Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 29 (19.7.1912)
- Date
- 1912-07-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 486 Nr. ‘-9 Aber glaubt Ihr etwa, daß selbst an Orten, wo sie sich in Sicherheit fühlen würden, man etwas durch sie erreichen kannte? In der Sorbonne ist es jedermann klar wie der Tag, daß die Voraussagungen über den Messias sich auf Jesus beziehen. Md bei den Rabbinern inä Amsterdam ist es ebenso klar, daß diese Voraussagungen nich.t den geringsten Bezug haben auf Jesus. Ich werde insolange den Beweisführungen der Juden keinen Glauben schenken, als sie nicht einen freien Staat mit Schulen und Universitäten besitzen werden, wo sie ohne Gefahr sprechen und diskutieren könnten. Erst dann könnten wir wirklich erfahren, was sie zu sagen haben." Petach-Tikwoh. Seit einigen Wochen haben wir in Kafr-Saba einen jüdischen Beduinen als Wächter. Dieser erzählt, er sei von den Nachkommen Jonadabs ben Rechab. Sein Stamm wohne im Wüstengebiet nördlich (?) von Babel, also wohl in Persien. Er sei ca. 2500 Seelen stark. Feindliche und kriegerische Beziehungen beständen zwischen ihnen und den Araberstämmen. Zuweilen kämen zu ihnen Juden vom Stamme Gad, der ca. 12 Tagesreisen von ihnen entfernt wohne. — Im großen und ganzen stimmen die Minhagim dieses jüdischen Beduinenstammes mit den unsrigen überein. Interessant ist aber, daß er auf mitwn o'ö nicht so sehr achtet, wie auf D'Jruts D'o» Der Beduine spricht Arabisch-Hebräisch. Seine Aussprache ähnelt der jemenischen. Jaffa. Vor einiger Zeit taten sich die jüdischen Kaufleute zusammen, um einen eigenen jüdischen Handelsmarkt zu schaffen. Zu - diesem Zwecke erwarb die Vereinigung von der Jmmobiliengesellschaft „Geula" ein größeres Gelände auf dem Wege nach Telabib. Der neue Markt wird 70 große Verkaufsläden umfaffen. Der Platz ist gegenwärtig leihweise der Regierung zu militärischen Zwecken überlasten, die aber vertragsmäßig den Platz räumen muß, sobald an die Bauarbeiten herangegangen wird. Wiederum hatte Jaffa eine Fleischnot, infolge eines Metzgerstreikcs. Der Streit kam dadurch, daß sich ein Metzger ans Jerusalem hier niederließ und seinen hier ansässigen Zunstgenosteu Konkurrenz bot. Die Metzger stellten an die Schechitakommisfion die Forderung, den Schächtern zu verbieten, bei dem «euen Metzger zu schlachten. Da aber die Kommission diesem Wunsche nicht entsprach, entschloffen sich die. Metzger zu einem gemeinschaftlichen Streik. Und da der neue Metzger nicht imstande war, den Bedarf zu decken, herrschte hier eine Woche lang empfindliche Fleischnot. Die Metzger haben aber endlich eingesehen, daß sie mit diesen Gewaltmitteln hier nichts ausrichteu und lenkten ein; sie fanden sich bereit, auf Vermittlung der Kommission unter gewisten Bedingungen den neuen Kollegen in ihren Bund aufzunehmen. Das deutsche Geistesleben und die Juden.*) Vortrag von Profeffor Dr. G o l d st e i n. Meine hochgeehrten Damen und Herren! Das deutsche Geistesleben und die Juden! Wenn man über dieses Thema sprechen will, dann trägt einem die Gegenwart eine Flut von Antworten entgegen, die alle mehr oder weniger auf einen einzigen Gedanken gestimmt sind: deutsches Geistesleben und Juden — das sind Dinge, die sich eigentlich! ausschließen; deutsches Geistesleben und Juden find Gegensätze; die Juden wirken auf das deutsche Geistesleben nur zersetzend, zerstörende auflösend; sie stehen, ob sie getauft oder nicht getauft sind, dem deutschen Geistesleben fremd gegenüber. Diese/ Anschauung hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte allmählich verbreitet durch Presse und Literatur, sie gehört bald zu den Selbstverständlichkeiten der gebildeten Kreise des deutschen Volkes. Nun war das nicht immer so; vielmehr ist es im Laufe des 19. Jahrhunderts oftmals aufgefallen, daß deutscher Geist und jüdischer Geist eine gewisse