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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-07-19 · 29 (19.7.1912) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
29 (19.7.1912)
Date
1912-07-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. £9 Dr. Mochs Wochei^chrift Seite 487 gewohnt ist, eigentlich nur den Inden zuzuschreibeu: nämlich die Fähigkeit, sich in fremde Voltsgeister hineinzufühlen und hineinzuleben, sich anzupassen, sich einzuschmiegen. Und Nun liegt es so, daß eine der größten typisch deutschen Eeistesbewegungen, die Romantik, gerade diese Fähigkeit in höchstem Maste ofsenbart hat. Die Romantiker haben es verstanden, sich den mannigfaltigen Formen und Inhalten der verschiedensten Rationalliteraturen einzuschmiegen, sie haben die Idee der Weltliteratur, die Goethe geschaffen, zur Wirklichkeit gemacht. Es ist nicht zufällig, daß djie Deutschen die genialste und kongenialste Uebersetzungsliteratur aufwessen können. Und auch hierin berühren sie sich mit den Juden. Vielleicht wäre hier zu erwähnen, daß Juden die erste Uebersetzung der Weltliteratur hervorgebracht haben. Juden waren es, die damals in Alerandr.ien die Septuaginta geschaffen haben. Sie haben das Buch der Bücher in dfe damalige allgemeine Kultursprache übertragen, zum ersten Mal in der Weltliteratur überhaupt eine Uebersetzung großen Stils geschaffen, die in ihrer Wirkung sich vergleich,en läßt mit der Lutherschen Uebersetzung der Bibel. Freilich, auch hieran hat ein gewisses antisemitisches Ressentiment das Verdienst der Juden zu) schmälern gesucht: Es war vielfach Mode geworden, von dem Griechisch der Septuaginta als von einem Iudengriechisch, als von einer Art Jargon zu sprechen. Durch Deißmann ist festgestellt worden, daß das Griechisch der Septuaginta das lebendige Griechisch des Volles war, daß die Juden bei der Ueberse'zung der Septuaginta ebenso verfahren sind, wie Luther bei seiner genialen Uebersetzung: daß sie den Leuten „aufs Maul" gesehen haben, das lebendige Wort festgehalten und für die kommenden Jahrhunderte aufbewahrt haben. Aber auch in malam partem zeigt sich eine gewisse Aehnlichkeit zwischen Juden und Deutschen: dieselben Vorwürfe, die . man .den. Juden macht, sind auch den Deutschen, wenn auch nicht gegenwärtig, so früher gemacht worden. Sie wissen, man wirft den Juden vor, daß sie nur nachahmend tätig sein können, daß bei ihnen ein Mangel an Ursprünglichkeit vorhanden ist. Meine Damen und Herren, dieselbe Beurteilung, die der jüdische Geist heute erfährt, hat der deutsche Geist im 18. Jahrhundert von Männern wie Kant, von Männern wie Lichtenberg empfangen. Ich möchte Ihnen wenigstens die eine Stelle bei Lichtenberg vorlefen — man könnte meinen, sie wäre auf Juden gemünzt —: „Mich dünkt, der Deutsche hat seine Stärke vorzüglich in Originalwerken, worin ihm schon ein sonderbarer Kopf vorgearbeitet hat: oder mit anderen Worten, er besitzt die Kunst, durch Nachahmung original zu werden, in der größten Vollkommenheit. Er besitzt eine Empfindlichkeit, augenblicklich die Formen zu haschen, und kann sein Murki aus allen Tönen spielen, die ihm ein ausländischer Originalkopf angibt." Wenn das heute in einer antisemitischen Zeitung stände, würde man es als allgemeine Charakteristik des jüdischen Geistes anerkennen. Ich lasse dahingestellt, wieweit Lichtenbergs Charakteristik für die Deutschen stimmt. Nur eins: wenn es für die Deutschen nicht stimmt — und ich glaube, angesichts eines Kant und eines Goethe dürfte es nicht stimmen, — dann stimmt es auch nicht für die Juden angesichts eines Spinoza und eines Bergson. Meine Damen und Herren! Bestände diese innere Wahlverwandtschaft zwischen deutschem Geiste und jüdischem Geiste nicht, wie wäre es dann möglich, daß gerade die innigsten deutschen Volkslieder ihre kongenialsten Vertoner in einem Felir Mendelssohn, in einem