklich viele und ersprießliche Arbeit geleistet hat. Neben seiner seltenen Vertrautheit mit allen einschlägigen Materien, war es da wiederum feine aus allem stets hervorleuchtende vornehme Gesinnung und sein liebenswürdiges und konziliantes Wesen, welches -bewirkte, daß er auch außerhalb seiner Partei stets den größten Anwert fand. Er sprach nur bei wichtigen Anlässen, aber immer fand sein Wort Beachtung, und zwar bei den politischen Gegnern ebenso sehr, wie innerhalb der freisinnigen Bürgerschaft. Das Leichenbegängnis. Im Beisein einer großen Trauerversammlung fand Sonntag den 14. d. M., 12 Uhr mittags, auf dem Zentralfriedhose sdie Leichenfeier statt. Der Sarg mit der sterblichn Hülle war früh aus St. Ulrich hier eingetrvffen und wurde vom Südbahnhofe direkt auf den Zentralfriedhof gebracht, in der Beisetzkammer der israelitischen Abteilung aufgebahrt und mit dem von der Gemeinde Wien gespendeten Blumenkränze geschmückt. Die zahlreichen Leidtragenden versammelten sich vor dem Beginn der Trauerfeier in der Zeremonienhalle. Es waren anwesend: In Vertretung der Gemeinde der geschäftsführende Vizcbürgermeister Dr. Porzer mit dem Präsioialvorstand-Stellvertreter Magistratssekretär Böttger, Viz Magistralsdirektor Asperger, der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern mit dem Vizepräsidenten Hofrat Dr. .Rapaport und den Vorstandsmitgliedern Dr. Markus Spitzer, Kvffner, kais. Rat Jonas Weil, Adolf Schramek, Dr. Heinrich Schreiber, Dr. Jakob Engel, und Em. Grünwald, Bethausvorsteher Wasservogel, der Beamtenkörper der Kultusgemeinde mit Sekretär kaiserl. Rat Dr. Lieben, Sekretär Dr. Adler, die Gemeinderabbiner Dr. Max Grunwald und Dr. D. Feuchtwang, die Universitätsprofessoren Dr. S. Ehrmann und Gemahlin, Dr. Leopold Königstein, Dr. Ludwig Mandl, Dr. Ludwig Braun und Dr. Julius Neumann, Dozent Dr. Julius Zappert, Reichsratsabgeordneter Friedmann, die kaiserlichen Räte Anninger, Direktor Joseph Freudenberg, Karl Hirsch, Messinger, die Schriftsteller Dr. Joseph S. Bloch, Adolf Gelber und Gemahlin, Sigmund Skrein, Julius Uprimny und Dr. M. Löwy, in Vertretung der Lehrerschaft Religionsinspektor Prof. M. Kanitz, K. Ehrenfest, Vorstandsmitglied der Chewra Kadischa

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