Wahlver¬ *) Vortrag, gehalten auf der Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden am 5. November 191!. wandtschaft haben. Diese innere Wahlverwandtschaft entging nicht den Juden, und sie entging auch! nicht den Christen. Ich führe nur zwei Beispiele dafür an. Zuerst einen durchaus unverdächtigen Zeugen: Ernst Moritz Arndt. Er schreibt in eipem Werke aus den 40 er Jahren des vorigen Jahrhunderts folgende Worte: „Hier in diesem Akten Testament und seinen Geschichten lebt her Protestantismus vor den Protestanten, das Luthertum vor dem Dr. Marttn. Da ich die Protestanten nenne, so könnte ich mit einer Vergleichung, welche gewiß an manchen Punkten zutrifft, > - das Judentum den Protestantismus der alten Welt, das Hellenentum seinen Katholizismus nennen." So Ernst Moritz Arndt! Und 30 Jahre später ergreift zu dem Thema Du Bois-Reymond das Wort, und zwar in einer seiner Festreden in der Akademie. Er führte dort aus, daß von Natur der Engländer, der Franzose, der Italiener künstlerisch vielleicht begabter sei als der Deutsche, daß aber dafür in der Organisation des deutschen Geistes eine Kompensation gegeben sei. Diese Kompensation sieht er in dem auf das Wesen der Dinge gerichteten Sinn der Deutschen. „Unbekümmert um den schönen Schein dringt durch das trügerische Bild hindurch sein für das Unendliche akkommodiertes geistiges Auge bis zu den fernsten Problemen des Seins. Ihm, dem Deutschen, gebührt der Preis im abgezogenen Denken, das vor keiner willkürWen Schranke, keiner Konvention, keiner Mythe, keinem Dogma stehen bleibt. Diesem Geiste entsprang die Wiedergeburt der Philosophie durch Kant, durch Luther in seiner Sphäre die Reformation". Und nuN geht Du Bois-Reymond direkt weiter; „Ein Seitenstück Herzu bietet der für übersinnliche Dialektik und ethische Gesetzgebung angelegte semitische Stamm, der früh zu vergleichsweise reinster Ausprägung des Gottesgedanken^ gelangte ... Mit gerechtem Stolz dürfen Juden und Germanen auf die philosophische Anlage blicken, die hierin sich, ausspricht." Und das ist in der Tat der erste wesensverwandte Zug zwischen deutschem und jüdischem Geist, der einem auffällt, wenn man die Geschichte betrachtet: Der sp'iritualistische Grundzug im Denken und Empfinden, die Fähigkeit und hie Neigung zu spekulativem Denken: dies, daß Deutscher und Jude vielfach zu metaphysischen Abschlüssen hindrängen, daß sie die Dinge des Tages, die Dinge der Zeit nsit den Dingen der Ewigkeit zusammenbringen, daß ein großer geistiger Ernst über den Schöpfungen der Juden und Deutschen liegt. Nirgendwo >in der Welt ist Spinoza so tief, so eindringlich, so mannigfaltig verarbeitet worden, wie gerade in Deutschland. Der „Kampf um die Weltanschauung" ist etwas durchs aus deutsches, denn nirgends in der Welt erregen sich die Geister so stark über letzte metaphysische Probleme. Bis in die Politik hinein spüren Sie auf das Metaphysische gerichtete Denkungsart. Nirgends in der Welt sind politische Fragen — ob das gut oder schlecht sei, lasse ich dahingestellt — verquickt mit Fragen der Weltanschauung. Wenn der Deutsche eine politische Anschauung vertritt, wird er sie irgendwie verknüpfen mit dem Wesen der Dinge, wird sie ausmünden lassen in letzte metaphysische Spekulationen. Es ist nun nicht zufällig, daß es gerade Juden waren, die das Geankengerüst abgegeben haben für diesen Zusammenhang von Weltanschauung und Politik. Der Jude Stahl hat den preußischen Konservativen in seiner Rechtsphilosophie die philosophische Theorfe ihrer Politik gegeben; der Jude Marr hat dasselbe für die Sozialdemokratie getan. Selbst der Antisemitismus, meine Damen und Herren, betrachtet sich gegenwärtig in Deutschland — und das ist seine letzte Ausflucht — a,Is Sache der Weltanschauung. Die zweite Wesensverwandtschaft zwischen deutschem und jüdischem Geist bildet eine Eigenschaft, die man