Arnold Mendelssohn, in einem Gustav Mahler gefunden haben? Wie wäre es möglich, daß gerade Heinesche Gedichte von deutschen Liederdichtern wie Schubert und Schumann zum unvergänglichen Besitz deutscher Liederkunst gemacht worden sind? Wie wäre es möglich, daß ein Mann wie Gabriel Riesser, wie Simson, wie Laster die führende Rolle in der deutschen Politik spielen konnten? Wie wäre es sonst möglich, daß in antisemitischen Blättern und Zeitschriften Juden als Germanen, erfüllt von echt germanischem Geist, gefeiert werden, wenn diese Juden zufällig deutsch, klingende Namen haben, wenn z. B. ein Mann wie Messel in der „Deutschen Geschichte" von Einhardt als „deutscher" Baumeister gefeiert wird? Aber, meine Damen und Herren, das gehört eigentlich nicht direkt zu meinem Thema. Mein Thema lautet: Das deutsche Geistesleben und die Juden. Wieweit sind die Juden mit dem deutschen Geistesleben verwachsen? Wieweit ist das deutsche Geistesleben mit dem Judentum verwachsen? Und hier ergibt sich die erste grundlegende Frage: Was haben die Juden an substanzbildenden Kräften dem deutschen Geistesleben zugeführt? Geistesleben in dem tieferen Sinne, in dem ich es verstehe, ist die Summe jener Erlebnisse, die in ursprünglichen Geistern zum ersten Male sich offenbart haben und die dann als dauernd nachwirkende Bildungsmotive in der Allgemeinheit bewußt oder unbewußt wirksam gewesen sind. Ich wiederhole meine Frage: was haben die Juden an substanzbildenden Kräften dem deutschen Geistesleben zugeführt? Um diese Frage zu beantworten, muß man auf die einzelnen deutschen Bildungsepochen eingehen. Die deutschen Vildungsepochen muß man daraufhin ansehen, was Juden und jüdischer Geist ihnen an Substanzen zugeführt haben. Und da ist nun folgendes zu sagen: die erste deutsche Bildungsepoche ist das theologische Zeitalter. Theologisches Zeitalter bedeutet nicht, daß jeder einzelne Theologie treibt, sondern daß alles, was die Menschen jener Zeit tun und treiben, direkt oder indirekt auf Theologie Bezug hat, daß jeder in seinem innersten Erleben, in seinem intellektuellen Schaffen zu dem theologischen Problem Stellung nimmt. Wie in Italien, in England, in Frankreich die Renaissance es ist, mit der die Neuzeit beginnt, so ist es in Deutschland das religiöse Problem, die Reformation, mit der die Neuzeit anhebt. Einen Shakespeare muß man aus der Renaissance zu verstehen suchen, einen Klopstock hingegen, einen Lessing, einen Herder, einen Kant und einen Fichte, diese deutschen Männer sind nur zu begreifen aus der Reformation. sind nur zu begreifen aus dem Grunderlebnis Luthers. Und was hat dieses Grunderlebnis Luthers ausgelöst? Meine Damen und Herren! Gehen Sie nach Worms, dort steht der mächtige Mann und hält in der Hand wie Zeinen Schatz ein Buch, und dieses Buch ist — die Bibel! Wir Juden haben dem deutschen Geiste die Bibel gegeben — damit allein schon haben wir das geistige Heimatsrecht in Deutschland erworben. (Beifall.) Mit der Lutherschen Bibelübersetzung strömen nun in den deutschen Geist, hinein die Symbole, die Gedanken, die Gleichnisse der Bibel. Die Bibel wird Volksbuch, und bis auf den heutigen Tag ist sie es für die Masse der Deutschen geblieben. Gestatten Sie mir ein paar Worte aus dem Buche eines liberalen protestantischen Theologen vorzulesen. Stade hat in der Einleitung zu seiner „Geschichte des israelitischen Volkes" folgenden Satz geschrieben: „Man kann die Einwirkung israelitischer Gedanken auf die heutige Menschheit an keinem Beispiele besser verdeutlichen, als wenn man sich der Bedeutung erinnert, welche die religiösen Gestalten des alten Israel für unser Volk haben. Für die Masse unseres Volkes ist die biblische Geschichte, die Geschichte überhaupt ... Es empfindet diese Gestalten als Fleisch von seinem Fleisch, als Bein von seinem Bein."

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